Innsbruck - Innsbruck - © Brigitte Schwens-Harrant
Feuilleton

Lange gesammelt, gut gelandet

1945 1960 1980 2000 2020

Hoch über dem Inn hängt das Innsbrucker Brenner-Archiv.<br /> Seit Kurzem gibt es hier auch eine Sammlung zu Karl Kraus zu bestaunen.

1945 1960 1980 2000 2020

Hoch über dem Inn hängt das Innsbrucker Brenner-Archiv.<br /> Seit Kurzem gibt es hier auch eine Sammlung zu Karl Kraus zu bestaunen.

Schlendert man an der Innsbrucker Nordseite den Inn entlang, sieht man schon von Weitem den „Rucksack“, der vor atemberaubender Bergkulisse hoch über dem Fluss schwebt. Was hier kühn an das zehnte Stockwerk eines Gebäudes in der Josef-Hirn-Straße angehängt wurde, wiegt schwer: Im Inneren befindet sich nämlich ein Archiv, das inzwischen rund 280 Nachlässe, Teilnachlässe und Sammlungen umfasst.

Darunter mehrere tausend Fotos, etwa 30.000 Buchexemplare und über 300 historische und aktuelle Zeitschriften. Papier ist schwer, der Gebäuderucksack muss also einiges aushalten. Vor allem, weil das Brenner-Archiv Jahr für Jahr neue Sammlungen dazubekommt.
Dass Archive erweitert werden können, verdanken sie leidenschaftlichen Sammlern, die oft jahrzehntelang Bücher mit Widmungen, Fotos und Handschriften aufstöbern. Einer von ihnen ist Friedrich Pfäfflin. Der langjährige Museumsleiter in Marbach am Neckar und Herausgeber vieler grundlegender Editionen, etwa zu Karl Kraus, Else Lasker-Schüler und Rainer Maria Rilke, begann eines Tages, motiviert durch eine Schenkung, zu Karl Kraus zu sammeln. Was er heuer dem Brenner-Archiv übergeben hat – nämlich den Großteil seiner Sammlung –, das erzählt nicht nur einiges über Karl Kraus, sondern vor allem auch über ihn, den Sammler.
Vieles, was Pfäfflin suchte, befand sich damals hinter dem Eisernen Vorhang, was die Suche für ihn nicht einfacher machte. Karl Kraus, der 1874 in Jičín geboren wurde – 1877 zog die Familie nach Wien – korrespondierte viel mit der böhmischen Baronin Sidonie Nádherný von Borutín, mit der ihn eine jahrelange intensive Beziehung verband. Pfäfflin traf 1971 in Janovice eine Köchin, die Nádherný noch erlebt hatte und Pfäfflin das gesamte Haus zeigte. Aber von Briefen wusste niemand etwas. Über einen New Yorker Anwalt fand Pfäfflin schließlich die Adresse des Prager Anwalts von Kraus und Nádherný heraus. Aber als Pfäfflin dem Anwalt schrieb, war dieser gerade gestorben. Der Brief kam zurück. Man kontaktierte die Witwe, die aber meinte, da gebe es nichts. Lektion 1 für Sammler und Archivare: nicht nur detektivische Leistungen vollbringen, sondern sich mit solchen Aussagen nicht zufrieden geben und hartnäckig bleiben.
Hartnäckig war Pfäfflin. Über einen anderen Fund fand er heraus, dass es die Briefe geben musste. 1973 begab er sich also wieder in die ČSSR und fragte in Archiven nach. „Erst sagten sie: Wunderbar, endlich kommt wer, der das lesen kann, was wir da haben. Dann telefonierten sie, sie mussten sich alle beim Innenministerium melden“, erzählt Pfäfflin, „und dann hieß es: Leider bin ich in diesem Moment krankgeschrieben, ich kann ihnen das Archiv nicht zeigen.“ Doch wie durch ein Wunder lernte Pfäfflin einen Archivar kennen, der ihn zum Abendessen einlud und ihn fragte: „Wie lange sind Sie hier? Sagen Sie mir alles, was Sie sehen wollen.“ Und dann konnte er alles bei diesem Archivar ansehen, freut sich Pfäfflin noch Jahrzehnte später.

Akribisch dokumentiert

Pfäfflin kann wunderbar und humorvoll erzählen, seine Geschichten bieten Stoff für Romane und sie geben der Forschung zwar genug zu tun, kommen ihr aber auch weit entgegen. Denn Pfäfflin hat nicht nur gesammelt, er hat auch alles akribisch verzeichnet. Er beschreibt seine Suchen, bei welchen Antiquaren er was gefunden hat, er kommentiert die Stücke. Ausgedruckt würde alleine die Dokumentation, so schwärmen Markus Ender und Anton Unterkircher, die nun mit der Verwaltung und Erschließung der Sammlung beauftragt sind, 280 Seiten umfassen.
Schaut man sich die behutsam verpackten und sorgfältig beschrifteten Stücke an, die im Safe des Archivs liegen, so fasziniert vor allem die fast mikroskopisch kleine Handschrift, die so schief in die Blätter hineinläuft und schon in Schönschrift kaum zu lesen ist. „Es war immer schon schwierig, jemanden zu finden, der sie lesen kann. Das müssen wir sehr gut studieren“, meint Unterkircher. Friedrich Pfäfflin gehört zu jenen Experten, der seine Schätze natürlich lesen kann. Zum Beispiel die eine, besonders kostbare Handschrift, die er vorsichtig aus der Hülle nimmt. Das Gedicht „Man frage nicht“ ist in der einzigen Fackel des Jahres 1933 (im Oktober) neben der Grabrede auf Adolf Loos erschienen. In Innsbruck liegt nun die Erstfassung vor, die Karl Kraus Sidonie Nádherný gewidmet hat (Transkripion siehe rechts neben dem Bild). „1933, Hitlers Machtübernahme, und Kraus schweigt“, wundert sich Unterkircher. „Das Gedicht ist faszinierend. Da ist fast eine Resignation zu spüren: ,Kein Wort, das traf‘“. Als Friedrich Pfäfflin uns den Text vorliest, bekommt der Satz freilich eine andere Interpretation. Pfäfflin betont nämlich das Wörtchen das: Kein Wort, das traf!

