Literatur als Erlebnis

Es gäbe keine Leser mehr? Wer das denkt, möge nach Rauris kommen. Seit 40 Jahren zeigen die Rauriser Literaturtage das Gegenteil. Vergangenes Wochenende war es wieder einmal soweit.

Seit Jahren, erzählte mir das Ehepaar aus Bayern, kämen sie nach Rauris, machten hier Urlaub, um die Literaturlesungen zu besuchen. Das sei doch wunderbar, meinte ich zustimmend, tagsüber könne man wandern und am Spätnachmittag dann die Autorinnen und Autoren lesen hören. Die Antwort klang leicht empört: Wandern? Auch tagsüber gäbe es doch Programm! Und man höre sich hier alles an, alles.

Alles und stundenlang. Trotz des enormen Andrangs, der immer wieder erstaunlich ist – und ergreifend. Stunden, bevor die Veranstaltung beginnt, warten die Hörhungrigen bereits vor dem Gasthof, um Plätze mit Blick auf die Bühne und die Autoren zu ergattern. Wer zu spät kommt, und das kann schon zwei Stunden vor der Veranstaltung der Fall sein, muss im Gasthof gegenüber Platz nehmen und sich mit dem Bildschirm begnügen.

40 Jahre literarische Entdeckungen

Seit 40 Jahren gibt es nun Rauris als Literaturort. Man kann Rauris lesen als Trendsetter. Diverse Literaturfestivals präsentieren inzwischen schon Autoren zum Angreifen und kredenzen dabei – als würde man fürchten, Literatur alleine wäre nicht interessant genug – Kulinarik dazu. Man muss Rauris daher auch als Gegengeschichte zu diesen Trends lesen. Rauris zeigt nämlich, was viele nicht wahrhaben wollen: dass man Lesern etwas zumuten darf und soll, dass es in der Verantwortung von Kulturvermittlern liegt, nicht bloß leichte Kost zu servieren oder sich womöglich sogar dafür zu entschuldigen, wenn Aufmerksamkeit und Konzentration vonnöten sind.

„Stars“ waren heuer einige eingeladen, und das passt ja für ein Jubiläumsjahr. Doch Rauris hätte wohl auch funktioniert ohne die Lesung von Wolf Haas oder den Auftritt von Hubert von Goisern oder die Hassler-Turrini-Doppellesung. Die Rauriser Räume füllen sich auch ohne Staraufgebot, das zeigten die Lesungen auf der Heimalm. Mein Geburtstagswunsch für Rauris: dass diese „Institution“, die mit ihrem Literaturpreis immerhin Autorinnen und Autoren wie Franz Innerhofer, Felicitas Hoppe, Walter Kappacher und die zukünftige Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller entdeckte und auszeichnete, sich auch weiterhin nicht den massentauglichen Trends verpflichtet weiß, sondern der Vermittlung von – Literatur.

Die findet glücklicherweise auch an vielen anderen Orten statt, in Rauris hat sie aber eine besonders liebenswerte Form angenommen. Ihr verdankt die mehrtägige Veranstaltung – abgesehen von der malerischen Umgebung – wohl auch ihren Reiz. Denn hier werden Grenzen nicht nur in Sprache begangen, sondern auch außer Kraft gesetzt. Auf engstem Raum (was könnte enger sein als ein Tal zwischen hohen Bergen, ein überfülltes Wirtshaus, eine Alm, von der man erst weg kann, wenn die Gondelbahn wieder fährt, eine Bauernstube) treffen Leser auf ihre Autoren, Literaturspezialisten auf Leser, Einheimische auf Literaturtouristen, Schutting-Leser auf Wolf-Haas-Fans – und weiten den Blick.

Beginnen wir mit den Literaturspezialisten, die sich, wie Wendelin Schmidt-Dengler einmal ironisch meinte, befallen von Tagungssehnsucht gerne Dinge erzählen, die nur ihresgleichen interessieren. Hans Höller bewies das Gegenteil und erklärte dem verblüfften Publikum zunächst, warum ein jeder mit Erzähltheorien zu tun hat: weil jeder sein Leben erinnert und schreibt, auch wenn er nicht schreibt. Für seinen engagierten, frei gehaltenen Kurzvortrag über 40 Jahre österreichische Literatur erhielt er begeisterten Applaus. Österreichische Literatur wurde, so Höller, in den 60er-Jahren Weltliteratur, weil sie das Erbe in die Hand nahm durch Sprachkritik und literarische Techniken. Literatur ging ans Eingemachte: in die Provinz, in die Familie. Höller nannte als Beispiel Franz Innerhofer und spannte den thematischen Bogen bis zu Hanekes „Das weiße Band“. Nicht zuletzt mit seinen Anmerkungen zur gegenwärtigen Politik bewies er, dass sich auch Germanisten verständlich machen und politisch denken können — und warum sie beides nie aufgeben sollten.

Der literarische Bär

Die anwesenden Professoren konnten sich über die heranwachsenden Germanisten freuen: In Rauris haben auch die Studierenden ein Wörtchen mitzureden, und sie ergreifen es gerne, traditionellerweise in öffentlichen Gesprächen mit Autoren, diesmal in Präsentationen zum Thema 40 Jahre deutschsprachige Literatur. Salzburger Studierende füllten einen Korb mit Zitaten ihrer subjektiven Leseempfehlungen, Innsbrucker Studierende kritisierten die Gängelung der Literaturkritik durch den Markt, und die provokanten Statements der Klagenfurter Studierenden sorgten für einen krönenden Abschluss: „Literatur als Zündstoff? Ja, es gab mal eine Zeit, da setzte man sich mit einem Buch vor den Kamin und verwendete es nicht, um ihn anzuzünden. Und mit der Lyrik, mit der Lyrik ist es ohnehin ein Drama. Was ist schon Lyrik?“

Bei Veranstaltungen wie dieser sah man Alt und Jung, Einheimische und Literaturtouristen Seite an Seite, was mich zu einem weiteren Geburtstagswunsch führt: dass auch weiterhin nicht bloß Literaturinteressierte kommen, ein paar Tage lang den Ort auf den Kopf stellen und dann mit Sack und Buch abreisen und eine Lesewüste hinterlassen, sondern dass die Veranstaltung wie bisher vom Ort mitgetragen wird. Eine wunderschöne, typische Rauriser „Institution“, die das begünstigt, ist die Störlesung: die nichtöffentliche Lesung der Autoren bei Familien und ihren Gästen, sei es in der Bauernstube, sei es in der Frühstückspension.

Wer sich nicht sicher ist, ob es noch Leser gibt, möge einmal im Jahr nach Rauris fahren und wird dort seine Wunder erleben. Wie formulierten es die Klagenfurter Studenten? „Hier in Rauris, hinter den sieben Bergen, steppt der literarische Bär.“

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