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Feuilleton

Lauter Liebeskatastrophen

1945 1960 1980 2000 2020

Leon de Winter schrieb einen großen Roman über Leben, Liebe, Glück und Unglück.

1945 1960 1980 2000 2020

Leon de Winter schrieb einen großen Roman über Leben, Liebe, Glück und Unglück.

Stockbesoffen und unfähig, mit der hübschen kleinen abessinischen Wüstenkatze zu schlafen, verlässt Leo Kaplan die nächtliche schmale Gasse in Kairo trotzdem ohne seine Barschaft, dafür aber mit einem Loch im Kopf. Dabei wollte er doch die kenianische Tigerin wieder treffen, die er im Flugzeug kennen gelernt hat. Doch die Tigerin ließ sich nicht blicken. Das ganze Schlamassel schlägt nach der Geschichte mit Jonneke über ihm zusammen, doch nicht mit Jonneke zu schlafen hätte auch nichts mehr genützt, denn Hannah hatte längst a) die Nase von seinen Seitensprüngen voll und b) einen Liebhaber. Hannah war die perfekte Ehefrau, was man von Evelien, der ersten, nicht behaupten kann, aber die Traumfrau war auch Hannah nicht. Die Traumfrau war Ellen. Trotzdem kam sich Leo Kaplan - denn Ellen ist sehr lange her - bei Hannahs Eingeständnis ihres Liebhabers "vor wie ein Trapezkünstler im freien Flug, der plötzlich, während er diesen Bruchteil eines Augenblicks still in der Luft schwebte, erfasste, dass seine Partnerin die ausgestreckten Hände zurückziehen würde", was ein Patzer der Übersetzerin Hanni Ehlers ist, denn statt "würde" sollte es heißen "werde".

Der Seitensprung sei ein Trapezakt, bei dem man tief fallen könne, notiert der Schriftsteller Leo Kaplan. Von einem Trapezkünstler, der tatsächlich in den Tod stürzt, wird erst viel später die Rede sein. Doch werden ihm die ausgestreckten Hände nicht weggezogen, sondern er fasst sie nicht, lässt sich, überzeugt von der Untreue seiner Frau, in die Tiefe fallen.

Wer sich an eingehenden sexuellen Beschreibungen stößt, sollte "Leo Kaplan", den neuen Roman von Leon de Winter, lieber nicht lesen. Doch Sex in vielen Variationen spielt zwar eine wichtige Rolle, Sex ist die Obsession nicht nur der Hauptperson, sondern auch vieler Nebenfiguren, doch über weite Strecken liest sich das Buch eher wie ein Katastrophenbericht. Sex bringe einer Menge Menschen einen Haufen Unglück, auf diese Botschaft könnte man den Inhalt der ersten Hälfte reduzieren. Und die Liebe erst recht, ist sie doch "fast immer mit Angst gepaart. Diese Angst entspringt nicht nur unserem Sinn für die Realität, denn wir sehen ja, dass die Liebe genauso kaputtgehen kann wie die Waschmaschine und der Mixer, sondern auch den Vorstellungen, die wir uns von den vielen unschönen Ereignissen machen, welche unsere Liebe noch zu überstehen haben könnte, also unserer Phantasie. Ist das nicht verrückt?"

Leo Kaplans einziger Freund Rudy Kohn ist aus langjähriger guter Ehe mit seiner Traumfrau nach Rom ausgebrochen, aber leider ist dann ihm die Traumfrau mit einem Bildhauer nach New York ausgebrochen, worauf er sich mit einem aus Penang mitgebrachten Sisalstrick an einer Platane am Ufer des Tiber erhängt. Die hinkende Lily haut sich vor den Intercity, ein Kriegsheimkehrer erwischt seine Braut mit einem anderen Mann im Kornfeld und begeht seither Liebespaarmorde, die nie aufgeklärt werden, ein Zoodirektor geht wegen Bonifacia vor die Hunde, Bonifacia erschießt im Liebesgram das Gorillababy Mercedes, worauf Gorillamama Emilia Bonifacias Kopf zerquetscht und von den Wärtern erschossen wird, nein, die Liebe bringt wahrlich kein Glück.

