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Feuilleton

Lehrer, die Prügelknaben der Nation

1945 1960 1980 2000 2020

Der jüngste Anlaß zur Verärgerung der Lehrergewerkschaft ist verständlich: Diese Berufsgruppe steht wieder einmal als diejenige da, die zwar kassieren, aber nichts leisten will.

1945 1960 1980 2000 2020

Der jüngste Anlaß zur Verärgerung der Lehrergewerkschaft ist verständlich: Diese Berufsgruppe steht wieder einmal als diejenige da, die zwar kassieren, aber nichts leisten will.

Verärgert über die ministerielle Regie an der heimischen bildungspolitischen Bühne und angewidert vom Spielplan heimischer Medien, zu deren Standardrepertoire das Spiel vom faulen, unfähigen, ja sogar bösen Lehrer zählt. Allzu verständlich waren deshalb die Boykottdrohungen der Lehrergewerkschaft.

Der jüngste Anlaß zur Verstimmung ist eine Verschlechterung der Lehrerbesoldung durch das neue Gehaltsgesetz und die Umstellung vom pauschalierten System der Überstundenabrechnung auf die Einzelabrechnung. Dies ist vorläufiger Endpunkt einer Reihe von Kommunikationsproblemen zwischen Ministerin Gehrer und den Lehrern. Aufgrund der medienwirksamen Vorgangsweise der Ministerin stehen - zum wiederholten Male - die Lehrer als diejenige Berufsgruppe in der Öffentlichkeit, die für etwas kassieren will, wofür sie anscheinend nichts geleistet hat. Auffallend ist, wie die öffentliche Diskussion gezielt an der Tatsache vorbeigeleitet wird, daß Lehrer selbst dann oft und sehr lange arbeiten, wenn sie nicht in der Klasse stehen. Denn die außerunterrichtlichen Vorbereitungen und Aufgaben haben sich in den letzten Jahren vervielfacht, man denke an die Eltern-Schulpartnerschaft, eine zunehmende Zahl von schulbezogenen Veranstaltungen (Sportwochen, Auslandsaufenthalte, Wienwochen, Theaterbesuche ...) und diverse Projekte. Auch wird berufsbezogene Fortbildung größtenteils in der Freizeit absolviert.

Aber die jüngsten Drohungen der Lehrergewerkschaft sind nur kleine Facetten einer Serie von "Mißverständnissen", die die Ministerschaft Elisabeth Gehrers seit langem begleiten. Ursache für die aufgestaute Wut und Grundtenor der Pädagogenkritik: Wiederholt vermittelt die oberste Lehrerchefin in ihrer hemdsärmelig-pragmatischen Art in der Öffentlichkeit den Eindruck, der Lehrberuf sei ein überbezahlter Halbtagsjob.

Auch haben viele den Eindruck, sie mache sich zu bereitwillig zum Vollzugsorgan einer Sparpolitik auf Kosten der Kinder - trotz der ständig zunehmenden Probleme des modernen Kinderalltags.

Was aber aus der Sicht der Lehrer das Faß zum Überlaufen bringt, das ist die Art und Weise, wie sich gewisse Medien der Lehrer- und Schulthemen bedienen. Gierig wird jede sich gerade bietende Gelegenheit genützt, um gängige Vorurteile medial zu verstärken oder die Lehrergewerkschaft ins gesellschaftliche Out zu stellen.

Der gegenwärtige Anlaßfall schließt nahtlos an eine, nur wenige Monate zurückliegende Medienkampagne an. Noch heute dürften vielen Lehrern die, mit großer Medienunterstützung vorgebrachten, demotivierenden Vorstöße des Wiener Stadtschulrats Kurt Scholz im Magen liegen. Unvergessen auch die gewaltige mediale Aufmunitionierung unter dem Deckmantel objektiver empirischer Erziehungswissenschaft, die in Schlagzeilen vom "Lehrer-Mobbing" gipfelte. Oder in Titelbildern vom "Killer-Lehrer", aufgeblasen zum gewalttätigen Monster - unrühmlicher Höhepunkte im medial inszenierten Spiel pauschaler Verunglimpfung und Demütigung! In der Sprache der Kriminologie war da von Lehrern als den "Tätern" die Rede, die nur eines im Sinn haben: Die Schüler durch Schimpfen, Schreien, Mahnen, Prüfen, Diktieren und so weiter fertigzumachen ...

