Digital In Arbeit

Kuss der Meerjungfrau

Antonín Dvo#ráks Oper #Rusalka# nicht als Mythos, sondern als modernes Märchen, um Umweltsünden anzuprangern: In einer Inszenierung in der Volksoper wird das Stück von den Einzelnen mit unterschiedlicher Überzeugungskraft präsentiert. Die musikalischen Ebenen bleiben ungenutzt.

Mehr als Symphoniker und Kammermusiker,denn als Opernkomponist ist Antonín Dvo#rák bekannt. #Man sieht mich als Symphoniker an, und doch habe ich schon vor langen Jahren meine überwiegende Neigung zur dramatischen Schöpfung bewiesen#, klagte er wenige Monate vor seinem Tod.

Schon bei der erfolgreichen Uraufführung am 31. März 1901 am Nationaltheater Prag wusste so mancher nichts mit seiner Oper #Rusalka# anzufangen. Niemand Geringerer als der spätere erste kommunistische Minister für Erziehung und Aufklärung, der damals 24-jährige Zden#ek Nejedl´y, beurteilte sie als #eine Kette melodischer Gedanken ohne dramatische Kontinuität#. Hat er bewusst missverstanden, dass die spezifische Fähigkeit Dvo#ráks gerade darin bestand, alles durch die Melodie auszudrücken? Dies bedeutet keineswegs den Verzicht auf Dramatik.

Wie schwierig eine gemäße Umsetzung von #Rusalka# ist, zeigt sich auch in der Volksoper. Eine #Warnung in Gestalt eines Märchens#, wie im Programmheft vermerkt, wollten André Barbe und Renaud Doucet (Regie und Ausstattung) mit ihrer Arbeit vorlegen. Getragen vom Gedanken, dass die Natur von #jeher ein grausames Phänomen# war, #dessen Konsequenzen man entweder erleidet oder beherrscht, um zu überleben#.

Baumkronen und Irrlichter

Deswegen wird man in dieser Szenerie bald mit zahlreichen grünen Mistkübeln konfrontiert. Sie selbst wird von einer übergroßen Baumarchitektur dominiert. Diese bietet Platz, um auf zwei Ebenen das Geschehen ablaufen zu lassen, und aus der Baumkrone ein winziges Haus herauswachsen zu lassen. Dem Regieteam geht es darum, die Geschichte von der Meerjungfrau, die für ihren geliebten Menschenprinzen auf ihre Stimme verzichtet, diesen schließlich mit ihrem Kuss tötet, um künftig als Irrlicht in der Welt herumzuirren, ins Märchenhafte zu drängen, um daraus eine Parabel für die menschlichen Umweltsünden zu kreieren. Jäger werden zur Karikatur und als Feinde der Natur gebrandmarkt, da sie unnatürlich wohlleibig erscheinen. Solche Deutungen, wie auch den Mond auf seiner Scheibe sitzend über die Bühne zu ziehen, den Prinzen mit seiner späteren Geliebten, der fremden Fürstin, in Playboy-Manier im Motorboot vorfahren zu lassen, verwässern nicht nur die Botschaft, sondern diminuieren das Stück zur langatmigen und harmlosen Story. Zumal es der Regie nicht gelingt, die von der Musik vorgezeigten zwei Ebenen # die Elementargeister auf der einen Seite, die tonmalerisch anders gezeichneten Menschen # in Gestik und Ausdruck der Protagonisten deutlich zu machen. So bleibt die Skurrilität der Hexe Je#zibaba (angestrengt Dubravka Musovic) ebenso auf der Strecke wie der Wassermann, für den Mischa Schelomianski nicht über das entsprechende vokale Profil verfügt. Tadellos, aber nicht mehr, gibt Ales Briscein den dandyhaften Prinzen, nicht immer gleich höhensicher Victoria Safranova die fremde Fürstin. Rollendeckend agieren Clemens Unterreiner und Renée Schüttengruber als Heger und Küchenjunge. Gut fügen sich die übrigen Darsteller ins Ensemble, überragt von der auch gestalterisch auf Differenziertheit setzenden Kristiane Kaiser.Von Henrik Nánási am Pult des engagierten Orchesters und gut einstudierten Chors (Michael Tomaschek) hätte man sich mehr musikalischen Elan, eine stimmigere Tempodramaturgie, vor allem größeres Einfühlungsvermögen für die Sänger erwartet.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau