Kunst-Kontakt mit Nachbarn

Im Museum Moderner Kunst zeigt die Erste-Bank-Gruppe Teile ihrer Sammlung: Wesentliche Aspekte der Kunst aus Mittel-, Ost-und Südeuropa werden sichtbar.

Mitunter gilt es, das erst so richtig zu entdecken, was ganz nah ist. Die Distanz zwischen Wien und Bratislava ist wohl eine der kürzesten zwischen Hauptstädten am Globus. Der Informationsfluss berichtet aber mehr über kulturelle Geschehnisse von weit her, auf der anderen Seite des Atlantiks etwa, denn aus der Nachbarmetropole. Blickt man südlicher, kann man fragen: Was blieb kulturell von massenhaften Urlauben im ehemaligen Jugoslawien? Erst im Schlepptau der kapitalistischen Ausbreitung Richtung Ost-und Südosteuropa kommt es auch zur Wahrnehmung der Kunst. "Kontakt" nennt sich dieses Projekt, das die Erste Bank betreibt. In der aktuellen Ausstellung zeigt sich dieser Kontakt in der Präsentation mehr oder minder unrezipierter künstlerischer Äußerungen aus diesem Raum der 1960er bis 80er Jahre, ergänzt durch zeitgenössische Positionen.

Sind einige Namen aus der jüngeren Riege auch in der österreichischen Kunstpräsentation schon dort und da aufgetaucht, so bietet die ältere Generation einiges an Überraschung. Nachdem die Schau einen Ausschnitt aus einer Sammlung präsentiert, wird mit ihr auch deren Konzept transportiert: Fehlstellen in der Wahrnehmung künstlerischer Ausdruckskraft aus dieser Zeit und dieser Region zu füllen. Allerdings nicht in der Gesamtheit künstlerischer Aussagen - wer wollte einen derartigen Anspruch wirklich vertreten wollen? -, sondern mit einer spezifischen Fokussierung. "Der Bruch mit modernistischen Paradigmen der offiziellen Kunst; das Auftauchen von Konzeptualismen und zeitgebundenen Praxen wie der Aktion; die Überschreitung der traditionellen Formulierungen der frühen Medienkunst oder durch andere konzeptuelle Strategien", wie Georg Schöllhammer als Mitglied des Sammlungsbeirates schreibt, bilden die Anknüpfungspunkte. Unübersehbar zeigen die Arbeiten eine Politisierung der Kunst, die gerade in den Staaten jenseits des ehemaligen eisernen Vorhangs ganz andere Strategien hervorbrachte als auf der uns bekannteren Seite.

Da breitet sich dann etwa bei Mladen Stilinovic´, interessanterweise ein Belgrader Künstler aus Zagreb, in einem Zyklus aus den 70er Jahren die kommunistische Einheitsfarbe Rot über alle möglichen kulturellen Chiffren; sie erobert handelsübliche Comics genauso wie das Konterfei von Papst Johannes XXIII. oder die Heiligenscheine auf einer Giotto-Reproduktion. Oder es genügt sich für sich als rotes Quadrat - vielleicht schon eine bisschen zu einem Pink ausgefärbt. Die slowenische Gruppe IRWIN nimmt diese Hinweise auf und belegt 1992 in "Black Square on Red Square" den Roten Platz in Moskau mit einem riesigen schwarzen Stoffquadrat.

Das "Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch aus dem Jahr 1913 hat die "rote Ideologie" überlebt und ersetzt sie nun. Von dieser Ablöse von politischen und religiösen Machtapparaten durch die Kunst hatte schon Malewitsch geträumt. Ob sie sich wirklich erfüllen lassen, bleibt dahingestellt. Mit ähnlicher Strategie arbeitet Kazimir Malevich aus Belgrad, jenes Duplikat des russischen Malewitsch, das dessen berühmte Ausstellung in St. Petersburg aus dem Jahr 1915 originalgetreu wieder erstehen lässt. Was bislang nur in Schwarz-Weiß dokumentiert war, entfaltet sich nun in neuer Farbenpracht.

Ganz anders die Situation in der Slowakei. Bei Stano Filko ist die Farbe ausgeronnen, bei ihm betritt man einen "weißen Raum in einem weißen Raum". Eines der spannendsten Projekte stammt vom ebenfalls slowakischen Künstler Július Koller. Aus seinen Anti-Happenings der 60er Jahre, in denen er gegen die zynisch technoiden Allmachtsphantasien des sozialistischen Staatsapparates den Rezipienten wieder eine direkte Erfahrung von Kunstwerken zurückgeben wollte, wurde beginnend mit den 70er Jahren das UFO: Universelle-Kulturelle Futurologische Operationen. Die Zukunft hat schon begonnen.

Kontakt ... aus der Sammlung

der Erste-Bank-Gruppe

MUMOK, Museumsplatz 1, 1070 Wien

Bis 21. Mai Di-So 10-18, Do 10- 21 h

Katalog: Kontakt ... aus der Sammlung der Erste Bank-Gruppe. Köln 2006, dt./engl., 280 S., e 30,80

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