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Feuilleton

Leichtfüßig, verspielt, unbändig

1945 1960 1980 2000 2020

Am 5. Oktober erhält die Autorin Ilse Kilic den diesjährigen Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien. Eine Würdigung.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 5. Oktober erhält die Autorin Ilse Kilic den diesjährigen Veza-Canetti-Preis der Stadt Wien. Eine Würdigung.

Als Ilse Kilic 1986 ihr erstes Buch "Rote Fäden" veröffentlichte, war eigentlich schon alles da: der eigene Kleinverlag das fröhliche wohnzimmer, die Kooperation mit ihrem Lebenspartner Fritz Widhalm, der die Grafiken lieferte, die Adresse in Wien Josefstadt, Fuhrmanngasse 1a, dazu Lust an der Dekonstruktion literarischer Formen und Verfahrensweisen, eine gewisse sprachliche Unbändigkeit und die Bereitschaft, das eigene Ich als Emanation gesellschaftspolitischer Konfliktfelder zu exponieren. Natürlich ist seither vieles neu hinzugekommen, wie die Wohnzimmer-Filmrevue im Kabelkanal Okto-TV, die Wohnzimmergalerie samt Glücksschweinmuseum und vor allem eine große Zahl von Büchern.

Von Anfang an aber war das gesamte Leben des Künstlerpaares Ilse Kilic / Fritz Widhalm ein gesellschaftspolitisches Kunstprojekt, mit allen Konsequenzen. Jahrelang sorgten die beiden abwechselnd mit Jobs für den gemeinsamen Lebensunterhalt, um den jeweils anderen freizuspielen. In der Avantgarde-Szene waren prekäre Existenzbedingungen immer schon üblich, allerdings war es damals noch möglich, einen Job ohne 20-seitiges Curriculum zu bekommen.

Als Ilse Kilic zu schreiben begann, kannte der Duden das Wort "trashig" noch nicht, und Wikipedia kam erst 15 Jahre später. Vielleicht ist diese Autorin deshalb so lange außerhalb der ,Szene' kaum gewürdigt worden. Als das Wort dann Mode wurde, gelangten ganz andere Dinge auf den (Buch-)Markt, die nur bedingt mit Kilics Arbeit zu tun haben, denn ihre Texte sind leichtfüßig, aber nicht leichtgewichtig, verspielt, aber nicht spaßnudelig. Für "Trash" als Richtung in Musik, Literatur und Film, so der Duden von heute, seien bewusst banal, trivial oder primitiv wirkende Inhalte und eine billige Machart typisch.

Kunstvolle Machart

Dass diese "Machart" überaus kunstvoll sein muss, um ernsthaft als "billig" exponiert werden zu können, lässt sich in Kilics Art Collagen aus Texten, drucktechnischen Finessen, Zeichnungen und Comicstrips nachvollziehen. In ihren Story-Boards aus kleinformatigen Bildern von naivem Gestus können ein paar Skizzen mit minimalistisch-verschmitzem Strich komplexe Zusammenhänge in ihrer ganzen Buntheit einfangen. Wie intelligent das alles gemacht ist, lässt sich unter anderem in jenen neun Büchern nachlesen, die seit 1999 im Ritter Verlag erschienen sind, wo die Autorin eine verdiente und würdige Verlagsheimat gefunden hat.

Ganz eigenen Reiz haben die beiden Bände über das Projekt der Ich-Werdung, "Als ich einmal zwei war"(1999) und "Die Rückkehr der heimlichen Zwei"(2000). Sie bearbeiten metaphysische Fragen mit Hilfe einer heimlichen einäugigen (nicht eineiigen) Zwillingsschwester und reichen als eine Art Problemkatalog gültige Beobachtungen an die Erwachsenenwelt weiter, etwa: "Beliebte Kinder haben meist nette Frisuren."

Ein gängiges Adjektiv in den Rezensionen ist "verspielt". Zur Verspieltheit gehört - so sie sich als künstlerischer Kommentar versteht - ein großes Maß an Disziplin ebenso wie die Auseinandersetzung mit den Traditionen der Avantgarde, vergnüglich nachzulesen etwa in "Monikas Chaosprotokoll" (2004).

Aktuell wandern manche Formen dieses spielerischen Moments von Avantgardekonzepten mehr und mehr in Maschinen wie Anagramm-Generatoren ab, was kein Problem ist, wenn man über viele konzeptuelle Standbeine verfügt. Kilic berief sich einmal auf eine Formulierung Liesl Ujvarys, wonach zwei Wege zum Schreiben führen: die Auseinandersetzung mit der Form und jene mit der Autobiografie, optimal sei es, wenn beide Wege ineinander münden.