Angesichts solcher, in schöner Regelmäßigkeit medial verabreichter Ohrfeigen ist es nur zu verständlich, wenn Mutlosigkeit, Verdrossenheit und Wut die derzeit häufigsten Selbstbeschreibungen von Lehrern sind. Was sie verletzt, das ist die permanente Suche nach Fehlern im Schulbetrieb, die überzogene Kritik an Symptomen ohne geringstes Verständnis für ihre Arbeit. Was sie kränkt, das ist die fortwährende Abwertung ihrer Arbeit in neuerdings wieder größer werdenden Klassen, vollgestopft mit schwierigen Kindern.

Überforderung Statt öffentlicher Lehrerbeschimpfung und -abwertung wäre es höchst an der Zeit, endlich eine öffentliche Diskussion darüber zu starten, welch außerordentlich pluralem Erwartungsgefüge die Schule von heute ausgesetzt ist. Denn Schule und Lehrer leiden zunehmend an einem Überbürdungs- und Überforderungssyndrom: Zahlreiche Probleme, die gesellschaftlich unlösbar erscheinen, werden rücksichtslos der Schule zugeschoben.

Einerlei, ob es sich um die hohe Zahl von verhaltensschwierigen Problemkindern aufgrund geschwächter Familien handelt, um Drogenproblematik, Aidsgefahr, Fremdenfeindlichkeit, Zunahme von Gewalt und sexuellem Mißbrauch, ob um Medienerziehung, politische Bildung, Umwelterziehung, Verkehrserziehung - es gibt fast nichts, was nicht auch der Schule als Zusatzaufgabe unterjubelt wird. Der Lehrer ist schuld, wenn Kinder zu viel fernsehen, sich falsch ernähren, sich nicht mehr konzentrieren können, die falsche Zahnbürste benutzen, bettnässen oder gefährliche Banden bilden.

Wann immer ein Problem auftritt, wird reflexartig versucht, die Schule bei Ursachenzuschreibung und Problemlösung einzuspannen. Und wenn sich kein Erfolg einstellt, dann nur deswegen, weil die Lehrer falsch agieren. Lehrer sind selber schuld, wenn sie Probleme haben und frühzeitig ausgebrannt sind. Ein Persilschein dagegen für Familie, Gesellschaft, Medien, Sparpolitik, Schulpolitik.

In der Gesellschaft hat sich ein Mechanismus etabliert, der die Schule immer mehr in die Rolle eines gigantischen Betriebs zur gesellschaftlichen Altlastenentsorgung drängt. Aus psychologischer Sicht dient die Schule der Erwachsenengesellschaft längst als Projektionsfläche für ihre Gewissensreste.

In kindorientiertem Unterricht, immer spielerisch, offen und individualisiert, ohne jeden Druck und Zwang soll Schule die Gewissensbisse der Gesellschaft abbauen. Obwohl rund um die Schule ein gnadenloser Kampf nach den Grundprinzipien der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft tobt, wird von den Lehrern erwartet, daß die Schule ein Betrieb ist, in dem alle uneigennützig, lieb und solidarisch miteinander umgehen. Der Lehrer soll darin nicht nur Wissensvermittler sein, sondern auch Allroundtherapeut, Sozialarbeiter, Elternersatz, Freizeitpädagoge, Animator, Elternberater, kurz: ein multifunktionelles pädagogisches Wunderwesen!

Für all dies hat der amerikanische Schulkritiker Paul Goodman eine, möglicherweise etwas überspitzte, aber treffende Diagnose. Er bezeichnet die Schule der Gegenwart als "great babysitting". Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach kürzlich anläßlich der Einführung des täglichen, vom Lehrer zu betreuenden Schülerfrühstücks in der "vollen Halbtagsgrundschule" in Hessen von der "Kuschelschule für verlorengegangene häusliche Nestwärme".

Der Lehrplan dieser neuen Form der Grundschule liest sich denn auch wie ein sozialpädagogisches Kompendium: Möglichst viel von der zu Hause offenbar nicht mehr geleisteten Erziehung soll in die Schule verlagert werden, zahlreiche zusätzliche Aufgaben sollen zum schulischen Pflichtprogramm werden.

Bevor das nächste inszenierte Mediengewitter auf die Lehrer niedergeht, sollte man wohl eines festhalten: Natürlich gibt es, wie in jedem Beruf, auch bei Lehrern schwarze Schafe und gute oder weniger gute Schulen. Doch - im Widerspruch zu vielen heimischen Medien - bescheinigt die letzte OECD-Studie unseren Lehrern europaweit das höchste Ansehen und dies nicht nur im Fachlichen, sondern auch hinsichtlich ihrer menschlichen Qualitäten!

