Labile Wandaktie

1945 1960 1980 2000 2020

Für Helmut Zambo, Jurist, Unternehmensberater und seit 40 Jahren Kunstsammler, ist wesentlich: "Kunst ist sinnlich und macht sinnlich."

1945 1960 1980 2000 2020

Für Helmut Zambo, Jurist, Unternehmensberater und seit 40 Jahren Kunstsammler, ist wesentlich: "Kunst ist sinnlich und macht sinnlich."

Die Furche: Herr Zambo, glauben Sie zu wissen, welche Kunst ihren Wert behält?

Helmut Zambo: Mich stört allein schon der Gedanke, daß man von Kunst verlangt, sie solle nach einiger Zeit mehr wert sein als zuvor. Warum? Wenn sich jemand einen Porsche für eine Million kauft, so kostet der in der Erhaltung eine Menge Geld. Wenn ich ihn verkaufe, hat er zwei Drittel seines Wertes eingebüßt. Aber man sagt sich: "Na gut, ich habe Spaß gehabt". Ein Bild kostet in der Erhaltung hingegen gar nichts. Es hängt an der Wand und erfreut. Ist doch wunderbar. Wenn ich Glück habe, ist es nach einiger Zeit ein Oldtimer, und ich bekomme viel Geld dafür. Wenn nicht, habe ich mich jahrelang daran erfreut und vererbe es meinen Kindern.

Die Furche: In welche Richtung sollte man investieren, wenn man junge Kunst sammeln möchte und sicher gehen will, daß sie von bleibender kunstgeschichtlicher Bedeutung sein wird?

Zambo: Diese Frage kann niemand beantworten. Wir täuschen uns immer. Diese Diskussion um den bleibenden Wert von Kunst schießt ohnehin am Ziel vorbei und ist vollkommen überflüssig. Eine Zeitlang war dieses Thema sehr in. Es gab sogar Galerien, die Verzinsungsgarantien gegeben haben: zwölf Prozent pro Jahr! Sie sind aber alle pleite gegangen, denn als sie die Arbeiten zurückkaufen mußten, hatten sie das Geld nicht mehr. Es gibt Künstler, die im Moment wahnsinnig teuer sind und die in allen Museen hängen. Trotzdem glaube ich, daß sie in 30 Jahren niemand mehr kennen wird. Die österreichische Kunstszene kennt genügend Beispiele ...

Die Furche: Wen meinen Sie damit?

Zambo: Denken Sie daran, was in Österreich als Reaktion auf den Krieg mit all den Entbehrungen und der Sehnsucht nach dem Romantischen und dem Gegenständlichen an künstlerischer Szene wirklich bedeutend war: die Wiener Schule mit Arik Brauer, Ernst Fuchs und Anton Lehmden. 1975 hat ein kleines Brauer-Aquarell soviel gekostet wie eine großformatige Arnulf Rainer-Übermalung. Heute kostet dieses kleine Brauer-Aquarell fast nichts mehr und die große Rainer-Arbeit Millionen.

Die Furche: Es gibt aber immer wieder Leute, die rechtzeitig erkennen, welche Kunst Bestand haben wird ...

Zambo: Es gibt einige wenige geniale Menschen mit seherischem Talent, die sofort erkennen, ob etwas bedeutend ist oder nicht. Aber Sehen muß man jahrzehntelang schulen, das kann man nicht in einem Wochenendkurs erlernen. Gute Galeristen sollten eigentlich diese Fähigkeit besitzen. Nur gibt es heute davon sehr wenige, da wir eine Galeriensumpfszene haben. Früher war Galerist ein Edelberuf, aber heute haben die meisten Galeristen keine Substanz mehr.

Die Furche: Relativiert erst die Zeit, was bedeutend ist und was nicht?

Zambo: Alle große Kunst ist Avantgarde, also Vorreiter, sie ist immer eine Vorhut. Das heißt aber, daß sie die große Masse nicht begreift. Denn das Neue ist fremd, und was fremd ist, lehnt man ab. Heute stellen sich die Leute zu einer Van-Gogh-Ausstellung an, 1960 war dem keineswegs so, und 1930 war es sogar rufschädigend, dorthin zu gehen. Trotzdem hat sich an der Kunst Van Goghs nichts geändert. Es war schon in dem Moment Weltkunst, als Van Gogh die Farbe aus der Tube auf die Leinwand brachte.

Die Furche: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, Kunst tauge nicht für Investitionen ...

Zambo: Ich rate dringend davon ab, Kunst spekulativ zu kaufen. Die Wandaktie rechnet sich nie. Wer Geld anlegen will, soll es auf ein Sparbuch legen, sich fest verzinsliche Anleihen oder Goldmünzen kaufen.

Die Furche: Warum? Sie haben ja auch seit 40 Jahren Kunst gesammelt.

