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Langeweile in der Messe: Was ist zu tun?

Für Ursula Baatz ist die Messe kein "Gesamtkunstwerk“, Peter Jan Marthé hält dagegen, sie sei "fad“ (FURCHE 42 & 47). Nun repliziert ein Liturgie-Experte.

Nicht alle sind zufrieden mit der verbreiteten ästhetischen Gestalt der katholischen Liturgie. Dass die Messe "fad“ sei, ist aber nicht nur eine unzulässige Verallgemeinerung der persönlichen Erfahrung von Langeweile. Die Überschrift des Artikels von Peter Jan Marthé (FURCHE 47, Seite 18) verschiebt seine Empfindung darüber hinaus ins Wesen der Feier. Trotzdem ist der Impuls wichtig.

Wenn im Konzert oder in Performances von Hermann Nitsch eine tiefere ästhetische Erfahrung zu haben ist, könnte man ja empfehlen, sie auch dort abzuholen und die Liturgie unbehelligt lassen.

Eine Voraussetzung der Debatte ist der Verzicht auf leeres Pathos. Wenn es um die Re-Harmonisierung von Liedern geht, dann kann man genau darüber sprechen und braucht nicht zu bedauern, dass die "Verkostung Gottes ganz offensichtlich ihren Nährwert verloren“ hätte. Vor der Bearbeitung dieser Re-Harmonisierung der Lieder muss allerdings geklärt werden, mit wem man darüber streiten soll.

Die aktive Teilnahme aller

Das Anliegen des II. Vatikanischen Konzils der "aktiven Teilnahme“ aller, die Liturgie feiern, entspricht einer Debatte, die auch beim Theater geführt wurde: der Frage nach den Rollen, die das Publikum spielt. Es kann Empfänger einer moralischen Botschaft oder Teilnehmer an einem Geschehen sein, das alle Anwesenden in einen Wandlungsprozess einbindet.

Ohne die Verschiedenheit der Rollen aufzuheben, sollten sich die Feiern der katholischen Liturgie langsam dahin bewegen, die Differenz zwischen Publikum und Darstellern zu überwinden. Wie diese Überwindung in der Praxis aussieht, ist aber unter allen Teilnehmern auszuhandeln und kann von Gemeinde zu Gemeinde große Unterschiede aufweisen.

Menschen, die zum Beispiel während einer Vesper in einer griechisch-orthodoxen Kirche irgendwann nach Beginn der Liturgie erscheinen, um sofort ihren persönlichen Weg zum Gruß der einzelnen Ikonen durch den Kirchenraum anzutreten und dabei scheinbar keine Notiz vom Gesang des Chors zu nehmen, sind kein Publikum, sondern tragen ihre persönliche Rolle und Würde.

Dem Lob Marthés für die Ostkirchen widerspricht sein Lösungsvorschlag, dass es um eine Ausbildung der Priester durch Künstler gehen sollte. Nichts spricht gegen eine solche Ausbildung. Sie träfe nur, im Sinn der "aktiven Teilnahme“ nicht alle, die sie brauchen und die sie auch verdienen. Allzu schnell ruft Marthé nach der Lösung, die Reformen von "oben“ im Sinn der kirchlichen Hierarchie für ein System verordnet, in dem gerade Menschen unterwegs sind, an der Basis dieser Hierarchie zueinander zu finden.

Die katholische Liturgiereform wurde nach dem Konzil zum Teil als Verordnung von oben durchgeführt. Sie wird heute oft nur in diesem Sinn wahrgenommen, obwohl ihre Anliegen in vielen Gruppen schon lange zuvor präsent waren.

Die ästhetische Gestalt der Liturgie hängt nicht nur an der Ausbildung des Klerus, sondern an der Bildung der Gemeinde zusammen mit ihrem Priester, die gemeinsam für ihre Liturgie verantwortlich sind, nämlich dafür, ob sie sich am Sonntagvormittag langweilen oder nicht. Da diese Liturgien substanzielle Gruppen voraussetzen, müssen sich solche Gruppen darüber einig werden, wie ihre Liturgie aussehen soll. Dieser Prozess ist langwierig und mühsam.

Dabei können allerdings Künstler wichtige Rollen spielen. Marthé tritt gegenüber einer diffusen Größe der Liturgie als Spezialist auf, der wegen schlechter Performances eines an und für sich guten Stücks beleidigt ist. Es lohnt sich nicht, diese Haltung des Beleidigt-Seins zu erwidern. Denn schön ist nicht die Liturgie der Kirche, sondern immer eine konkrete Feierpraxis einer konkreten Gemeinde. Deren Mitglieder sind gleichzeitig die für das Streitgespräch Zuständigen und diejenigen, die etwas gegen die Langeweile tun müssen.

Gemeinsamer Wandlungsprozess

Wenn es von den alten Ägyptern oder von Hermann Nitsch etwas über katholische Liturgien zu lernen gibt, so ist es immer nur eine konkrete Gemeinde mit ihrem Priester, die eine Lektion annimmt oder ablehnt. Das Problem der Langeweile ihrer Mitglieder muss für jede Gemeinde eine hohe Priorität haben. Dabei sind Gemeinden gut beraten, mit Künstlern zusammenzuarbeiten.

Die Liturgiereform hat dazu viele Möglichkeiten bereitgestellt. Es muss sich aber die Zielperspektive ändern. Ziel muss die gemeinsam getragene, gute Liturgie konkreter Gemeinden sein. Das einzelne Mitglied ist dabei immer gleichzeitig Produzent und Konsument vielfältiger religiöser Erfahrung.

Ich habe die Hoffnung, dass man sich über die Duftnote des Weihrauchs und die Harmonisierung der Kirchenlieder einigen wird, wenn dieser Rahmen stimmt. Der Prozess ist möglicherweise auch für den Künstler als Mitglied der Gemeinde ein unkalkulierbares Risiko. Vielleicht ändert er sich gemeinsam mit ihr.

Vielleicht lohnt sich dieser gemeinsame Wandlungsprozess zumindest auch als tiefe religiöse Erfahrung.

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