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Kultur des Weihnachtsfestes

"Eigentlich müsste die Kirche Weihnachten abschaffen, um dem allem die Grundlage zu entziehen", sagte mir vor Jahren ein Theologe, angewidert vom vorweihnachtlichen Kaufrausch. "Sie soll sich hüten", entgegnete ich eilig, "denn dann würde erst sichtbar, wie gut das alles auch ohne religiöse Grundlage funktioniert." Manchmal bin ich ja auch ratlos, was das hektische Treiben bedeutet. Mein intensivstes Weihnachten hatte ich im noch sowjetischen Litauen, als Weihnachten verboten war: Kein Baum, kein besonderes Licht, nur die Gesichter der Menschen leuchteten auf dem Heimweg von der Christmette.

Ein kurzer Spaziergang durch mitteleuropäische Städte zeigt gerade um Weihnachten, dass uns mittlerweile dieselbe Kommerzkultur verbindet. Weihnachtsmärkte und Schaufenster sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Und das Christkind hat kaum mehr eine Chance gegen den Weihnachtsmann. Trivialisierung und Uniformierung aller Symbole sind gerade zu Weihnachten mit Händen zu greifen.

Doch auch hinter der Hektik und hinter dem brennenden Adventkranz an einem Bankschalter steckt eine Erwartung. Dass diese Weihnachtserwartungen nicht einheitlich sind, gehört zu unserer heutigen kulturellen Situation. Dass christlicher Symbolvorrat dabei willkommen ist, auch wenn man ihn nicht mehr genau kennt, ebenfalls. Diejenigen, die noch immer von der Geburt des Erlösers reden, sind in den Großstädten fast schon eine exotische Minderheit.

Aber dass Weihnachten nicht nur die Kassen klingeln lässt, sondern Erwartungen zentriert und die Städte optisch formt, wie das in der disparater werdenden Gesellschaft kaum mehr möglich scheint, ist ebenfalls evident. Seine Erwartungen und Symbole muss jede(r) selbst klären, denn der gemeinsame Bedeutungsvorrat ist dünn und oberflächlich geworden. Und dennoch wertvoll, weil eine gemeinsame Basis trotz aller Individualisierung; er schafft eine Verbindung mit allen, die noch irgendetwas erwarten. Weihnachten "gehört" nicht den Christen allein.

cornelius.hell@furche.at

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