Zambo: Aber ich bin ein Überzeugungstäter. Ich sammle nur Kunst, die zu mir spricht. Günter Brus hat einmal geschrieben: "Kunst, das ist die menschliche Seite Gottes". Und wie wir schon aus der Bibel wissen, soll man mit Gott kein Geschäft machen. Dasselbe gilt für den Sammler, der auch aus der Kunst keinen Profit schlagen soll. Man zahlt sowieso meistens drauf, denn man kauft fast immer zu spät. Die Verwertbarkeit von Kunst ist äußerst fragwürdig, wenn es nicht gerade so ist, daß ich als ganz junger Mensch durch Zufall etwas gekauft habe, was weltbedeutend wurde. Von Tausenden Künstlern schafft einer den Sprung zur Bekanntheit.

Die Furche: Ihre eigene Vita spricht aber dagegen. Sie haben sich ein ganzes Haus mit dem Verkauf eines einzigen Bildes (Cy Twombly) gebaut ...

Zambo: Sicher habe ich als Sammler profitiert. Aber das Haus hätte ich mir auch bauen können, wenn ich das Geld immer schön brav auf die Bank getragen hätte. Aber ich habe immer alles Geld für Kunst ausgegeben. Mit 15 Jahren habe ich mein erstes Aquarell erworben, das Geld habe ich mir als Tankwart am Wochenende verdient. Zufällig ist mir auf diesem Wege 1960 Arnulf Rainer noch als Student begegnet und hat mich so fasziniert, daß daraus die schönste und größte Rainer-Sammlung wurde. Genauso zufällig hat auch Günter Brus meinen Weg gekreuzt.

Die Furche: Diese "Zufälle" haben sich letztendlich rentiert, denn Arnulf Rainer und Günter Brus gehören zu den derzeit am teuersten gehandelten österreichischen Künstlern ...

Zambo: Sicher. Aber ich habe auch Künstler gesammelt, von denen Sie heute nicht einmal mehr den Namen kennen. Die meiste Kunst, die ich in den Jahrzehnten zusammengetragen habe, stammt von unbekannten Künstlern. Die würde mir heute niemand abkaufen. Trotzdem bin ich davon überzeugt, daß deren Arbeiten großartig sind. Mit dieser Meinung stehe ich aber alleine da.

Die Furche: Gibt es für Sie Charakteristika, die erkennen lassen, ob jemand ein bedeutender Künstler wird?

Zambo: Eine Voraussetzung für einen großen Künstler ist, daß er sich quält. Das existentielle Ausloten aller Möglichkeiten ist entscheidend. Das alleine sagt aber auch nichts. Es gab genug Künstler, die dies taten, und trotzdem ist aus ihnen nichts geworden. Alles, was ich diesbezüglich sagen kann, kann ich sogleich mit Gegenbeispielen belegen. Ich glaube einfach: "It pops out". Es hat auch etwas mit dem Zeitgeist und dem Umfeld zu tun. Denn großartige Kunst entstand immer in Bruchzonen, in Krisenzeiten, wo dramatische gesellschaftspolitische, technische oder finanzielle Umwälzungen stattfanden.

Die Furche: Können die Medien den Wert eines Künstlers hochtreiben?

Zambo: Durchs Fernsehen und durch die Zeitungen werden Menschen in ihrem Urteil beeinflußt. In den 70er Jahren, als noch der Stern von Fuchs strahlte, hat das Kaufhaus Gerngroß eine Radierung aufgelegt. Damals stand in der Zeitung: Man muß diese großartige Druckgraphik kaufen. Die Leute haben sich bereits um fünf Uhr früh angestellt, und um zehn Uhr war die ganze Auflage verkauft. Es waren alles kleine Leute in der Hoffnung, sie machen das Geschäft ihres Lebens. Das Ding haben sie nachher wegschmeißen können, weil es ein Schmarren war ...

Die Furche: Es gab im letzten Jahr in Österreich den Vorwurf, Kunsttheoretiker und Kritiker bestimmten im wesentlichen, was Kunst sei. Wie stehen sie zu dieser Ansicht?

Zambo: Ich glaube schon, daß Kunstwissenschaftler, Museumsdirektoren und Galeristen Trends mitbestimmen. Vor allem durch die Seilschaften. Wenn ein Künstler einmal in vier Museen ausgestellt wurde, weil die Galeristin zu den Direktoren gute Kontakte hat, interessieren sich auch andere dafür, so entsteht eine Kettenreaktion.

Die Furche: Der Wert von Kunst geht ja über die materielle Seite hinaus. Welchen Wert hat Kunst für ihr Leben?

Zambo: Das ist doch klar: Künstler haben die Menschheit und die Gesellschaft weiter gebracht als die Generäle und die Politiker! Kunst erhöht die Lebensqualität und erweitert das Bewußtsein. Sie ist sinnlich und macht sinnlich.

Die Furche: Hat sich für Sie der persönliche Wert von bestimmten Bildern im Laufe der Zeit verändert?

Zambo: Durchaus. Von dem, was ich mit 16 oder 17 gesammelt habe, besitze ich nichts mehr. Das habe ich alles vertauscht, verkauft oder verschenkt. Heute bin ich mir aber relativ sicher über die Bilder, die für mein Leben wichtig sind! Ich kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, welche Kunsttendenz bedeutend bleiben wird. Aber eines weiß ich: Manches, was hier in meiner Wohnung an der Wand hängt, ist ganz große Kunst!

Das Gespräch führte Johanna Schwanberg.

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