Der Autor ist Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.

Verärgert über die ministerielle Regie an der heimischen bildungspolitischen Bühne und angewidert vom Spielplan heimischer Medien, zu deren Standardrepertoire das Spiel vom faulen, unfähigen, ja sogar bösen Lehrer zählt. Allzu verständlich waren deshalb die Boykottdrohungen der Lehrergewerkschaft.

Der jüngste Anlaß zur Verstimmung ist eine Verschlechterung der Lehrerbesoldung durch das neue Gehaltsgesetz und die Umstellung vom pauschalierten System der Überstundenabrechnung auf die Einzelabrechnung. Dies ist vorläufiger Endpunkt einer Reihe von Kommunikationsproblemen zwischen Ministerin Gehrer und den Lehrern. Aufgrund der medienwirksamen Vorgangsweise der Ministerin stehen - zum wiederholten Male - die Lehrer als diejenige Berufsgruppe in der Öffentlichkeit, die für etwas kassieren will, wofür sie anscheinend nichts geleistet hat. Auffallend ist, wie die öffentliche Diskussion gezielt an der Tatsache vorbeigeleitet wird, daß Lehrer selbst dann oft und sehr lange arbeiten, wenn sie nicht in der Klasse stehen. Denn die außerunterrichtlichen Vorbereitungen und Aufgaben haben sich in den letzten Jahren vervielfacht, man denke an die Eltern-Schulpartnerschaft, eine zunehmende Zahl von schulbezogenen Veranstaltungen (Sportwochen, Auslandsaufenthalte, Wienwochen, Theaterbesuche ...) und diverse Projekte. Auch wird berufsbezogene Fortbildung größtenteils in der Freizeit absolviert.

Aber die jüngsten Drohungen der Lehrergewerkschaft sind nur kleine Facetten einer Serie von "Mißverständnissen", die die Ministerschaft Elisabeth Gehrers seit langem begleiten. Ursache für die aufgestaute Wut und Grundtenor der Pädagogenkritik: Wiederholt vermittelt die oberste Lehrerchefin in ihrer hemdsärmelig-pragmatischen Art in der Öffentlichkeit den Eindruck, der Lehrberuf sei ein überbezahlter Halbtagsjob.

Auch haben viele den Eindruck, sie mache sich zu bereitwillig zum Vollzugsorgan einer Sparpolitik auf Kosten der Kinder - trotz der ständig zunehmenden Probleme des modernen Kinderalltags.

Was aber aus der Sicht der Lehrer das Faß zum Überlaufen bringt, das ist die Art und Weise, wie sich gewisse Medien der Lehrer- und Schulthemen bedienen. Gierig wird jede sich gerade bietende Gelegenheit genützt, um gängige Vorurteile medial zu verstärken oder die Lehrergewerkschaft ins gesellschaftliche Out zu stellen.

Der gegenwärtige Anlaßfall schließt nahtlos an eine, nur wenige Monate zurückliegende Medienkampagne an. Noch heute dürften vielen Lehrern die, mit großer Medienunterstützung vorgebrachten, demotivierenden Vorstöße des Wiener Stadtschulrats Kurt Scholz im Magen liegen. Unvergessen auch die gewaltige mediale Aufmunitionierung unter dem Deckmantel objektiver empirischer Erziehungswissenschaft, die in Schlagzeilen vom "Lehrer-Mobbing" gipfelte. Oder in Titelbildern vom "Killer-Lehrer", aufgeblasen zum gewalttätigen Monster - unrühmlicher Höhepunkte im medial inszenierten Spiel pauschaler Verunglimpfung und Demütigung! In der Sprache der Kriminologie war da von Lehrern als den "Tätern" die Rede, die nur eines im Sinn haben: Die Schüler durch Schimpfen, Schreien, Mahnen, Prüfen, Diktieren und so weiter fertigzumachen ...

Angesichts solcher, in schöner Regelmäßigkeit medial verabreichter Ohrfeigen ist es nur zu verständlich, wenn Mutlosigkeit, Verdrossenheit und Wut die derzeit häufigsten Selbstbeschreibungen von Lehrern sind. Was sie verletzt, das ist die permanente Suche nach Fehlern im Schulbetrieb, die überzogene Kritik an Symptomen ohne geringstes Verständnis für ihre Arbeit. Was sie kränkt, das ist die fortwährende Abwertung ihrer Arbeit in neuerdings wieder größer werdenden Klassen, vollgestopft mit schwierigen Kindern.

