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Feuilleton

Langsame Annäherung an eine "Stadtuniversität“

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Universität und Rathaus waren sich fremd in Wien. Wissenschafter waren vertrieben worden. Die Wiener Vorlesungen sind seit 25 Jahren ein Projekt der Aufklärung und des Brückenbaues.

Die Wiener Vorlesungen machen das Rathaus, den Ort der kommunalpolitischen Willensbildung und Verwaltung, zu einem Ort der Diskussion, zu einem Dialogforum zwischen Expertinnen und Experten, Bürgerinnen und Bürgern, zu einer frei zugänglichen "Stadtuniversität“, heißt es in den erläuternden Papieren.

Ausgangspunkt der Wiener Vorlesungen war in den achtziger Jahren eine Initiative von Bürgermeister Helmut Zilk und von Stadtrat Franz Mrkvicka. Sie wollten die Bedeutung der Wissenschaft, ihrer Akteure und Institutionen für die Stadt erkunden. Die Kulturabteilung startete im Herbst 1986 unter Federführung des Wissenschaftsreferenten, Hubert Christian Ehalt, eine Erhebung über die Vernetzung der Abteilungen des Magistrats mit den Universitäten und den Hochschulen in Wien. Die Ergebnisse wurden im April 1987 bei dem Symposion präsentiert, der Festvortrag des Soziologen René König über die Bedeutung der Universität für die Stadt wurde zur Startveranstaltung der Wiener Vorlesungen. Diese sind eine Erfolgsgeschichte für sich - und auch eine des Brückenbaues, der Neuorientierung in Verwaltung und Wissenschaft.

Aus "unterschiedlichen historischen Gründen“ konnte Wien den Charakter einer Universitäts- und Wissenschaftsstadt nicht ausbilden, lautet die Geschichtsschreibung des Dialogforums. Die Barriere zwischen einer lebendig-kreativen Wissenschaft und jenen Mentalitäten, die das Gute nur in der Vergangenheit sehen, sei zu groß gewesen. Die Wiener Vorlesungen "tragen dazu bei, diese Kluft zu beseitigen.“

Einladung an früher Vertriebene

Zahlreiche Einladungen an Referentinnen und Referenten zu den Wiener Vorlesungen standen auch im Zeichen einer Handreichung, nicht zuletzt wegen der Vertreibungen aus Wien im vorigen Jahrhundert. Durch die Nationalsozialisten habe sich das intellektuelle Spektrum Wiens "radikal vereinfacht und primitivisiert“, sagte Hubert Christian Ehalt, Leiter und Koordinator der Wiener Vorlesungen von deren erster Stunde an (oben mit Güngter Wallraff).

Erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sei es möglich geworden, sich kritisch mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Der Weg dorthin sei, so Ehalt, "mühsam“ gewesen und konnte nur langsam beschritten werden. So sei es dann gelungen, Menschen, die ihre Kindheit und Jugend in Wien verbracht hätten, aber dann von den Nazis vertrieben worden seien, nach Wien einzuladen. Die Stadt Wien wollte damit zeigen, so Ehalt, dass sie sich gewandelt hat. Aus den Gesprächen und Interviews mit den Eingeladenen entstand übrigens der 2008 erschienene, von Ehalt herausgegebene Band "Ich stamme aus Wien - Kindheit und Jugend von der Wiener Moderne bis 1938.“ Ehalt sammelt seit einiger Zeit Texte für einen zweiten Band von "Ich stamme aus Wien“, einer "im Grunde unendlichen Geschichte“, wie er sagt. Doch die Wiener Vorlesungen waren nicht nur ein Brückenschlag zwischen den Menschen, sondern auch zwischen Institutionen, namentlich dem Rathaus und der Universität.

