David Wagner - © Reinhard Winkler
Feuilleton

Kulturland Oberösterreich

1945 1960 1980 2000 2020

David Wagner über die Streichung von Förderungen und die ­prekäre Situation der Kulturschaffenden. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

David Wagner über die Streichung von Förderungen und die ­prekäre Situation der Kulturschaffenden. Ein Gastkommentar.

Grüß Gott. Wir sind die, die ­sonntags gern gelobt werden. Die Kulturschaffenden des Landes, denen in sonntäglichen ­Politiker-Reden gern attestiert wird, unverzichtbar für die Gesellschaft zu sein. Die, deren Wert ebenda gern als unschätzbar bezeichnet wird. Die, die in Summe ­womöglich gar jenes Mosaik ergeben, das die Politik sonntags gern von Öster­reich als ­einer Kulturnation sprechen lässt. Einer Kulturnation, die aus neun Kulturbundesländern besteht, von denen eines in jüngerer Vergangenheit des Öfteren für kultur-politische Schlagzeilen gesorgt hat: das Kulturland Oberösterreich.

Land

Als Thomas Stelzer im Jahr 2017 das Amt des Landeshauptmanns von Josef Pühringer übernahm, rief er Oberösterreich zum Land der Möglichkeiten aus. Seither gab es so manche Gelegenheit, sich zu wundern, was alles möglich ist im Land. So ist es zum Beispiel möglich, Kulturförderungen zum Zweck einer vorgeblich unumgänglichen Schuldenbremse zu kürzen (Bildende Kunst: minus 31 Prozent; Musik: minus 33 Prozent; Literatur: minus 34 Prozent) und damit sowohl den freiberuflichen Kulturschaffenden die Exis­tenz zu erschweren als auch die regionalen Kulturinitiativen entweder zum Zusperren, Pausieren oder zum Aufnehmen von Privatkrediten zu zwingen. Und es ist dem Landeshauptmann gleichzeitig möglich, ohne Erröten zu sagen: „Ich möchte Kunst und Kultur in Oberösterreich jene Entwicklungsräume aufmachen, die sie braucht, um in Qualität und Kreativität wachsen zu können.“ Wachsen konnten in diesen Entwicklungsräumen seither lediglich die ohnehin schon enorme Selbstausbeutung und die bereits davor vielfach prekäre Situation der Kulturschaffenden. Dabei geht es bei den angesprochenen Kürzungen um Beträge, die unsereinem zwar so richtig wehtun, die im Gesamtbudget des Landes aber lächerlich geringe Promillesätze ausmachen.

Geld

Wie hat man sich die Arbeit als freiberuflicher Künstler vor dieser Budget-Kürzung vorzustellen? Ein Beispiel aus der ­Praxis, das exemplarisch für den Arbeitsalltag vieler meiner Kolleginnen und Kollegen steht: Vor einigen Jahren hatte ich bei einer Musiktheater-Produktion der Freien Szene neben dem Klavier-Part auch die Produktionsleitung inne, für die mit ­Mühe 1000 Euro budgetiert werden konnten. Um sämtliche damit verbundenen Aufgaben professionell und verantwortungsvoll zu erledigen (Organisation, Pressearbeit, Werbung, Sponsoren, Förder-Ansuchen, Homepage, soziale Medien, Buchhaltung u. a. m.), fielen 180 Arbeitsstunden an, was einen Stundenlohn von 5,56 Euro brutto ergab.

Dazu kam der bei solchen Produktionen nicht seltene Umstand, dass die gesamte Probenzeit unentgeltlich absolviert ­wurde. Eine Reduktion der Mittel um 33 % ließe den Stundenlohn beim nächsten Mal von 5,56 Euro auf 3,73 Euro sinken. Kann mir jemand erklären, warum das Land Ober­österreich mich einerseits für würdig erachtet, den Anerkennungspreis für Bühnenkunst und das Anton-Bruckner-Stipendium entgegenzunehmen, mir andererseits aber ­keinen Stundenlohn gönnt, der auch nur ansatzweise an jenen einer Reinigungskraft der Motohall Mattighofen heran­reicht? Spannend auch die Frage, wer von den Herrschaften, die diese Kürzungen beschließen, bereit wäre, unter solchen Bedingungen ihrer Arbeit nachzugehen.

Bei den angesprochenen Kürzungen geht es um Beträge, die unsereinem zwar so richtig wehtun, die im Gesamtbudget des Landes aber lächerlich geringe Promillesätze ausmachen.

Apropos Mattighofen. Wir wissen nicht, über welche Zauberbremsen die Motor­räder aus dem Hause KTM verfügen, aber die vom Land OÖ verordnete Schuldenbremse scheint sich auf dem (Brems-)Weg von Linz ins Innviertel kräftig abgerieben zu haben angesichts der 1,8 Millionen Euro, die aus dem Kulturbudget in die dortige Motohall fließen, wie wir dank Recherchen der Kulturplattform OÖ (KUPF) und der Oberösterreichischen Nachrichten wissen. Wir dürfen uns ausgebremst fühlen.

