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Digital In Arbeit

Aus „Neusehland"

Die Figuren auf seinen Bildern stehen seit 1969 Kopf. Sie scheinen einem eigenen Gravitationsgesetz zu folgen. Von oben herab fallen sie verkehrt in einen bodenlosen Baum. Die Bede ist von der unverwechselbaren Bild weit von Georg Baselitz.

Der 58jährige Künstler ist 1957 aus der DDR nach West-Berlin übersiedelt und gehört heute zweifelsohne zu den bedeutendsten deutschen Malern. Wie eindrucksvoll auch sein drackgraphisches Werk ist, davon kann man sich nun in der Bawag Fon-dation überzeugen: Zu sehen sind Holzschnitte der letzten zehn Jahre.

Georg Baselitz, auch bekannt für seine bemalten Holzplastiken, liebt

Holz. Mit dem Messer gräbt er seine figurativen und abstrakten Zeichen in die Platten, benutzt die Maserung als ornamentale Grandlage für seine eigene Motivwelt. Im Unterschied zu den Expressionisten bezieht er die Ringe und Löcher des Holzes jedoch nicht unmittelbar in die Komposition ein, läßt die Struktur vielmehr als verborgenes Bild hinter dem Bild bestehen.

Thematisch präzisiert die Druckgraphik das malerische Werk: Auch hier arbeitet Baselitz mit der Motivumkehr, stellt die Hierarchie von oben und unten in Frage.

Am Beginn der Schau werden Drucke aus den achtziger Jahren präsentiert: Rotschwarze, schmerzverzehrte Gesichter schieben sich von allen Seiten in die Rildräume - sie erinnern in ihrer expressi -ven Gestik entfernt an Arbeiten von Münch oder Rarlach. Besonders beeindruckt haben jedoch die Holzschnitte der neunziger Jahre, zu sehen im oberen Stockwerk. Baselitz ist abstrakter und zugleich sublimer geworden. Es ist das Ineinandergreifen von ungegenständlichem Ornament und den weiblichen Körpertorsi, das die Serie „Rote Schwestern" (1995) so spannend macht. Wie in einem linearen Netzwerk gefangen wirkt der Kopf auf „45-April" (1990), einem der reduziertesten und vielleicht gerade deswegen aufrührendsten Blätter.

Eine Baselitz-Ausstellung besuchen, das heißt jedes Mal unsere Sehgewohnheiten auf den Kopf stellen. Es lohnt sich, „Neusehland" in der Bawag zu betreten. (Bis 8. Juni)

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