Derart große Institutionen "hatten früher eine Stückchen die Tendenz, für sich da zu sein“, sich "monadisch abzuschließen“, meint Ehalt rückblickend. In beiden Bereichen, in der Verwaltung und an den Universitäten, haben man lange "schöne Traditionen gepflegt“, wie es auch bei Stefan Zweig nachlesbar sei. Für beide Sphären sei es notwendig gewesen, zu entdecken, dass sie "zu wenig an ihrer Kundschaft orientiert waren“ und dann von einer "Routine- zu einer Kundenorientierung zu gelangen.“

Prinzipien der Wiener Vorlesungen

Seit 1984 ist Ehalt, Historiker und Anthropologe, habilitiert für Sozialgeschichte, Wissenschaftsreferent der Stadt Wien. Damit ist er verantwortlich für Förderung der Wissenschaft, den Wissenstransfer und die Vernetzung von wissenschaftlicher und urbaner Öffentlichkeit. Zugleich ist Ehalt in verschiedenen Funktionen in sechs Fonds und Stiftungen der Wissenschaftsförderung tätig.

Als Planer und Koordinator der Wiener Vorlesungen hat er diesen einige, 2012 ergänzte Prinzipien gegeben:

- Aufklärung statt Vernebelung

- Differenzierung statt Vereinfachung

- Analyse statt Infotainment

- Utopien statt Fortschreibung

- Tiefenschärfe statt Oberflächenpolitur

- Empathie statt Egomanie

- Widerspruch statt Anpassung

- Auseinandersetzung statt Belehrung

- Gestaltungswille statt Fatalismus

Die Wiener Vorlesungen werden in neun Buchreihen publiziert. Zu den heuer erschienen Publikation gehören "Europa und das Ende des Kalten Krieges“ von Oliver Rathkolb (oben) und "Der Antijudaismus auf dem Weg vom Judentum zum Christentum“ von Peter Landesmann (links).

Im Mai beginnt eine Reihe besonderer Wiener Vorlesungen aus Anlass des 25-Jahr-Jubiläums (siehe Tipps links) unter dem Titel "Wozu Wissenschaft? Fragen, Erkenntnisse, Herausforderungen.“

Europa und das Ende des Kalten Krieges

Von Oliver Rathkolb, Picus Verlag 2012,

85 Seiten, geb, € 8,90

Der Antijudaismus

Von Peter Landesmann, Verlag Peter Lang 2012

133 Seiten, brosch., € 25,50

Universität und Rathaus waren sich fremd in Wien. Wissenschafter waren vertrieben worden. Die Wiener Vorlesungen sind seit 25 Jahren ein Projekt der Aufklärung und des Brückenbaues.

Die Wiener Vorlesungen machen das Rathaus, den Ort der kommunalpolitischen Willensbildung und Verwaltung, zu einem Ort der Diskussion, zu einem Dialogforum zwischen Expertinnen und Experten, Bürgerinnen und Bürgern, zu einer frei zugänglichen "Stadtuniversität“, heißt es in den erläuternden Papieren.

Ausgangspunkt der Wiener Vorlesungen war in den achtziger Jahren eine Initiative von Bürgermeister Helmut Zilk und von Stadtrat Franz Mrkvicka. Sie wollten die Bedeutung der Wissenschaft, ihrer Akteure und Institutionen für die Stadt erkunden. Die Kulturabteilung startete im Herbst 1986 unter Federführung des Wissenschaftsreferenten, Hubert Christian Ehalt, eine Erhebung über die Vernetzung der Abteilungen des Magistrats mit den Universitäten und den Hochschulen in Wien. Die Ergebnisse wurden im April 1987 bei dem Symposion präsentiert, der Festvortrag des Soziologen René König über die Bedeutung der Universität für die Stadt wurde zur Startveranstaltung der Wiener Vorlesungen. Diese sind eine Erfolgsgeschichte für sich - und auch eine des Brückenbaues, der Neuorientierung in Verwaltung und Wissenschaft.

