Gegner

Schauspielhaus, Wien

Unbehagen begleitete den Gang zur Uraufführung von "Jerusalem, mon amour" ins Wiener Schauspielhaus: Täglich dreht sich die Spirale der Gewalt im israelisch-palästinensischen Konflikt weiter. Und nun ein Stück, aufgemacht als Fernsehshow, in dem zwei Kontrahenten aus den beiden feindlichen Lagern in Spielchen gegeneinander antreten. Ein fragwürdiges Unterfangen schien es, doch das Gegenteil ist der Fall. Unter der ins Absurde getriebenen Oberflächlichkeit eines TV-Formats findet ein ernsthafter Versuch des Verstehens und der Annäherung statt.

Tragikomische Gestalten sind die beiden, der Israeli (Airan Berg, der auch Regie führte) und der Palästinenser (João de Bruçó), die sich in Unterwäsche aus einem Sandhaufen wühlen: Sie, die ihr Grab verlassen haben, sind Gäste einer aufgekratzten Moderatorin. (Alexandra Schmid), die sie zu stets neuen "Survivalgames" treibt. Es ist ein Spiel, so sinnlos wie traurig, irgendwo an der Grenze, wo das Lachen in Weinen kippt. Simultan übersetzt werden die Aufführungen übrigens von einer Gebärdendolmetscherin.

Annemarie Klinger

Gehörlose

Gehörlosentheaterfestival, Wien

Experimentierfreude, Offenheit für neue Theaterformen und die gleichberechtigte Zusammenarbeit von hörenden und gehörlosen Theaterschaffenden charakterisieren das bereits zum dritten Mal stattfindende Europäische und Internationale Gehörlosenfestival. Unter dem Titel "Sprachen der Welt - Sprachen Europas" werden vom 15. bis 23. März im Wiener Theater des Augenblicks Theaterschaffende aus acht Ländern - Deutschland, Island, Jamaica, Österreich, Polen, Tschechien, Russland und den USA - Einblick in die vielfältigen Facetten des Gehörlosentheaters bieten. Unter den internationalen Gästen sind der vor 120 Jahren gegründete "Berliner Gehörlosen Bühnenclub", mit der Performance "Die Bar", das Teatr 3 Stettin mit der Uraufführung der märchenhaften Entdeckungsreise "Mann aus zwei Welten", oder das National Specialized Institute for The Arts Moskau mit einer Theaterfassung von Gogols Novelle "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen". (Information: www.arbos.at)

Annemarie Klinger

Gutmenschen

gruppe 80, Wien

"Nachts wenn der Mensch kommt". Unter diesem Titel bringt das Theater Gruppe 80 zwei Stücke zusammen, die nach der Doppelpremiere nun alternierend gezeigt werden: Josef Riesers "Hans und Hanni", eine Uraufführung, und "Büchners Lenz" von Jürg Amann. Ersteres ist ein makaberes, bemühtes Schollenmärchen, dem Helga Illichs Inszenierung vergeblich Leben einzuhauchen versucht. Ein inzestuös verbundenes Geschwisterpaar (Alfred Schedl und Gabriela Hütter) zieht mit Mutters Leiche durch die Lande, um vom Tod deren Leben zurückzufordern. Ein Weg, der im Blut und in den Gedärmen einer Kuh sein Ende nimmt.

Empfehlenswerter ist die "Lenz"-Dramatisierung. Stefan Webers Inszenierung bringt einen Hauch von Skurrilität, ja Humor in die tragische Geschichte des Goethe-Bewunderers, die Georg Büchner zu seinem Novellen-Fragment inspirierte. Wie betulich Pfarrer Oberlin und sein holdes Weib (Helmut Bohatsch und Katrin Thurm) Nächstenliebe üben oder Thomas Seiwald als Lenz - eine hagere, von Verzweiflung wie ein Blatt im Wind gebeutelte Gestalt - komische Momente findet, versöhnt.

Annemarie Klinger

Kein Entsetzen, kein Mitleid

Tiroler Landestheater, Innsbruck

Die beklemmende Atemlosigkeit, der Moment der Stille, denen der erlösende Applaus folgen sollte, scheinen zwar nicht ganz zu fehlen, aber doch etwas flach daherzukommen. Was ist passiert?

Regisseur Klaus Rohrmoser überzieht Tennessee Williams' leicht angestaubte Milieuschilderung "Endstation Sehnsucht" samt folgerichtiger psychologischer Studie mit Transparenz ohne Poesie, wenn er auch Südstaatenflair schnuppern lässt: feuchtwarme Luft, Louisiana-Melodien, Alkohol, leichter Sex. Das Bühnenbild in scheinbarer Haltlosigkeit und bedrückendem Dämmerlicht ist von starker Wirkung (Bettina Munzer). Man entdeckt ein seltsames Glück im schäbigsten Viertel von New Orleans, in dem Stella (brillant: Judith Keller), verarmte Tochter einer Geldaristokratie, mit ihrem brutalen, labilen Prolo-Gatten haust (prägnant: Matthias Christian Rehrl).

Das Schicksal der psychisch schwer angekratzten Blanche, die das Heim ihrer Schwester Stella als letzte Zuflucht ansteuert, ist Resultat eines sozialen Absturzes, dem der geistig-ethische Verfall folgen muss. Und gerade diesen Niedergang kann man Charlotte Ullrich nicht so ohne weiteres abnehmen. Das liegt kaum an ihren schauspielerischen Qualitäten, vielmehr an der Persönlichkeit der Protagonistin selbst. Wirkt sie doch - kräftig und mit sportlichem Kurzhaarschnitt - alles andere als zerbrechlich uns psychisch gefährdet.

Mit Charlotte Ullrich wagt es Rohrbacher, eine völlig andere Blanche auf die Bretter zu stellen. Ist sie aber auch die richtige? Obwohl verhalten und vielschichtig in den Zwischentönen, die sie in ihre Traumwelt einschließt, gelingt es dieser gestörten Seele nur schwer, echtes Entsetzen und bares Mitleid der Zuschauer in ihre bittere Endstation mit hereinzuholen. Soll sie vielleicht auch nicht.

Helga Reichart

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