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Kuriose Universaltalente

Roboter beherrschen immer komplexere Aufgaben. Der Nutzen lässt sich dabei nicht immer auf den ersten Blick erkennen. Die Vielfalt der Roboter-Fertigkeiten nimmt kontinuierlich zu.

Das Jahr 2011 war das bislang erfolgreichste in der 50-jährigen Geschichte der kommerziellen Robotik. Zumindest dann, wenn man Erfolg in Verkaufszahlen misst. Im vergangenen Jahr gingen weltweit 165.000 Industrieroboter über den Ladentisch, 37 Prozent mehr als im Jahr zuvor. In den Fabrikshallen der produzierenden Industrie sind Roboter schon lange heimisch. Dort verschweißen sie Karosserieteile von Automobilen, bestücken im Blitztempo Leiterplatten mit elektronischen Bauteilen oder bearbeiten Hunderte Kilogramm schwere Bauteile in Gießereien. Mittlerweile trifft man auch schon in Privathaushalten auf Roboter. Zwei typische Hausarbeiten haben sich als erfolgreich - und wirtschaftlich - automatisierbar erwiesen: Rasenmähen und Staubsaugen. Dazu befähigte Roboter sehen meist aus wie dicke Frisbeescheiben, rollen durch Zimmer oder Garten und saugen Dreck auf bzw. schneiden Gras. Die modernste Generation solcher Helferlein vermisst den zu reinigenden Raum mit Laserscannern und legt zudem einen Plan des Zimmers an. Einfachere Modelle fahren einfach per Zufall im Raum herum bis der Akku leer ist.

Nicht nur die meisten, sondern auch die skurrilsten Roboter gibt es in Japan. Dazu zählt etwa ein Exemplar der Universität Waseda in Form eines Eisbären, der als Kopfpolster genutzt wird. Er ist bequem, soll seinem Besitzer darüber hinaus aber auch das Schnarchen abgewöhnen. Dazu überwacht er dessen Puls, Sauerstoffgehalt im Blut und Schnarchlautstärke. Bei Erreichen eines Schwellenwertes streicht der Roboterbär sanft mit dem Arm über das Gesicht des Schlafenden. Dadurch dreht dieser seinen Kopf und hört auf zu schnarchen.

Die Unterscheidung zwischen skurril und nützlich lässt sich nicht immer auf den ersten Blick trennscharf ziehen. So kann man den zweibeinigen Laufroboter HRP3L-JSK der Universität Tokio treten, ohne dass dieser umfällt. In nur einer Millisekunde berechnet seine Steuerung 170 mögliche ausgleichende Schrittbewegungen und wählt diejenige aus, die mit größter Wahrscheinlichkeit einen Sturz verhindert. Der seriöse Hintergrund: Lange Zeit galt der aufrechte Gang als Gordischer Knoten der Robotik. Es gelang nicht, das komplexe Wechselspiel aus Druckverteilung, Gleichgewicht und Schwerpunktverlagerung künstlich nachzuahmen. Erste Erfolge demonstrierte der Konzern Honda mit seinem Roboter Asimo, der immerhin leidlich sicher gehen, laufen und sogar Treppen steigen kann. Der unumstößliche HRP3L-JSK ist deshalb ein echter Durchbruch. Dank immer schnellerer Elektronik und ausgeklügelten Software-Algorithmen lassen sich Robotern heute Bewegungsabläufe beibringen, die früher als unmöglich realisierbar galten. Ob seiner Balance für Aufsehen sorgt etwa der 50 Zentimeter große und fünf Kilogramm schwere Roboter Murata Boy - er kann selbstständig Fahrrad fahren. In gewisser Weise übertrifft er dabei menschliche Bicyclisten. Denn dank eines eingebauten Gyroskops hält Murata Boy auch dann das Gleichgewicht, wenn er bewegungslos auf dem Fahrrad sitzt.

Einsätze von Werbung bis zu Überwachung

Bereits vor einigen Jahren stellte Toyota einen Trompete spielenden Roboter vor und bald darauf einen weiteren, der Geige spielt. Kaum minder beeindruckend ist Teotronico, den der italienische Entwickler Matteo Suzzi in vierjähriger Bauzeit kreiert hat. Sein Roboter trägt Frack und Hut, verfügt über Physiognomie und spielt Klavier - mit 19 Fingern. Oft sind bizarr anmutende Roboter über den spontanen Unterhaltungswert hinaus kein Selbstzweck. Sie sollen für Unternehmen werben, Menschen für die Forschung begeistern oder neue Technologien an praktischen Problemen wie Rad fahren oder Musizieren erproben. Umgekehrt verursachen manche Verwendungen von Robotern jedoch ein leichtes Frösteln. So lässt das südkoreanische Justizministerium um umgerechnet 650.000 Euro einen Roboter entwickeln, der als Gefängniswärter eingesetzt werden soll. Der Prototyp sieht aus wie ein zu groß geratenes Kinderspielzeug. Er soll autonom patrouillieren und die Zellen auf ungewöhnliches Verhalten der Insassen überprüfen. Im Ernstfall greift er aber nicht selbst ein, sondern alarmiert humanes Personal.

Dass Roboter immer anspruchsvollere Aufgaben ausführen können, zeigt jedoch nur nach einer möglichen Interpretation, dass sie zunehmend intelligenter werden. Man kann daraus ebenso gut schließen, dass die Aufgaben gar nicht so schwierig sind, wie wir immer dachten.

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