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Letzte Tage der Menschheit

Die Todesmärsche ungarischer Juden in den letzten Kriegstagen haben Peter Turrini und Silke Hassler in ein Theaterstück verpackt. Regisseurin Elisabeth Scharang hat daraus ihren ersten Spielfilm "Vielleicht in einem anderen Leben“ gemacht.

R oberto Benigni hat es mit "La vita è bella - Das Leben ist schön“ schon 1997 getan. Radu Mihaleanu machte es ihm in seinem "Zug des Lebens“ (1998) nach, wo eine Eisenbahn in Richtung Vernichtungslager von den Deportierten gekapert wird. Beide Streifen sind typisch europäisches Kino der 90er Jahre. Und beide etablierten aufs Neue den absurden bis augenzwinkernden Film-Zugang zu den Schrecknissen der Schoa.

Vielleicht kommt Elisabeth Scharang da gut ein Dutzend Jahre zu spät. Neu ist ihr Zugang zum Thema ihres ersten Kinospielfilms "Vielleicht in einem anderen Leben“ somit wirklich nicht. Als Drehbuch(vorlage) fungiert das Stück "Jedem das Seine“ von Peter Turrini und Silke Hassler aus 2007.

Elisabeth Scharang ist ja eine österreichische Dokumentarfilmerin von Rang, etwa mit der Spurensuche nach dem notorischen Gerichtspsychiater und Beteiligten der NS-Kindsmorde am Wiener Spiegelgrund, Heinrich Gross ("Mein Mörder“, 2005), dem Porträt "Tintenfischalarm“ über den Intersexuellen Alex (2006), oder der grandiosen Spieldokumentation "Franz Fuchs - Ein Patriot“ (2007) mit dem kongenialen Karl Markovics als Briefbomber.

Zutaten für ein Meisterstück …

Auch Ursula Strauss und Johannes Krisch wären für weitere Schauspielhöhen gut - die beiden hatten schon in Götz Spielmanns Oscar-Kandidaten "Revanche“ (2006) gemeinsam brilliert. Und mit Jean-Claude Larrieu an der Kamera ("Elegy“, 2008) war ebenfalls ein Meister seines Fachs mit im Bund.

Doch die Voraussetzungen sind das Eine. Der Film hingegen entpuppt sich nicht als Jahrhundertwerk, ja nicht einmal als ein Jahrzehntereignis; er bleibt im Ansatz und in seiner Langsamkeit stecken. Und enträt des Humors und/oder der Absurdität, welche schon die "Urfilme“ des satirischen Umgangs mit der Hitlerei - Charlie Chaplins "Großer Diktator“ (1940) und Ernst Lubitschs "Sein oder Nichtsein“ (1942) - vorgaben.

Der Hintergrund ist historisch: Noch in den letzten Kriegstagen treiben SS-Schergen ihre Opfer in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Auf dieser Folie erzählt der Film von einer Gruppe ungarischer Juden, die in einem - noch - ostmärkischen Weiler festgehalten werden, und zwar im Heustadl des Stefan Fasching (Johannes Krisch). Die lokalen Ansässigen sind antijüdisch hasserfüllt wie eh und setzen weiter auf den Endsieg, obwohl die Rote Armee schon beinah in Sichtweite ist.

Bauer Fasching ist kriegsversehrt. Während die wenigen Männer im Ort den Juden ans Leben wollen, rühren die ausgemergelten Gestalten das Herz von Faschings Ehefrau Traudl (Ursula Strauss). Die Ehe der beiden ist am Ende - sie können den Kriegstod des gemeinsamen Sohnes nicht verkraften. Doch in den vier Tagen, die der Film schildert, schöpfen sie neue Hoffnung. Die Darstellung dieser Konstellation durch Strauss und Krisch gehört zu den Glanzpunkten des Films.

… aber im Ansatz steckengeblieben

Die Truppe der Deportierten wird vom Budapester Opernsänger Lou Gandolf (Péter Végh) zusammengehalten. Der will, als Hoff- nungszeichen wie aus dem Mut der Verzweiflung, die Operette "Wiener Blut“ einstudieren. Die Faschings sowie deren Magd Poldi (Franziska Singer) sind mit von der Partie: Das postume Johann-Strauß-Werk von den armen Teufeln interpretieren zu lassen, ist auch in der Dämmerung des Dritten Reiches ein skurriles Wagnis … Eine dramaturgische Idee, die aber nur halb aufgeht. Jedenfalls hätte man von Turrini und Co. einen Schuss Deftigkeit und prallere Ideen erhofft. Regisseurin Scharang hat allerdings angemerkt, das Turrini-Hassler-Opus für ihre Zugänge ordentlich verändert zu haben.

Vielleicht in einem anderen Leben

A/D/H 2010, Regie: Elisabeth Scharang. Mit Ursula Strauss, Johannes

Krisch. Verleih: Filmladen. 96 Min.

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