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Kunstgenuss unter freiem Himmel

1945 1960 1980 2000 2020

Nur alle zehn Jahre finden die Skulptur Projekte Münster statt, heuer ist es wieder so weit: 35 zeitgenössische Kunstwerke treten mit dem öffentlichen Raum in Beziehung. Eine spannende Rallye vom Bahnhof bis zum Hafen -nicht nur für Kunstenthusiasten.

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Nur alle zehn Jahre finden die Skulptur Projekte Münster statt, heuer ist es wieder so weit: 35 zeitgenössische Kunstwerke treten mit dem öffentlichen Raum in Beziehung. Eine spannende Rallye vom Bahnhof bis zum Hafen -nicht nur für Kunstenthusiasten.

Schon in der Regionalbahn sind internationale Kunstkritikerstimmen zu vernehmen -dieser Samstag, 10. Juni, ist eine Herausforderung: Neben der documenta 14 in Kassel wird die fünfte Ausgabe der Skulptur Projekte Münster eröffnet. Neugieriges Umsehen in der Bahnhofsunterführung, dort erwartet die Besucher laut Plan das erste Kunstwerk. Dieses ist nicht zu sehen, sondern zu hören: Der "Quiet Storm" ist ein Soundkonzept des nigerianischen Video-und Klangkünstlers Emeka Ogboh, basierend auf Kompositionen und Dichtungen des amerikanischen Musikers Moondog. Ein schöner Einstieg und gleich die Erkenntnis, dass die Skulptur Projekte des öfteren nicht räumlich oder haptisch greifbar sind.

Am Rand der Fußgängerzone bietet das Stadtmuseum einen schönen Rückblick als Einstieg, Fotos des Münsteraner Fotografen Berthold Socha, der die Skulptur Projekte seit 1977 begleitet. Stets war er dabei mehr am Umgang der Menschen mit den Kunstwerken interessiert als an der Kunst selbst. Beeindruckend, auf welch hohem Niveau die Skulptur Projekte begannen, die Künstlernamen der ersten Ausgabe lesen sich wie ein Who is Who zeitgenössischer Kunst: u. a. Carl Andre, Joseph Beuys, Donald Judd, Richard Long, Bruce Naumann, Claes Oldenburg.

Entstanden sind die nur alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur Projekte, weil die Münsteraner sich Anfang der 1970er-Jahre empörten -die Stadt plante die kinetische Skulptur "Drei rotierende Quadrate" des amerikanischen Künstlers George Rickey anzukaufen: Zu teuer und überhaupt, was soll moderne Kunst im öffentlichen Raum, noch dazu in einer Stadt, in der man alles dafür getan hatte, die Wunden des Krieges zu heilen, indem man die Altstadt, so gut es ging, im alten Glanz auferstehen ließ ...

Künstlerische Schnitzeljagden

Die offizielle Eröffnung ist für 17 Uhr angesetzt, bis dahin wuseln allerorten mit Plänen bewaffnete Kunstenthusiasten durch die verschiedenen Ecken der Stadt, vielerorts kommt man ins Gespräch und greift sich unter die Arme. Gut so, denn sonst hätte ich Aram Bartholls wunderbare Lüster aus Teelichtkerzen, deren Thermoenergie LED-Lampen befeuert, wohl vergeblich gesucht - am Plan sind Fußgängerunterführungen schwer zu erkennen.

Pünktlich zurück im LWL-Museum, LWL steht für Landschaftsverband Westfalen-Lippe: Das Foyer ist voll und die Vorfreude heizt den Raum noch mehr auf. Es gibt kein zentrales Podium, sondern mehrere, im Raum verteilt. So entsteht ein schöner Dialog der verschiedenen Ausstellungsmacher, allen voran Kasper König, Kurator und Museumsdirektor im Unruhestand. 1977 holte ihn der Kurator Klaus Bußmann mit ins Boot, als er nach der Kontroverse um Rickeys kinetische Skulptur mit einer Ausstellung in Münster Basisarbeit für den Umgang mit zeitgenössischer Kunst schaffen wollte. Bußmann ist auch gekommen, bescheiden und gerührt freut er sich inmitten des Publikums, als ihm dieses herzlich und sehr laut applaudiert. 1997 erst waren die Skulptur Projekte samt 10-Jahres-Rhythmus fest etabliert. 2017 war es der sehr große Erfolg, der Kasper König (diesmal gemeinsam mit Brigitte Franzen und Carina Plath) bewog, ein fünftes Mal die Skulptur Projekte als Kurator zu betreuen, er wollte alles tun, eine Verkürzung des Intervalls auf fünf Jahre zu verhindern und damit eine möglicherweise daraus resultierende Beliebigkeit.

Neben aller Kontinuität gibt es ein Novum in diesem Jahr: Die Zusammenarbeit mit der Ruhrgebietsstadt Marl unter dem Motto "The Hot Wire"(Heißer Draht). Unter anderem tauschen die beiden Städte Skulpturen, so thront Ludger Gerdes' Schriftzug "Angst" (1989) nun auf dem Münsteraner Ägidihof, normalerweise ziert er das Marler Rathaus.

Zahlreiche Kunstwerke sind in der Stadt verblieben (auch sie sind auf dem Plan verzeichnet), so Hans Peter Feldmanns WC-Anlage am Domplatz, wohl inspiriert von Carl Andres Dictum, dass eine Gesellschaft, die keine öffentlichen Toiletten zur Verfügung stellt, Kunst im öffentlichen Raum nicht würdig sei.

Kunst auch am Hafen

Ermattet vom Andrang im Foyer, den schönen Eröffnungsreden, dem Kunstwerkesuchen zu Fuß oder per Fahrrad und dem anschließenden Analysieren begab sich so mancher Kunstfreund am frühen warmen Sommerabend vorbei an Michael Smiths Tätowierstudio an den Binnenhafen, denn dort kann man über das Wasser laufen: Die Künstlerin Ayse Erkmen, die gerne in gegebene Strukturen eingreift und deren Funktionen verändert, hat dort den noch wirtschaftlich genutzten Teil mit dem von Kneipen übersäten Ufer mit einem Steg verbunden, der sich knapp unter der Wasseroberfläche befindet. Die nassen Füße brachten Abkühlung und schöne Erinnerungen an Christos "Floating Piers".

Skulptur Projekte bis 1. Okt., verschiedene Orte in Münster www.skulptur-projekte.de

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