Manchmal aber doch. Reines Leseglück zum Beispiel all jenen, die Leon de Winter und dessen Kunst schätzen, Handlungen zu verwirren und wieder zu entwirren, ein lange und kunstvoll vorbereitetes Verhängnis nicht eintreten und dafür ein ganz anderes urplötzlich zuschlagen zu lassen, sich erzählend in weit von der eigentlichen Handlung entfernte Büsche zu schlagen und unversehens wieder auf der Hauptstraße zu stehen, vor allem aber: für seine Figuren einzunehmen. Sex, mit oder ohne Liebe, ist bei ihm ein ebenso selbstverständlicher wie wichtiger, auch in der zweiten Version nicht immer, aber oft schöner Teil des Lebens, über den er so selbstverständlich wie über alles andere schreibt. Als grandioser Beobachter und Selbstbeobachter, der er ist, beschreibt er auch die Sexualität so, wie sie heute gelebt und erlebt wird, und nicht so, wie sie sein müsste, um gesellschaftlichen und religiösen Normen zu entsprechen. Man mag drastisch finden, was purer und überaus gekonnter Realismus ist. Und Dichtung ist, dank der Sprache und dank den Reflexionen, den Skrupeln, den Selbstanklagen und Selbstbeschwichtigungen der Liebenden wie der "Liebenden", und den präzise beobachteten seelischen Vorgängen.

Winters Leo Kaplan ist nicht sehr begabt für ein glückliches Leben, aber ein leicht Verführbarer, und er wäre ohne seine Sexualität wahrscheinlich noch viel unglücklicher. Denn sein Unglück wurzelt nicht zuletzt in seiner jüdischen Herkunft, in der Einsamkeit eines Mannes, der außer den Eltern niemanden hatte. Nur den Schemen eines ermordeten Onkels, der ebenfalls Leo Kaplan hieß. Die große Liebe ihres Lebens haben er und Ellen vor langer Zeit verfehlt, vertan, verpfuscht, und es findet ein großer Umschwung in diesem Buch statt, sobald es auf ihre Wiederbegegnung zusteuert. Er will zurück in das verlorene Paradies, sie verteidigt ihre Familie und ihr kleines, aber feines Glück. Dieser Zusammenprall wird grandios geschildert. Phänomenologie des Seitensprunges: Dass Ellen gerade einen mit schlechtem Nachgeschmack verdaut, wird zur Voraussetzung dessen, was dann geschieht. Sie werden weiterleben, er mit seiner Sehnsucht und sie mit ihrer klaren Entscheidung, und sie werden sich wieder in ihrem Leben einrichten. Die Episode mit dem sterbenden fremden alten Juden in Rom wäre es allein wert, sich auf diesen Roman einzulassen. Der Schluss ist überraschend und wunderschön.

Leo Kaplan Roman von Leon de Winter, Diogenes Verlag, Zürich 2000, 542 Seiten, geb., öS 342,-/e 24,85

Stockbesoffen und unfähig, mit der hübschen kleinen abessinischen Wüstenkatze zu schlafen, verlässt Leo Kaplan die nächtliche schmale Gasse in Kairo trotzdem ohne seine Barschaft, dafür aber mit einem Loch im Kopf. Dabei wollte er doch die kenianische Tigerin wieder treffen, die er im Flugzeug kennen gelernt hat. Doch die Tigerin ließ sich nicht blicken. Das ganze Schlamassel schlägt nach der Geschichte mit Jonneke über ihm zusammen, doch nicht mit Jonneke zu schlafen hätte auch nichts mehr genützt, denn Hannah hatte längst a) die Nase von seinen Seitensprüngen voll und b) einen Liebhaber. Hannah war die perfekte Ehefrau, was man von Evelien, der ersten, nicht behaupten kann, aber die Traumfrau war auch Hannah nicht. Die Traumfrau war Ellen. Trotzdem kam sich Leo Kaplan - denn Ellen ist sehr lange her - bei Hannahs Eingeständnis ihres Liebhabers "vor wie ein Trapezkünstler im freien Flug, der plötzlich, während er diesen Bruchteil eines Augenblicks still in der Luft schwebte, erfasste, dass seine Partnerin die ausgestreckten Hände zurückziehen würde", was ein Patzer der Übersetzerin Hanni Ehlers ist, denn statt "würde" sollte es heißen "werde".

Der Seitensprung sei ein Trapezakt, bei dem man tief fallen könne, notiert der Schriftsteller Leo Kaplan. Von einem Trapezkünstler, der tatsächlich in den Tod stürzt, wird erst viel später die Rede sein. Doch werden ihm die ausgestreckten Hände nicht weggezogen, sondern er fasst sie nicht, lässt sich, überzeugt von der Untreue seiner Frau, in die Tiefe fallen.

