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Lachend in den SELBSTBETRUG

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Wenn Griechenland scheitert, dann nicht an seinen Schulden, sondern an den psychologischen Fehlurteilen jener, die es eigentlich retten sollten.

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Wenn Griechenland scheitert, dann nicht an seinen Schulden, sondern an den psychologischen Fehlurteilen jener, die es eigentlich retten sollten.

Man muss kein Prophet sein um heute, es ist Dienstag der 30. Juni nachmittag, folgende Voraussage für Donnerstag zu machen: Wenn Sie diese Sätze also lesen, fällen die Märkte, und damit die Finanzanleger auf der ganzen Welt, ihr Urteil über Griechenland und den Euro. Freilich: Wenn es ganz schlecht hergeht, dann werden sie das bereits getan haben, und Sie haben gewiss andere Sorgen, als diesen Artikel zu lesen. Wir hoffen also das Beste - auch über den Donnerstag hinaus.

Die Märkte also fällen Urteile, Kollektivurteile sind das, in denen die Meinung von hunderttausenden Anlegern und ein paar Highspeed-Trading-Computerprogrammen zusammenfließen. Die Masse muss in diesem Fall durchaus kein positiver Faktor gesteigerter Weisheit sein. In jeder krisenhaften Situation an den Finanzmärkten sieht man ja die vielberühmte Schwarmintelligenz zur Schwarmidiotie und Massenpanik verkommen. Aber das sind Allgemeinplätze von wenig Neuigkeitswert. Wir wollen im Nachfolgenden über jene Fehlurteile berichten, die letztlich zu dem nun anstehenden Urteil der Märkte geführt haben. Und derer sind viele. Interessanterweise bewegen sich die meisten davon auf einer emotionalen Ebene, nicht auf jener eines Systems, einer Ideologie oder gar der wissenschaftlichen Anwendung ökonomischer Erkenntnisse.

Eklatantes Versagen

Diese Serie eklatanten Versagens beginnt schon im Jahr 2001 als Griechenland erlaubt wird, Mitglied der Eurozone zu werden. Denn das Land ist von einer funktionierenden Marktwirtschaft, welche die Grundvoraussetzung einer hochentwickelten Hartwährung ist, weit entfernt. Es gilt das Lächeln der griechischen Regierung und die Hoffnung, die vielen Oligopole (etwa Reedereien, Energie-und Erdölbetriebe, Bauwirtschaft) und die kleptokratischen Seilschaften innerhalb des Landes würden sich von alleine auflösen.

Jene Beamten der EU-Kommission, welche die vergleichsweise hohe Instabilität des griechischen Marktes und seine mangelnde Wettbewerbsfähigkeit aufzeigten, verfielen dem, was US-Wirtschaftspsychologen das "Botenparadox" nennen. Dieses Phänomen beschreibt im Wesentlichen, dass der Mensch positive Nachrichten viel bereitwilliger aufnimmt als negative. Dieses Verhaltensmuster hat zur Zeit der Perser darin gegipfelt, Boten mit schlechten Nachrichten einfach zu töten. Nicht ganz so schlimm erging es den EU-Beamten. Sie wurden ignoriert und ihre Berichte schubladisiert. Auch in den EU-Institutionen gibt es also das Phänomen politischer Verdrängung, die vorgeblich objektive Urteile massiv beeinflussen. Wir könnten den griechischen Redner Demostenes zitieren, der das alles schon vor hunderten Jahren auf den Punkt gebracht hat: "Was ein Mann wünscht, das wird er auch glauben." Mit allen Konsequenzen.

Das billige Geld half der griechischen Wirtschaft in den Jahren danach ein Wachstum von um die 4 Prozent zu halten. Dass der Großteil dieses Wachstums auf höheren Staatsausgaben und damit auf höheren Schulden beruhte, interessierte nicht weiter. Dazu wurden nach Brüssel auch andere positivere Zahlen gemeldet. Insgesamt ergab das ein "Belohnungsparadox". Billiges Geld für willig hingenommene Täuschung. In der Betriebspsychologie wird gelehrt: Belohne nie jemanden für etwas, das leicht fingiert werden kann - die Versuchung zum "Schummeln" ist viel zu groß. So geschah es aber bis 2010 und darüber hinaus. Das Problem liegt auch hier nicht nur beim Schummler, sondern auch bei dem, der das Getrickse ermöglicht.

