Digital In Arbeit

Licht und Schatten der ZUKUNFT

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Die neue digitale Revolution ist "smart": Das Internet der Dinge wird nicht nur die Industrie, sondern auch unseren Alltag prägen.

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Die neue digitale Revolution ist "smart": Das Internet der Dinge wird nicht nur die Industrie, sondern auch unseren Alltag prägen.

Es ist ein Kühlschrank der Superlative, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird: Mit dem Touchscreen mutet er an wie ein überdimensionales Smartphone, und auf seiner Oberfläche sind Funktionen anzutreffen, die auch am Display der Handy-Geräte zu finden sind: zum Beispiel Foto-Ordner, Internet und jede Menge Musikauswahl aus Streaming-Diensten. Vor allem aber besticht das hypermoderne Kühlgerät durch die fortlaufende Überwachung seines Inhalts: Kameras liefern Bilder von innen, und auf Wunsch kann der Kühlschrank seine Nutzer darüber informieren, wenn ein Lebensmittel in Kürze abläuft. Sofern es diesen gefällt, können sie die Nachbestellung via Touchscreen in die Wege leiten. Dass der Kühlschrank die Ware automatisch ordert, ist derzeit freilich noch Zukunftsmusik.

Freiheit in Gefahr?

"Wer würde sich einen Kühlschrank kaufen wollen, der uns sagt, die Milch ist fast leer, ich bestelle dir jetzt einen neuen Liter - wenn es nicht so verlockend wäre, sich in einer schnelllebigen und fordernden Welt von ein paar lästigen Alltagsverpflichtungen freischaufeln zu können", sagt Walter Peissl, stellvertretender Direktor beim Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Da steigen eben jetzt die Technologie-Anbieter mit zahlreichen smarten Produkten ein." Aber halten diese neuen Angebote ihre Versprechungen, unsere Haushaltsorganisation zumindest partiell an Computer zu delegieren und unseren Alltag einfacher, bequemer und effizienter zu machen? Oder halsen wir uns damit nur eine unabsehbare Komplexitätssteigerung auf, die im Falle eines Defekts oder Systemausfalls umso teurer und aufwändiger zu stehen kommt?

"Wenn man sich immer auf Technologien verlässt, verlernt man bestimmte Fähigkeiten und steht dann mitunter stärker abhängig da, als man es vorher war", bemerkt Peissl. "Insofern ist zu überlegen, was das spezifisch Intelligente an den neuen Produkten ist, und in welcher Weise wir uns den datengestützten Technologien aussetzen, ohne sie tatsächlich zu durchschauen." Fragen dieser Art beleuchtete die ITA-Jahreskonferenz zum Thema "Smart New World", die am 30. Mai in Wien stattfand. Dem allgegenwärtigen "Hype" nicht auf den Leim zu gehen, sondern die neuen Entwicklungen aus kritischer Distanz zu beleuchten, war das Anliegen der Veranstaltung, die auch die möglichen größeren Auswirkungen der smarten neuen Welt auf die Gesellschaft und Demokratie in den Blick nahm.

Dass mit der digitalen Revolution viel, ja fast alles auf dem Spiel steht, was sich westliche Gesellschaften über Jahrhunderte erkämpft und aufgebaut haben, argumentierte Dirk Helbing, der an der ETZ Zürich forscht, in seiner Keynote-Lecture: Selbstbestimmung und Freiheit, Fairness und Gerechtigkeit, Pluralismus und Demokratie, Frieden und Sicherheit seien bedroht, sofern nicht ein komplett neues Paradigma für den sozialen Zusammenhalt gefunden wird.

Ethische IT-Innovation

Daten gelten heute als neue Währung, als neuer Treibstoff, als "neues Öl". Und nach der Automatisierung von Fabriken und Autos steht die Automatisierung der ganzen Gesellschaft durch smarte Technologien bevor, ist der Computer-Forscher überzeugt. Auf der Basis von Internet und Big Data sei heute schon leicht eine Art zentralisierter, globaler Kontrolle vorstellbar, die sich je nach Gestimmtheit als "weiser König" und "wohlwollender Diktator" oder schlicht als totalitärer Alptraum imaginieren lässt. Regierungen und Großkonzerne wie Google jedenfalls verfolgen derzeit dieses "Top-Down"-Modell, so Helbing. Unter dem Schlagwort "Demokratie 2.0" skizzierte der deutsche Forscher eine alternative, freundlichere Vision des digitalen Zeitalters, die zwar ebenfalls auf dem "Internet der Dinge" basiert, aber durch Selbst-Organisation von unten nach oben ("Bottomup") gekennzeichnet ist - und dabei unter anderem auf Wahlfreiheit, Partizipation und kollektive Intelligenz setzt.