Verwicklungsromane über Leben und Liebe

"Dieses Ufer ist rascher als der Fluss!" eröffnete 1999 die Serie autobiografischer Verwicklungsromane über das Lebens- und Liebesprojekt des Autorenpaars Kilic /Widhalm, zum Teil als Aliasfiguren Jana Brenessel und I.G. Naz auftretend. Es sind intime Protokolle, aber auch Reflexionen über die Funktionsweise von Erinnerungsarbeit und Ich-Konstitution in (Auto-)Biografien, was noch um einiges komplexer wird, wenn es sich um zwei Ichs im Rahmen einer Beziehungsbiografie handelt.

Das geht an Grenzen, auch an die der Leserinnen und Leser. Manches möchte man gar nicht so genau wissen, anderes macht betroffen, wie die Auseinandersetzung mit der eigenen Krebserkrankung in "Ein kleiner Schnitt. Unser Krebsjahr"(2006). Eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit problematischer Körperlichkeit hatte die Autorin, freilich vor einem weniger dramatischen Hintergrund, bereits in "L5/S1 - Aus der Krankheit eine Waffel machen!"(1995) eingeübt. Persönliche Krankengeschichten sind - schon mit dem Altern der auftrittsstarken Autorenund Autorinnengeneration der 1970er und 1980er Jahre - im Moment durchaus en vogue. Aber die Erdung im kleinen Alltag und größeren Kontext gelingt selten so überzeugend. Kilics stets dem Konkreten verpflichtete künstlerische wie literarische Bildsprache schützt auch in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod vor Pathos und Egomanie und macht daraus stattdessen ein "Buch über viel"(2011).

Wieviel Reflexion hinter Kilics Werk steht, wird vielleicht immer dort besonders sichtbar, wo das literarische Sprachhandeln zu schräg angelegten literaturtheoretischen Beiträgen mutiert. In "Rote Fäden" scheinen es noch etwas simple Leseerwartungen zu sein, die Kilic aufspießt, um zu zeigen, dass eine ordentliche Geschichte eben auch ohne roten Faden gut auskommt. Der Band "Vom Umgang mit den Personen. Eine Schöpfungsgeschichte" (2005) kippt dann radikaler in metatextuelle Diskurse - und das auf überaus unterhaltsame Art. Hier geht es um eine erste Psychophysik literarischer Hauptpersonen samt konkreter Handlungsanweisung für den Umgang mit ihnen. Eine gewisse Vorsicht ist dabei ratsam, denn wie ein Eisberg sind sie oft "unter der Oberfläche ... etwa achtmal so groß wie ihr sichtbarer Teil".

Verträge mit Romanfiguren

Deshalb kann der gesamte Erzählkosmos schon mal implodieren und der Autorin um die Ohren fliegen. Sie erhält Kündigungsschreiben ihrer Figuren, muss komplizierte Verträge ausverhandeln, denn die an Selbstbewusstsein gereiften Hauptpersonen wollen sich absichern gegen Unbill wie Mord, Totschlag oder Depression, schließlich sind derartige Schicksale in den Romanen heute gang und gäbe. In "Das sich selbst lesende Buch"(2016) erzwingen sogar Worte von der Autorin Fußnoteneinträge, etwa das Boot, das seine Unschuld verlor, als das erste Mal der Satz "Das Boot ist voll" gesagt wurde, "um die zufällig sichere eigene Position gegen jene zu verbarrikadieren, für deren Unsicherheit die eigene Sicherheit mitverantwortlich ist ... Das Wort ,Boot' verlangt diesen Kommentar und schämt sich".

Im Vorbeiplaudern diskutiert die Autorin zentrale Fragen der Buchkultur, greift bei Bedarf auf Kulissen oder Bausteine aus fremden wie eigenen Texten zu, und Figuren wie der Wettermanipulator Zweck oder die Privatgelehrte Mimi La Whipp finden sich in ihrem Romanfigurenkabinett immer wieder ein -sie können ein langes Leben über mehrere Bücher hindurch genießen, auch weil die Autorin "Tote im Text" stets zu vermeiden trachtet. Man kann solchen Querverweisen folgen, muss es aber nicht, denn jedes von Kilics Büchern wirkt auch als Solitär - und schillert für sich.

Paragraph 4 des Vertrages zwischen der Romanfigur (RF) Ria M[onika]. Glomp, vom Beruf Kummerforscherin - "ihre akademische Ausbildung erfolgte im Rahmen des lipogrammatischen Textes Oskars Moral" (1996) -, und der Autorin Ilse Kilic (AU) in "Wie der Kummer in die Welt kam"(2013) garantiert RF die "Teilhabe am Ruhm und an allen Auszeichnungen von AU". Und so darf man Ilse Kilics gesamtem literarischen Personal zum Veza-Canetti-Preis gratulieren.

Verleihung des Veza-Canetti-Preises an Ilse Kilic

5. Oktober 2016,19 Uhr MUSA, Felderstraße 6-8, 1010 Wien