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Land des Schönredens

"Mutlos und inkompetent“, das ist die Überschrift eines Fotos von Kanzler und Vizekanzler und einer Analyse der politischen Situation in Österreich in der Schweizer Zeitung Tagesanzeiger. Thema sind die gebrochenen Wahlversprechen, die Aushebelung der Demokratie und das permanente Belügen der Bevölkerung über die tatsächliche finanzielle Lage. Einmal mehr wird einem bewusst, wie sehr wir zu einem Land des Schönredens, der Unaufrichtigkeit und der Verharmlosung geworden sind. Die Justiz ist am Gängelband der Politik. Die Politik an jenem ihrer Bünde, Vereine und der Wirtschaft. Parteibücher zählen schon längst mehr als Können und Persönlichkeit. Korruption ist - wie auch im übrigen Europa - so etwas wie ein Salondelikt.

Dass bei all dem Bildung und Kultur unter die Räder geraten, stört die Verantwortlichen nicht im Mindesten. Der Aufschrei der Künstler hält sich ebenso in Grenzen wie jener der Bevölkerung. Noch profitiert man vom täglich abnehmenden Wohlfahrtsstaat. Längst hat man sich daran gewöhnt, in versteinerten und verkrusteten Strukturen zu leben. Die Kunst verkommt immer mehr zur Unterhaltung. Die wahrhaftigen und aufrüttelnden Momente werden immer seltener. Wenn sich in der Staatsoper in der "Zauberflöte“ Pamina mit Tod und Selbstmord auseinandersetzt, wird ihr ein Teddybär zugeworfen. Auch dass die Schüler vom Theater der Jugend in das seichte, frauenfeindliche Musical "Natürlich blond“ geführt werden, um die Auslastungszahlen zu verbessern, passt zum allgemeinen Kulturverständnis. Aber noch ist es nicht zu spät. Noch gibt es genügend Wut über all diese Zustände und die Hoffnung, dass jenseits des Parteiensumpfes die zahlreichen klugen Köpfe doch noch an verantwortliche Plätze kommen. Der große Komet ist zwar schon unterwegs, aber auch die Himmelsbahnen haben bisweilen Verspätung.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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