Wein - © Foto: Pixabay

Lily Brett: Ein weiblicher Woody Allen

1945 1960 1980 2000 2020

Lily Brett portioniert ihr Leben in neun Kapiteln und schenkt ihren Lesern ein therapeutisches Brevier für den Alltag.

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Lily Brett portioniert ihr Leben in neun Kapiteln und schenkt ihren Lesern ein therapeutisches Brevier für den Alltag.

Lily Brett lebt wie Woody Allen in New York, und dies ist nicht die einzige Verbindung zwischen beiden. Ihr Leben ist ihnen zur Obsession geworden, das sie nur durch Geschichten ertragen können, zwanghaft zur Wiederholung getrieben, in Variationen, die für den Betrachter nicht langweilig werden, weil sie mit Humor und selbstzerfleischender Selbstkritik, aber mit Augenzwinkern serviert werden, die dann und wann an den Exhibitionismus anstreifen, aber nicht die borderline der Peinlichkeit überschreiten. Zumindest bei Lily Brett ist es so.

Lily Brett lebt wie Woody Allen in New York, und dies ist nicht die einzige Verbindung zwischen beiden. Ihr Leben ist ihnen zur Obsession geworden, das sie nur durch Geschichten ertragen können, zwanghaft zur Wiederholung getrieben, in Variationen, die für den Betrachter nicht langweilig werden, weil sie mit Humor und selbstzerfleischender Selbstkritik, aber mit Augenzwinkern serviert werden, die dann und wann an den Exhibitionismus anstreifen, aber nicht die borderline der Peinlichkeit überschreiten. Zumindest bei Lily Brett ist es so.

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Die Geschichte der Familie der Autorin ist alles andere als eine Lachnummer. Die Eltern heirateten im Ghetto von Lodz, wurden in Auschwitz getrennt und fanden einander erst nach einem Jahr wieder. Die Tochter kam 1946 zur Welt, übersiedelte mit den Eltern nach Australien, arbeitete als Journalistin für ein Rockmagazin und wurde zur begeisterten New Yorkerin. Die Vernichtung der Juden ist der Fluchtpunkt vieler, auch alltäglicher Überlegungen der Autorin. Das "trotzdem leben" hat bei ihr jedoch keinen pädagogischen Beigeschmack, sondern tritt vielmehr aus dem Schatten des Pathos heraus. Halt bietet ihr der jüdische großstädtische Witz, der sich zwischen Wolkenkratzern und den Segnungen des 20. Jahrhunderts durchschwindelt und so stark ist, weil seine Wurzeln mühelos Kontinente überwinden und Ghetto, Pogrome und Anfeindungen überdauert haben.

"Das Gefühl, Glück zu haben, ist mir immer noch etwas unheimlich. Ich möchte mein Glück nicht strapazieren. Also filtere und verwässere ich meine Tage mit sonderbaren Beschwerden und Wehwehchen und lasse das unbesonnene Gefühl, Glück zu haben, nur bruchstückweise einsickern." Ein Beispiel für Lily Bretts Lebensphilosophie, die sie in neun Kapiteln präsentiert. Übers Altwerden schreibt sie, breitet die Probleme mit ihrer Tochter aus, die als Kind verletzte Vögel und streunende Hunde nach Hause brachte und bei Jungs nach ähnlichen Qualitäten suchte. Sie beschreibt aber auch die Wandlungen ihres Körpers und die Entwicklung eines ungezwungen Umgangs damit ("Ich war immer so höflich und wohlerzogen. Ich gehöre zu denen, die niemals in Gegenwart eines anderen rülpsen ... würden") und entdeckt das Gewichtheben und andere Körperarbeit als Befreiung. Sie schafft es auch, die Verbindung zwischen ihrer Eßlust und den Geschichten über das Konzentrationslager auf eine erschreckend natürliche Art zu beschreiben.

"Menschlich zu sein bedeutete, die Kontrolle über sich selbst zu behalten. In den Augen meiner Mutter hatten dicke Menschen die Kontrolle über sich selbst verloren." Nach den mütterlichen Vorträgen über das Abnehmen mußte die Tochter etwas essen, Eßneurose als Ausdruck der Angst vor dem Vergangenen. Wer die Shoa nicht vergessen kann und für den sie auch im Alltagsleben präsent ist, der kann auch den Tod, den alltäglichen, nicht verdrängen, wenngleich die meisten Menschen nicht darauf erpicht sind, etwas darüber zu hören. "Tod und Krankheit werden, glaube ich, als ansteckend empfunden." Lily Brett spricht über alles, weiß Geschichten und wird zu einer kathartischen Persönlichkeit, die ihre Schwächen präsentiert, damit sich ihre Leserinnen und Leser besser fühlen, vielleicht auch über ihre Mängel und Probleme zu sprechen beginnen. Ein Buch wie ein begonnenes Gespräch mit unsichtbaren Partnern.

"Wie viele Juden fühlt sie sich wohler, wenn sie einen Doktor in ihrer Nähe weiß. Sie und ihr Mann Win gehen oft gemeinsam mit einem ihrer Ärztefreunde auf Reisen. Ich halte das für eine großartige Idee." Für die Autorin reichte das Schreiben als Therapie nicht aus, um sich von ihren Ängsten zu befreien. Mit diesem Buch beendet sie auch nach sechs Jahren ihre Psychoanalyse. Dabei ist sie mit ihren Lesern in einen neuen Dialog getreten und hat ihnen ein therapeutisches Brevier für den Alltag geschenkt.

Buch

Zu sehen

Von Lily Brett, Deuticke Verlag, Wien 1999,
348 Seiten, geb., öS 350,-/e 25,45,-

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