Auch Sarah Spiekermann, die den zweiten Keynote-Vortrag hielt, sieht viele unserer Werte von der aktuellen technologischen Umwälzung betroffen. Für die Professorin an der Wirtschaftsuniversität Wien hat die Vernetzung von immer mehr Objekten und Infrastrukturen ein Janus-köpfiges Gesicht: "Im negativen Sinn steht unsere Privatsphäre und unsere Freiheit auf dem Spiel, gleichzeitig birgt Technologie aber auch außerordentliche Potenziale für die Förderung von Werten." In ihrem unlängst erschienenen Buch "Ethical IT-Innovation" präsentiert sie einen neuen Weg der Technologieentwicklung, der ethische Werte mit berücksichtigt. Klassische Innovationsprozesse aus der Informatik und dem Management sollen dabei um ethische Entscheidungsprozesse ergänzt werden.

Der höfliche Roboter

Angenommen, man wollte höfliche Roboter bauen, die nicht vergessen sollen, ihren Nutzern Respekt zu zollen. Die damit betrauten Software-Ingenieure müssten Höflichkeit auf mehreren Ebenen verankern: in der Roboter-Sprache, in ihrem Verhalten und in ihrer Transparenz gegenüber dem Nutzer. Die Roboter sollen zum Beispiel die Nutzerwahl respektieren und offen zeigen, welche Parteien in die gewählte Interaktion involviert sind. Sie sollen "bitte" und "danke" sagen, die Türe aufhalten, freundlich schauen sowie Feedback auf die ausgeführten Befehle geben. Ethisches IT-Design muss hier auch Hindernisse in Betracht ziehen: Es wäre zu vermeiden, dass der Roboter regional bedeutsame Höflichkeitsfloskeln nicht kennt; nicht genau weiß, wann man höflich sein sollte oder die Ausdrücke nicht mit der Mimik zu kombinieren versteht. Denn das Resultat wäre kein galanter, sondern bestenfalls ein tollpatschiger Roboter.

Um die positiven Entwicklungsziele nicht zu untergraben, ist die Definition von Hindernissen und Kontrollen erforderlich, so Spiekermann: "Voraussetzung für eine positive Nutzung von Informationstechnologien ist jedoch generell, dass sich die technischen Investitionsschwerpunkte verändern", resümierte die Wirtschaftsinformatikerin. "Es braucht Führungskräfte, die in der Lage sind, Werte zu erkennen und diese 'top-down' zur Priorität zu machen".

Die Ambivalenz der smarten Technologien zeigt sich nicht zuletzt darin, dass selbst ein so positiv konnotierter Begriff wie Transparenz heute auch von seiner Schattenseite her begriffen wird: Denn zu viel Transparenz durch immer mehr Datensammlungen kann dazu führen, dass Vertrauen restlos durch Kontrolle ersetzt wird und sich die Gesellschaft in eine "lichtlos strahlende Transparenzgesellschaft" (Byung-Chul Han) verwandelt. Die neue Daten-getriebene Dynamik gleicht dann dem Sonnenlicht: Sie steigert zwar die Lebensqualität, kann aber exzessiv genossen zum "digitalen Sonnenbrand"(Evgeny Morozov) führen. Daraus erwächst wieder eine Wertschätzung von Dunkelfeldern - Orte, die sich der öffentlichen Kontrolle und Überwachung entziehen, oder einfach Kühlschränke, in denen auch eine abgelaufene Milchpackung noch Platz findet. Ob die Milch schon schlecht ist, prüft man am besten selbst.

Ethical IT-Innovation

A Value-Based System Design Approach.

Von Sarah Spiekermann, Taylor & Francis 2016.257 Seiten, geb., € 88,95

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