Wer sich an eingehenden sexuellen Beschreibungen stößt, sollte "Leo Kaplan", den neuen Roman von Leon de Winter, lieber nicht lesen. Doch Sex in vielen Variationen spielt zwar eine wichtige Rolle, Sex ist die Obsession nicht nur der Hauptperson, sondern auch vieler Nebenfiguren, doch über weite Strecken liest sich das Buch eher wie ein Katastrophenbericht. Sex bringe einer Menge Menschen einen Haufen Unglück, auf diese Botschaft könnte man den Inhalt der ersten Hälfte reduzieren. Und die Liebe erst recht, ist sie doch "fast immer mit Angst gepaart. Diese Angst entspringt nicht nur unserem Sinn für die Realität, denn wir sehen ja, dass die Liebe genauso kaputtgehen kann wie die Waschmaschine und der Mixer, sondern auch den Vorstellungen, die wir uns von den vielen unschönen Ereignissen machen, welche unsere Liebe noch zu überstehen haben könnte, also unserer Phantasie. Ist das nicht verrückt?"

Leo Kaplans einziger Freund Rudy Kohn ist aus langjähriger guter Ehe mit seiner Traumfrau nach Rom ausgebrochen, aber leider ist dann ihm die Traumfrau mit einem Bildhauer nach New York ausgebrochen, worauf er sich mit einem aus Penang mitgebrachten Sisalstrick an einer Platane am Ufer des Tiber erhängt. Die hinkende Lily haut sich vor den Intercity, ein Kriegsheimkehrer erwischt seine Braut mit einem anderen Mann im Kornfeld und begeht seither Liebespaarmorde, die nie aufgeklärt werden, ein Zoodirektor geht wegen Bonifacia vor die Hunde, Bonifacia erschießt im Liebesgram das Gorillababy Mercedes, worauf Gorillamama Emilia Bonifacias Kopf zerquetscht und von den Wärtern erschossen wird, nein, die Liebe bringt wahrlich kein Glück.

Manchmal aber doch. Reines Leseglück zum Beispiel all jenen, die Leon de Winter und dessen Kunst schätzen, Handlungen zu verwirren und wieder zu entwirren, ein lange und kunstvoll vorbereitetes Verhängnis nicht eintreten und dafür ein ganz anderes urplötzlich zuschlagen zu lassen, sich erzählend in weit von der eigentlichen Handlung entfernte Büsche zu schlagen und unversehens wieder auf der Hauptstraße zu stehen, vor allem aber: für seine Figuren einzunehmen. Sex, mit oder ohne Liebe, ist bei ihm ein ebenso selbstverständlicher wie wichtiger, auch in der zweiten Version nicht immer, aber oft schöner Teil des Lebens, über den er so selbstverständlich wie über alles andere schreibt. Als grandioser Beobachter und Selbstbeobachter, der er ist, beschreibt er auch die Sexualität so, wie sie heute gelebt und erlebt wird, und nicht so, wie sie sein müsste, um gesellschaftlichen und religiösen Normen zu entsprechen. Man mag drastisch finden, was purer und überaus gekonnter Realismus ist. Und Dichtung ist, dank der Sprache und dank den Reflexionen, den Skrupeln, den Selbstanklagen und Selbstbeschwichtigungen der Liebenden wie der "Liebenden", und den präzise beobachteten seelischen Vorgängen.

Winters Leo Kaplan ist nicht sehr begabt für ein glückliches Leben, aber ein leicht Verführbarer, und er wäre ohne seine Sexualität wahrscheinlich noch viel unglücklicher. Denn sein Unglück wurzelt nicht zuletzt in seiner jüdischen Herkunft, in der Einsamkeit eines Mannes, der außer den Eltern niemanden hatte. Nur den Schemen eines ermordeten Onkels, der ebenfalls Leo Kaplan hieß. Die große Liebe ihres Lebens haben er und Ellen vor langer Zeit verfehlt, vertan, verpfuscht, und es findet ein großer Umschwung in diesem Buch statt, sobald es auf ihre Wiederbegegnung zusteuert. Er will zurück in das verlorene Paradies, sie verteidigt ihre Familie und ihr kleines, aber feines Glück. Dieser Zusammenprall wird grandios geschildert. Phänomenologie des Seitensprunges: Dass Ellen gerade einen mit schlechtem Nachgeschmack verdaut, wird zur Voraussetzung dessen, was dann geschieht. Sie werden weiterleben, er mit seiner Sehnsucht und sie mit ihrer klaren Entscheidung, und sie werden sich wieder in ihrem Leben einrichten. Die Episode mit dem sterbenden fremden alten Juden in Rom wäre es allein wert, sich auf diesen Roman einzulassen. Der Schluss ist überraschend und wunderschön.

Leo Kaplan Roman von Leon de Winter, Diogenes Verlag, Zürich 2000, 542 Seiten, geb., öS 342,-/e 24,85