Doch wir stehen hier noch am Beginn der griechischen Krise, die leicht abgewendet werden könnte, selbst noch als der Schwindel offensichtlich wird. Die Staatsschulden betragen zu diesem Zeitpunkt knapp über 120 Prozent. Ein entschiedener Schuldenschnitt bei den Gläubigern hätte die Schieflage sofort seiner Dramatik beraubt. So aber gibt es keinen Schuldenschnitt sondern die Geldgeber, beraten von ihren Banken, bedienen die Forderungen ihrer eigenen Geldinstitute gegen Griechenland.

Selbstbedienung - Selbstüberhöhung

Das Geld landet also nicht in Griechenland - ein kapitaler Fehler der Krisenstrategen, der eine zentrale Management-Formel unbeachtet lässt: Lass dich von niemandem beraten, der ein Eigeninteresse an dem Objekt hat. Die Selbstbedienung der Gläubigerbanken beeinträchtigt das Verhältnis zwischen Athen und dem Rest der Eurozone noch immer. Denn beide Seiten fühlen sich betrogen, und die jedem Menschen innewohnende Tendenz zur Selbstüberhöhung der eigenen Tat vollbringt ihr Übriges. Als die Syriza in Athen an die Macht kommt, meinen die Helfer, die Schuldner seien undankbar. Die Schuldner halten die Gläubiger hingegen für selbstsüchtige Erpresser. Daraus ergeben sich Tendenzen zu Neid und Herabsetzung. Prassende griechische Pensionisten und korrupte Beamte werden in deutschen Medien zu Sinnbildern der Griechenheit an sich. Die Medien in Griechenland malen derweil die Deutschen als Wiedergänger des Führers mit klar sadistischen Anwandlungen. Die Umkehrung der Völkerverständigung ist perfekt.

Unheilige Allianzen

Diese unheilige Allianz der Vorurteile war wohl auch für die ungezügelten Forderungen an Griechenland verantwortlich, die kein Ökonom von Verstand hätte vertreten können (siehe auch FURCHE Nr. 26). Statt eine Staatsreform zu ermöglichen, schwächte man jene Strukturen, die noch halbwegs gesund waren. Statt der Wirtschaft einen Weg in eine funktionierende Effizienz, also die Vermeidung von Verschwendung zu zeigen (u. a. Steuerentlastung) schlug man den gegenteiligen Weg ein: Verschwenderische Schrumpfung. Die Formel "Wachstum durch Konsumverzicht" wurde zur Maxime "Schrumpfung durch Konsumverbot" ersetzt. Dass die Veranstaltung teilweise den Charakter einer Strafaktion gegen ein ganzes Volk bekam, trug dazu bei, jene Kräfte in Athen an die Macht zu bringen, an denen nun Griechenland scheitern könnte -und das verglichen mit anderen Grexit-Visionen noch ein geradezu niedliches Szenario.

Die griechischen Wähler glauben 2014 Alexis Tsipras, der ihnen verspricht, mit der Austerität ein Ende zu machen. Dass er dafür weder die politische noch rechtliche Handhabe besitzt, kümmert weder Tsipras noch die Wählenden. Was zählt ist das Versprechen der "Schmerzvermeidung" und das Phänomen, dass "schnelle Belohnungen" (Ende des Sparens) immer intensiver wirken als zeitversetzte (langsame Erholung).

Die Euro-Politiker schwanken wiederum zwischen gekränktem Narzissmus (der Chef der Eurogruppe Dijsselbloem gegen Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis) und dem, was "Liking-Tendency" genannt wird: Sobald man mit jemandem gemeinsam lächelt, so lautet die zugehörige Regel, erscheinen den Beteiligten Probleme eher lösbar. Dieses zwischenmenschliche Muster wirkte vor allem bei EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Der muss das immerwährende Lächeln von Alexis Tsipras für einen positiven persönlichen Affekt hielt und nun in gekränkter Liebe meint, er sei arglistig "getäuscht" worden.

So steht am Ende dieses Prozesses neben ganz wenig Rationalität und Hausverstand ein Fehlurteil neben dem anderen - ein wahres Gemälde der finanziellen und politischen Verirrungen. Welches Urteil also darüber auch immer fällt, am Ende bleibt dem Zuseher nur eine simple Shakespeare-Weisheit übrig, die in dieser Gemengelage sicher kein Fehlurteil ist und die von allen Beteiligten besser schon vor 2001 gewürdigt worden wäre: Mit Gerede zahlt man keine Schulden - words pay no debt.

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