Leo oder das Mittelalter

'Leo!" rufen die Kinder in Wien, wenn sie beim Fangenspiel die rettende Stelle erreicht haben, die Schutz bietet. Beachtlich, wie sich ein Politiker 800 Jahre im Wiener Volksgedächtnis halten konnte: Leopold der Glorreiche bestimmte einige Stellen in Wien, die einen Verfolgten vor Rache, Lynchjustiz und sofortigem Polizeizugriff schützen konnten, wenn er sie rechtzeitig erreichte. Eine davon, der Asylring an der nördlichen Außenwand des Stephansdoms, ist heute noch zu sehen.

Wer heute in Österreich Asyl sucht, findet keinen Rettungsring. Die Polizei setzt auch Minderjährige in Schubhaft, trennt Familien, schiebt ab. Wer sich dagegen wehrt, muss mit einem blau geschlagenen Gesicht rechnen. Wissenschaftler und Studenten, die nicht aus der EU kommen, sind aufreibenden Schikanen ausgesetzt, während von der Exzellenz des Bildungssystems die Rede ist. Die Polizei tut selbstverständlich nur ihre Pflicht - das ist in Österreich präsidial legitimiert. Zur Pflicht ruft ein Gesetz, das einträchtig von den beiden großen Parteien und der winzigen Regierungspartei beschlossen wurde.

Nur die Kinder rufen noch: 'Leo!" Wer redet da vom finsteren Mittelalter? Damals boten Kirchen und Klöster Asyl. Auch heute gibt es Widerstand: Caritas und Diakonie erheben Einspruch. Aber warum ist die in Österreich immer noch gewichtige Stimme der Bischöfe nicht lautstark zugunsten der Asylanten und Migranten zu hören? Ist da keiner, der sich einen Namen machen will, es muss ja nicht für Jahrhunderte sein? Nein. Man hat höheren Orts andere Sorgen. Man denkt - schon seit Jahrzehnten - über wiederverheiratete Geschiedene nach, und neuerdings - ganz aktuell - über Kondome.

Irgendwie verwirren sich mir im Kopf die Zeitläufte. War das finstere Mittelalter vor der Aufklärung? Oder ist es erst nach ihr ausgebrochen?

Der Autor ist freier Journalist.

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