Aus "unterschiedlichen historischen Gründen“ konnte Wien den Charakter einer Universitäts- und Wissenschaftsstadt nicht ausbilden, lautet die Geschichtsschreibung des Dialogforums. Die Barriere zwischen einer lebendig-kreativen Wissenschaft und jenen Mentalitäten, die das Gute nur in der Vergangenheit sehen, sei zu groß gewesen. Die Wiener Vorlesungen "tragen dazu bei, diese Kluft zu beseitigen.“

Einladung an früher Vertriebene

Zahlreiche Einladungen an Referentinnen und Referenten zu den Wiener Vorlesungen standen auch im Zeichen einer Handreichung, nicht zuletzt wegen der Vertreibungen aus Wien im vorigen Jahrhundert. Durch die Nationalsozialisten habe sich das intellektuelle Spektrum Wiens "radikal vereinfacht und primitivisiert“, sagte Hubert Christian Ehalt, Leiter und Koordinator der Wiener Vorlesungen von deren erster Stunde an (oben mit Güngter Wallraff).

Erst in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts sei es möglich geworden, sich kritisch mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Der Weg dorthin sei, so Ehalt, "mühsam“ gewesen und konnte nur langsam beschritten werden. So sei es dann gelungen, Menschen, die ihre Kindheit und Jugend in Wien verbracht hätten, aber dann von den Nazis vertrieben worden seien, nach Wien einzuladen. Die Stadt Wien wollte damit zeigen, so Ehalt, dass sie sich gewandelt hat. Aus den Gesprächen und Interviews mit den Eingeladenen entstand übrigens der 2008 erschienene, von Ehalt herausgegebene Band "Ich stamme aus Wien - Kindheit und Jugend von der Wiener Moderne bis 1938.“ Ehalt sammelt seit einiger Zeit Texte für einen zweiten Band von "Ich stamme aus Wien“, einer "im Grunde unendlichen Geschichte“, wie er sagt. Doch die Wiener Vorlesungen waren nicht nur ein Brückenschlag zwischen den Menschen, sondern auch zwischen Institutionen, namentlich dem Rathaus und der Universität.

Derart große Institutionen "hatten früher eine Stückchen die Tendenz, für sich da zu sein“, sich "monadisch abzuschließen“, meint Ehalt rückblickend. In beiden Bereichen, in der Verwaltung und an den Universitäten, haben man lange "schöne Traditionen gepflegt“, wie es auch bei Stefan Zweig nachlesbar sei. Für beide Sphären sei es notwendig gewesen, zu entdecken, dass sie "zu wenig an ihrer Kundschaft orientiert waren“ und dann von einer "Routine- zu einer Kundenorientierung zu gelangen.“

Prinzipien der Wiener Vorlesungen

Seit 1984 ist Ehalt, Historiker und Anthropologe, habilitiert für Sozialgeschichte, Wissenschaftsreferent der Stadt Wien. Damit ist er verantwortlich für Förderung der Wissenschaft, den Wissenstransfer und die Vernetzung von wissenschaftlicher und urbaner Öffentlichkeit. Zugleich ist Ehalt in verschiedenen Funktionen in sechs Fonds und Stiftungen der Wissenschaftsförderung tätig.

Als Planer und Koordinator der Wiener Vorlesungen hat er diesen einige, 2012 ergänzte Prinzipien gegeben:

- Aufklärung statt Vernebelung

- Differenzierung statt Vereinfachung

- Analyse statt Infotainment

- Utopien statt Fortschreibung

- Tiefenschärfe statt Oberflächenpolitur

- Empathie statt Egomanie

- Widerspruch statt Anpassung

- Auseinandersetzung statt Belehrung

- Gestaltungswille statt Fatalismus

Die Wiener Vorlesungen werden in neun Buchreihen publiziert. Zu den heuer erschienen Publikation gehören "Europa und das Ende des Kalten Krieges“ von Oliver Rathkolb (oben) und "Der Antijudaismus auf dem Weg vom Judentum zum Christentum“ von Peter Landesmann (links).

Im Mai beginnt eine Reihe besonderer Wiener Vorlesungen aus Anlass des 25-Jahr-Jubiläums (siehe Tipps links) unter dem Titel "Wozu Wissenschaft? Fragen, Erkenntnisse, Herausforderungen.“

Europa und das Ende des Kalten Krieges

Von Oliver Rathkolb, Picus Verlag 2012,

85 Seiten, geb, € 8,90

Der Antijudaismus

Von Peter Landesmann, Verlag Peter Lang 2012

133 Seiten, brosch., € 25,50