Anna Kim - © Foto: APA / Eva Manhart

Anna Kim: Akte Identität

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Anhand einer wahren Begebenheit thematisiert Anna Kim in „Geschichte eines Kindes“ alltäglichen Rassismus, defizitäre Mutter-Kind-Beziehungen und die gefährliche Aufladung biologistischer Herkunftsnarrative.

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Anhand einer wahren Begebenheit thematisiert Anna Kim in „Geschichte eines Kindes“ alltäglichen Rassismus, defizitäre Mutter-Kind-Beziehungen und die gefährliche Aufladung biologistischer Herkunftsnarrative.

Vom Kopf her stinkt der Fisch nicht, zumindest könnte man das meinen, denn es ist das Amerika Obamas, in dem die österreichische Schriftstellerin Franziska als „Writer in Residence“ am St. Julian College in Green Bay, Wisconsin, auf die Geschichte Dannys stößt. Es ist eine Geschichte von institutionalisiertem Rassismus, genauestens veraktet und festgehalten. Genau genommen müsste der Titel „Geschichte zweier Kinder“ heißen, denn Anna Kim erzählt nicht nur die Geschichte von Daniel, einem 1953 unmittelbar nach der Geburt in einem christlichen Krankenhaus zur Adoption freigegebenen Säugling, sie erzählt auch die Geschichte ihrer Ich-Erzählerin Franziska, deren Biografie jener der Autorin ähnelt.

So viel Zeit und Raum auch zwischen Dannys und Franziskas Kindheiten liegen mag, zwischen dem amerikanischen Mittleren Westen der 1950er und dem Wien der 1980er, beide verbindet die Erfahrung, dass ihr Aussehen von ihrem Umfeld ethnisch gelesen wird und ihnen eine Herkunft angedichtet, ja aufgezwungen wird, die mit ihrem eigenen Aufwachsen und Erleben nichts zu tun hat. Daniel wird von der zwanzigjährigen Telefonistin Carol Anne zur Adoption freigegeben. „Sie ist hellhäutig und hat ein rundlich begrenztes Gesicht mit einem spitzen Kinn“, heißt es in den Akten. Als das Baby mit der Zeit eine dunklere Hautfarbe bekommt, beginnen daher die Spekulationen um den biologischen Vater. Zwei Krankenschwestern sind „zu dem Schluss gekommen, dass seine Körpermerkmale eher denen eines Negers entsprechen als denen eines Indianers. Das Kind, betonte Schwester Aurelia, weise ‚mit Sicherheit‘ Merkmale auf, die nicht normal seien“.

Das Baby wird beobachtet und vermessen, die Haut, die Dicke der Lippen, die Beschaffenheit der Haare, die Form der Nase. „Polnische“, „indianische“ und „negride“ genetische Komponenten meint man identifizieren zu können. Carol verneint, dass der Vater dunkelhäutig sei, verweigert aber genauere Auskünfte. Für Dannys Fall zuständig ist die aus Wien stammende Sozialarbeiterin Marlene Winckler. In Form von Akten des Sozialdienstes der Erzdiözese Green Bay zeichnet die Autorin einen Fall nach, der auf einer wahren Geschichte beruht. Der gesetzliche und institutionalisierte Rassismus paart sich mit dem individuellen der beteiligten Personen – „MW“, wie sie in den Akten genannt wird, entwickelt eine wahre Obsession bei der Suche nach dem Vater, die so weit führt, dass sie Carol verfolgt und diskreditiert und einer weißen Familie, die Danny gerne bei sich aufnehmen möchte, das Kind verweigert.

Die ethnische Herkunft

Auch wenn die USA 2013 am Beginn der zweiten Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten stehen, am Rassismus ändert das wenig, weder strukturell noch individuell. Anna Kim zeigt, dass Rassismus nicht zwangsläufig eine Frage von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse ist. Franziska quartiert sich während ihres Aufenthalts in Green Bay bei Joan Truttman ein – es ist die (weiße) Ehefrau Dannys, der mittlerweile nicht mehr sprechen kann und in einem Pflegeheim lebt. Obwohl Joan mit einem Schwarzen verheiratet ist und sie Dannys Geschichte kennt und zweifellos nur das Beste für ihn möchte, beharrt auch sie auf der Bedeutung der ethnischen Herkunft, was Franziska am eigenen Leib zu spüren bekommt. „Sie musterte mich misstrauisch. Das glaube sie mir nicht, rief sie endlich aus, den Wurzeln entkomme man nicht, ich sei doch gemischt, oder? Sie betrachtete mich erneut, kürzer diesmal, und kam zu dem Schluss, dass meine hohen Wangenknochen, die Form meiner Augen (das so genannte Mandelformat) und meine Nase meine ethnische Herkunft, zumindest den dominanten Teil, verrieten.“

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