Zeit

Neben der chronisch klammen Finanzlage zahlreicher Kulturschaffender und Kulturvereine im Lande beeinträchtigt ein zweiter schwerer Bremsklotz zunehmend das kreative Arbeiten: Die mitunter quälend langen Bearbeitungsfristen von Förder­ansuchen. Entgegen der tollkühnen Aussage von Landeskulturdirektor Reinhold Kräter in den OÖN vom 10. August 2019, alle vollständig eingereichten Ansuchen würden binnen vier Wochen bearbeitet, verstreichen nach Einreichung aller Unterlagen oft neun Wochen, achtzehn Wochen, ja, 32 Wochen und mehr ohne Förder-Entscheidung. Auf diesbezügliche Beschwerden vonseiten der KUPF angesprochen, behauptet Reinhold Kräter im selben Interview ebenso tollkühn, solche Beschwerden hätten ihn noch nie erreicht. Nachweislich wurde er seit Dezember 2017 wiederholt und vehement auf diesen Missstand aufmerksam gemacht.

Die monatelange Ungewissheit hat zur Folge, dass jeder vernünftige Kaufmann sein Projekt zwar sofort stoppen würde, wir Kulturschaffenden aber trotzdem weiter daran arbeiten und zudem privates Vermögen zur Zwischenfinanzierung vor­strecken, Mitwirkende engagieren, ohne zu wissen, ob wir sie bezahlen können, und oft noch während der Aufführungen ­keine ­Ahnung haben, ob das Projekt vom Land Ober­österreich gefördert wird.

Nerven

Und hier ist nicht die Rede von Neulingen, die sich erstmals künstlerisch versuchen. Die angesehensten Festival-Betreiber und Theaterveranstalter des Landes, die seit Jahrzehnten hochqualitative und weit über die Landesgrenzen hinaus rezipierte Eckpfeiler des hiesigen Kulturlebens verantworten, starten ihre Projekte auf die Gefahr hin, am Ende ein allfälliges Defizit mit privaten Mitteln ausgleichen zu müssen.
Lassen wir den Blick ins schöne Mühlviertel schweifen: Dort fand im August 2018 das 31. Festival „Der neue Heimatfilm“ statt. Wenn sich ein so renommiertes Festival 30 Jahre lang etabliert hat, würde man vermuten, das Land OÖ sei vielleicht darauf vorbereitet, dass es auch eine 31. Ausgabe gibt, und könnte das entsprechende Ansuchen nach 30-maliger Vorübung rasch bearbeiten. Weit gefehlt. Die dazugehörige Förderzusage traf im März 2019 ein, also sieben Monate nach Projektion des letzten Films.
Vergangenen Sonntag ist gerade die 32. Ausgabe des Festivals zu Ende gegangen. Mangels konkretem Bescheid ­vonseiten des Landes OÖ wissen die Betreiber mit heutigem Tage noch nicht, ob sie Teile des Festivals aus eigener Tasche bezahlen ­müssen. Erstaunlich genug, dass sie trotzdem unverdrossen die Planung für Festival Nr. 33 in Angriff nehmen. Aber so sind wir Kulturschaffenden in Oberösterreich. Wir machen’s trotzdem. Weil uns die Kultur ein Herzensanliegen ist. Weil uns die Leidenschaft antreibt. Weil wir für die Sache brennen (wenn’s sein muss, auch im Wortsinn). Der Verdruss mit der Kulturpolitik kann unserem Engagement nichts anhaben.

Frage

Eine zentrale Frage, die mich mithin am meisten beschäftigt, konnte oder wollte mir keine der handelnden Personen bislang beantworten: Liegt die Art, wie wir von der Politik behandelt werden, an umfassendem und hartnäckigem Unwissen bezüglich unserer täglichen Arbeitsbedingungen oder dienen gekürzte Budgets und die durch verzögerte Bearbeitung von Förderan­suchen verursachte Planungsunsicherheit vielmehr insgeheim der Zielsetzung, dass freie Kulturschaffende ebenso wie engagierte Kulturinitiativen und interessiertes, aufgeschlossenes Publikum zugunsten einer massentauglichen Event-Kultur früher oder später aus diesem Land verschwinden? Wenn Letzteres zutrifft, wäre uns Kulturschaffenden sehr geholfen, wenn das ­offen ausgesprochen würde. Damit ließe sich leichter leben, als in Sonntagsreden zu hören, wie wichtig wir für die kulturelle Vielfalt des Landes sind, und in Montagstaten zu erleben, wie wir respektlos behandelt, im Ungewissen gelassen und weiter ins Prekariat getrieben werden.

Der Autor ist als Pianist, Komponist, Kleinkünstler und Klavierlehrer sowohl in der Freien Szene Oberösterreichs als auch am Linzer Musiktheater und in der Musikschule Linz tätig

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