LEBENSREISE, ERZÄHLT

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ERNST AUGUSTIN INSZENIERT DIE SUCHE EINES MENSCHEN NACH SICH SELBST UND NACH SEINEM LEBENSGLÜCK.

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ERNST AUGUSTIN INSZENIERT DIE SUCHE EINES MENSCHEN NACH SICH SELBST UND NACH SEINEM LEBENSGLÜCK.

Robinson erzählt der Dame Freitag seine Lebensgeschichte, zeitgemäß via Computer im Internet-Café. Im Chatroom haben sie sich kennen-und fast schon lieben gelernt, doch bevor es zu einem Treffen kommen kann, muss der Mann mit dem Decknamen Robinson erst einmal seine Verfolger abschütteln. Sein Vater, ein Banker, hat ihm ein riesiges, allerdings nicht ganz legal erworbenes Vermögen hinterlassen. Nach dem Tod der Mutter haben Vater und Sohn noch in Luxemburg ein luxuriöses Leben geführt, bis der Vater gewaltsam zu Tode kam. Seither ist Robinson auf der Flucht, er hat sich kleine, gut versteckte Zimmer eingerichtet, in Lüttich und in London, in Grevesmühlen und sonstwo auf der Welt. Schließlich will er mit Freitag noch einmal neu anfangen, in New York, alles ist vorbereitet, die oberen Stockwerke eines Wolkenkratzers sind zu diesem Zweck umgebaut worden, ein italienisches Restaurant für das erste Treffen der beiden Liebenden vorbereitet. Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt - vor allem in diesem Roman, bei dem man lange Zeit nicht weiß, was Finten und was Hinweise sind und der seinen Lesern erst am Ende den Schlüssel für Robinsons blaues Haus in die Hand gibt.

Wenn Ernst Augustin am kommenden 31. Oktober seinen 85. Geburtstag feiert, dann kann er auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Noch vor dem Mauerbau floh der promovierte Psychiater aus der DDR in die Bundesrepublik. Er leitete ein amerikanisches Krankenhaus in Afghanistan, bereiste Indien und zahlreiche andere Länder. In Deutschland war er zunächst Stationsarzt in München, er arbeitete anschließend freiberuflich als psychiatrischer Gutachter und wurde ein viel beachteter, unter anderem mit dem Kleist-Preis ausgezeichneter Schriftsteller. Sowohl seine Arbeit als auch seine Reisen haben vielfältige Spuren im literarischen Werk hinterlassen, der "Robinson"-Roman lässt es ja bereits im Titel anklingen.

Ernst und humorvoll

Augustin verwendet in diesem großartigen Alterswerk das von Daniel Defoe geprägte Robinson-Motiv als Allegorie für die Lebensreise. Inszeniert wird die Suche eines Menschen nach sich selbst und nach seinem Lebensglück. Besonders ergreifend sind die Episoden aus der Kindheit, Erfahrungen, die das weitere Leben des Protagonisten prägen, der eigentlich auf der Flucht vor sich selbst ist. Weitere Anspielungen auf weltliterarische Texte, etwa "Die Brüder Karamasov" von Fjodor Dostojewski, eröffnen zusätzliche Interpretationsräume. Das blaue Haus des Robinson entpuppt sich schließlich als große Metapher für Leben, Liebe und vor allem für den Tod, der gar nicht schrecklich ist, wie wir immer denken, sondern als ein netter, ausgesprochen rücksichtsvoller älterer Herr im Idealfall erst dann kommt, wenn wir für ihn bereit sind.

Das klingt nach einem sehr ernsten Thema, zugleich ist der Roman aber unglaublich humorvoll, auch durch seine originelle, metapherngesättigte Sprache. Wir lernen: "Das Leben ist ein Säbelzahntiger." Etwas länger ist folgende Lektion: "Lieber Freund. Wer kann sagen, was der Mensch zu seinem Glück braucht, ist es Geld oder ist es Liebe. Darüber haben sich schon ganz andere Geister ausgelassen. Ich sage dir: Es ist Liebe. - - - Und das Geld."

Glücklich macht auch dieses Buch. Und der Preis dafür ist erschwinglich.

Robinsons blaues Haus

Roman von Ernst Augustin

C. H. Beck 2012 319 S., geb., € 20,60

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