Die Welt reparieren

Karl Kraus wollte mit einem unbedingten Anspruch mit dem Instrument der Sprache die Welt reparieren. „Mit dem Grundanspruch, den Kraus gehabt hat, und dass er das auch im Weltkrieg durchgehalten hat: Da hätte ihn eigentlich die Zensur piesacken müssen. Aber was hätte die Zensur machen wollen, wenn er dauernd zitiert? Er hat ja die Dummheit, die unglaublichsten Sachen, einfach zitiert“, so Unterkircher. Würde man heute wie Kraus Aussprüche nicht nur von Politikern sammeln, würde man auch eine interessante Sammlung zusammenbekommen. Was aus taktischem Kalkül zur Zeit in die Welt gesetzt wird, um die jeweilige Klientel zu versorgen, das wäre für Kraus ein Arbeitsgebiet par excellence.
Zwar ist sogar sein Meisterwerk „Die letzten Tage der Menschheit“ vielen kein Begriff mehr, aber das Thema „Verrohung der Sprache“ kann man durchaus mit einer Karl-Kraus-Forschung verknüpfen. Insofern lässt sich gerade diese Sammlung gut in die Lehre an der Universität einbinden, was eine der Aufgaben des Brenner-Archivs ist, das seine Fundstücke nicht hinter Safetüren versperren will, sondern Studierende dafür interessieren möchte. „Im Rahmen von Lehrveranstaltungen und Führungen können diese wunderbaren Stücke den Studierenden zugänglich gemacht werden. Gerade die archivspezifischen Lehrveranstaltungen erfreuen sich großer Beliebtheit“, weiß Ulrike Tanzer, Vizerektorin der Universität Innsbruck und Leiterin des Brenner-Archivs. Auch sie betont „den grundsätzlichen Appell Krausʼ, unseren Umgang mit Sprache zu reflektieren.“ Es gelte „den Blick zu schärfen für die zunehmende Usurpation der Alltagssprache, da die Befürchtung im Raum steht, dass erneut das Verstummen als einzig mögliche Antwort auf das Zeitgeschehen bleibt.“

Friedrich Pfäfflin kann wunderbar erzählen. Seine Geschichten bieten Stoff für Romane, und sie geben der Forschung zwar genug zu tun, kommen ihr aber auch weit entgegen.

Aus Handschriften, Fotos, Plakaten, Büchern besteht die Sammlung. Da fand Pfäfflin zum Beispiel ein Widmungsexemplar von „Die demolirte Literatur“, eine Attacke gegen den Literaturbetrieb seiner Zeit, mit der Kraus viele seiner Kollegen gegen sich aufbrachte. In diesem Exemplar hat Kraus die Auflösungen für die Anspielungen hineingeschrieben. Auf den letzten Seiten des Buches werden Besprechungen zitiert, und Kraus hat handschriftlich nachgetragen, wo noch Besprechungen erschienen sind. „Der Mann, der sich für die zeitgenössische Wirkung seiner Stücke den Teufel interessiert, trägt hier eigenhändig nach“, lacht Pfäfflin. „Das sind doch Leckereien!“
Die Sammlung beinhaltet noch unveröffentlichtes Material, „das durchaus die Ecken und Kanten der Persönlichkeit offenbart“, so Ulrike Tanzer. „So erhalten wir beispielsweise tiefere Einblicke in Krausʼ Auseinandersetzung mit Maximilian Harden, den er zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere schätzte, später aber erbittert bekämpfte. Auch das mitunter schwierige Verhältnis zu den Frauen wird näher beleuchtet werden können.“
Dass Kraus nun in Innsbruck gelandet ist, mag verwundern, verbindet man ihn doch eher mit Wien. Und das Literatur­archiv in Marbach wäre überhaupt gleich um die Ecke gewesen. Doch Ludwig von Ficker gründete 1910 in Innsbruck die Zeitschrift Der Brenner analog zur Fackel und es verbanden ihn persönliche Beziehungen mit dem
Fackel-Herausgeber. Ein von Ficker an Kraus geschriebener Brief fand sogar Eingang in Krausʼ „Die letzten Tage der Menschheit“.

Wiederentdecker Nestroys

Helmut Qualtingers unvergleichliche Aufnahme der „Letzten Tage der Menschheit“ zählt für Ulrike Tanzer zu den wichtigsten Hörerlebnissen. Sie sieht Kraus Bedeutung auch als „Wiederentdecker“ Johann Nestroys. „Nestroy ist der erste deutsche Satiriker, in dem sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge“, heißt es in seiner wegweisenden Schrift „Nestroy und die Nachwelt“ von 1912. „Karl Kraus erkennt die sprachliche Radikalität und Vielschichtigkeit der Stücke.“
Ob er glücklich sei, dass die Sammlung nun in Innsbruck Platz gefunden habe, frage ich Friedrich Pfäfflin und der jung gebliebene, 1935 geborene Sammler strahlt. „Ich bin sehr zufrieden mit dieser wunderbaren Lösung.“ Außerdem sammelt er weiter, für sich und fürs Archiv

Ausstellung

Forschungsinstitut Brenner-Archiv

Innsbruck, Josef-Hirn-Str. 5 / 10. Stock
www.uibk.ac.at/brenner-archiv

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