Überforderung Statt öffentlicher Lehrerbeschimpfung und -abwertung wäre es höchst an der Zeit, endlich eine öffentliche Diskussion darüber zu starten, welch außerordentlich pluralem Erwartungsgefüge die Schule von heute ausgesetzt ist. Denn Schule und Lehrer leiden zunehmend an einem Überbürdungs- und Überforderungssyndrom: Zahlreiche Probleme, die gesellschaftlich unlösbar erscheinen, werden rücksichtslos der Schule zugeschoben.

Einerlei, ob es sich um die hohe Zahl von verhaltensschwierigen Problemkindern aufgrund geschwächter Familien handelt, um Drogenproblematik, Aidsgefahr, Fremdenfeindlichkeit, Zunahme von Gewalt und sexuellem Mißbrauch, ob um Medienerziehung, politische Bildung, Umwelterziehung, Verkehrserziehung - es gibt fast nichts, was nicht auch der Schule als Zusatzaufgabe unterjubelt wird. Der Lehrer ist schuld, wenn Kinder zu viel fernsehen, sich falsch ernähren, sich nicht mehr konzentrieren können, die falsche Zahnbürste benutzen, bettnässen oder gefährliche Banden bilden.

Wann immer ein Problem auftritt, wird reflexartig versucht, die Schule bei Ursachenzuschreibung und Problemlösung einzuspannen. Und wenn sich kein Erfolg einstellt, dann nur deswegen, weil die Lehrer falsch agieren. Lehrer sind selber schuld, wenn sie Probleme haben und frühzeitig ausgebrannt sind. Ein Persilschein dagegen für Familie, Gesellschaft, Medien, Sparpolitik, Schulpolitik.

In der Gesellschaft hat sich ein Mechanismus etabliert, der die Schule immer mehr in die Rolle eines gigantischen Betriebs zur gesellschaftlichen Altlastenentsorgung drängt. Aus psychologischer Sicht dient die Schule der Erwachsenengesellschaft längst als Projektionsfläche für ihre Gewissensreste.

In kindorientiertem Unterricht, immer spielerisch, offen und individualisiert, ohne jeden Druck und Zwang soll Schule die Gewissensbisse der Gesellschaft abbauen. Obwohl rund um die Schule ein gnadenloser Kampf nach den Grundprinzipien der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft tobt, wird von den Lehrern erwartet, daß die Schule ein Betrieb ist, in dem alle uneigennützig, lieb und solidarisch miteinander umgehen. Der Lehrer soll darin nicht nur Wissensvermittler sein, sondern auch Allroundtherapeut, Sozialarbeiter, Elternersatz, Freizeitpädagoge, Animator, Elternberater, kurz: ein multifunktionelles pädagogisches Wunderwesen!

Für all dies hat der amerikanische Schulkritiker Paul Goodman eine, möglicherweise etwas überspitzte, aber treffende Diagnose. Er bezeichnet die Schule der Gegenwart als "great babysitting". Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung sprach kürzlich anläßlich der Einführung des täglichen, vom Lehrer zu betreuenden Schülerfrühstücks in der "vollen Halbtagsgrundschule" in Hessen von der "Kuschelschule für verlorengegangene häusliche Nestwärme".

Der Lehrplan dieser neuen Form der Grundschule liest sich denn auch wie ein sozialpädagogisches Kompendium: Möglichst viel von der zu Hause offenbar nicht mehr geleisteten Erziehung soll in die Schule verlagert werden, zahlreiche zusätzliche Aufgaben sollen zum schulischen Pflichtprogramm werden.

Bevor das nächste inszenierte Mediengewitter auf die Lehrer niedergeht, sollte man wohl eines festhalten: Natürlich gibt es, wie in jedem Beruf, auch bei Lehrern schwarze Schafe und gute oder weniger gute Schulen. Doch - im Widerspruch zu vielen heimischen Medien - bescheinigt die letzte OECD-Studie unseren Lehrern europaweit das höchste Ansehen und dies nicht nur im Fachlichen, sondern auch hinsichtlich ihrer menschlichen Qualitäten!

Der Autor ist Psychologe und Psychotherapeut in Innsbruck.