Anna Weidenholzer - © Foto: Otto Reiter

Anna Weidenholzer: „­Wie funktioniert unsere Gesellschaft?“

1945 1960 1980 2000 2020

Ihr Blick gilt den Details und dem, was vielleicht oft gar nicht auffällt: Anna Weidenholzer im Gespräch über ihre Literatur und ihre Themen.

1945 1960 1980 2000 2020

Ihr Blick gilt den Details und dem, was vielleicht oft gar nicht auffällt: Anna Weidenholzer im Gespräch über ihre Literatur und ihre Themen.

Anna Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalistin. 2010 erschien ihr Erzählband "Der Platz des Hundes“, 2012 der Roman "Der Winter tut den Fischen gut", 2016 der Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen". Im Rahmen der Reihe WERK.GÄNGE in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur sprach sie über ihre Texte und Themen. Die FURCHE bringt eine leicht redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs.

DIE FURCHE: Es wird oft hingewiesen auf Ihren unaufgeregten Stil und auf die unspektakulären Themen in Ihren Werken. Doch wenn man sich die Themen ansieht, zum Beispiel der Tod eines geliebten Menschen oder die Tatsache, dass man mit 47 Jahren am Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, dann sind sie doch durchaus spektakulär.

Anna Weidenholzer: Ich finde sie nicht unspektakulär. Aber es ist ein Setting, wo vielleicht auf den ersten Blick nicht viel passiert. Das ist allen Texten gemeinsam. Aber ich glaube, dass gerade in solchen Momenten, wo scheinbar nichts passiert, sehr viel passiert, sehr viel unter der Oberfläche. Das ist es, was mich beim Schreiben interessiert. Beobachten ist sehr wichtig für mich. Ich bleibe gerne sitzen und schaue, was passiert. Das kann auch etwas ganz Kleines sein. Plötzlich sieht man, wie die Taube neben einem die Augen schließt. Man kriegt so einen ganz eigenen Blick für Dinge, die man vorher vielleicht nicht bemerkt.

DIE FURCHE: Über Ihre Texte wird oft gesagt, sie würden sich wegbewegen vom Zentrum an die sogenannten "Ränder der Gesellschaft". So unschöne Begriffe wie "der kleine Mann von der Straße" sind unheimlich hierarchisch, verraten andererseits die Schwierigkeit, über andere zu schreiben. Wie geht das, über Menschen in ganz anderen Lebenssituationen zu schreiben, ohne hierarchischen, elitären Schriftstellerblick?

Weidenholzer: "Der Rand der Gesellschaft": das ist so ein Stempel, der aufgedruckt wird. Ich war sehr erstaunt über die Reaktionen auf "Der Platz des Hundes", dass die Menschen darin als Rand der Gesellschaft bezeichnet wurden. Sie sind ja eigentlich die Mitte der Gesellschaft. Ganz normale alltägliche Leben, die einem überall auf der Straße begegnen. Ja, wie schreibt man das? Ich glaube, dass Abstand wichtig ist. Für mich ist Schreiben, als ob man jemanden filme, als ob man jemanden ganz nahe heranzoome, aber gleichzeitig die Distanz zu der Person auch noch habe. Wenn man über jemand anderen schreibt mit anderem Alter, Geschlecht, einer anderen Lebensrealität, könnte es schnell anmaßend werden. Darum finde ich es wichtig, Abstand zu haben und diese Distanz beim Erzählen zu haben und aufzuzeigen.

DIE FURCHE: Die Erzählungen in "Der Platz des Hundes" sind miteinander verbunden durch die Figuren, die einmal da auftauchen, dann dort. Dieses formale Konstrukt führt mitten in eine Gesellschaft hinein.

Weidenholzer: Es ist ein Streifen von Leben, wenn man sich kurz wo begegnet, es gibt immer einen ganz kleinen Anknüpfungspunkt zwischen den Figuren. Sie sind alle miteinander ganz lose verbunden. Man könnte es sich wie ein Hochhaus vorstellen, wo gegenüber die Lichter angehen und man sieht die verschiedenen Etagen und wie Leben parallel zueinander verlaufen. Irgendwie sind sie zusammen, weil sie alle in diesem Haus sind, aber dann auch wieder nicht. In diesem Text sind sie in keinem Haus, aber in einer Kleinstadt, wo sie sich zufällig begegnen.

DIE FURCHE: Es gibt den Wunsch nach Kommunikation, er wird aber nicht erfüllt. Wie kam es zu diesem Debüt?

Weidenholzer: Ich habe immer geschrieben, wusste aber lange Zeit nicht, was mein Thema ist. Ich habe während und nach dem Studium als Journalistin gearbeitet, in der Chronikredaktion, und dort mein Thema gefunden. Der Alltag, die Begegnungen, die man hat. 2008/2009 habe ich die Leondinger Akademie für Literatur besucht und das Ausprobieren war für mich sehr gut: Was kann man erzählen, wie kann man erzählen? Im ersten Jahr ist dann die Erzählung "Der Platz des Hundes" entstanden. Ich wusste noch nicht, wie ich ein Buch schreiben soll. Dann kam diese Idee, Erzählungen zu verknüpfen, einerseits so etwas wie einen Miniminiroman zu haben, andererseits die Möglichkeit offen zu lassen, wie sehr man die Verknüpfung liest, ob man die Texte einzeln liest, ob man den ganzen Kreis liest und wie er sich schließt.

Anna Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, studierte Vergleichende Literaturwissenschaft und arbeitete als Journalistin. 2010 erschien ihr Erzählband "Der Platz des Hundes“, 2012 der Roman "Der Winter tut den Fischen gut", 2016 der Roman "Weshalb die Herren Seesterne tragen". Im Rahmen der Reihe WERK.GÄNGE in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur sprach sie über ihre Texte und Themen. Die FURCHE bringt eine leicht redigierte und gekürzte Fassung des Gesprächs.

DIE FURCHE: Es wird oft hingewiesen auf Ihren unaufgeregten Stil und auf die unspektakulären Themen in Ihren Werken. Doch wenn man sich die Themen ansieht, zum Beispiel der Tod eines geliebten Menschen oder die Tatsache, dass man mit 47 Jahren am Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar ist, dann sind sie doch durchaus spektakulär.

Anna Weidenholzer: Ich finde sie nicht unspektakulär. Aber es ist ein Setting, wo vielleicht auf den ersten Blick nicht viel passiert. Das ist allen Texten gemeinsam. Aber ich glaube, dass gerade in solchen Momenten, wo scheinbar nichts passiert, sehr viel passiert, sehr viel unter der Oberfläche. Das ist es, was mich beim Schreiben interessiert. Beobachten ist sehr wichtig für mich. Ich bleibe gerne sitzen und schaue, was passiert. Das kann auch etwas ganz Kleines sein. Plötzlich sieht man, wie die Taube neben einem die Augen schließt. Man kriegt so einen ganz eigenen Blick für Dinge, die man vorher vielleicht nicht bemerkt.

DIE FURCHE: Über Ihre Texte wird oft gesagt, sie würden sich wegbewegen vom Zentrum an die sogenannten "Ränder der Gesellschaft". So unschöne Begriffe wie "der kleine Mann von der Straße" sind unheimlich hierarchisch, verraten andererseits die Schwierigkeit, über andere zu schreiben. Wie geht das, über Menschen in ganz anderen Lebenssituationen zu schreiben, ohne hierarchischen, elitären Schriftstellerblick?

Weidenholzer: "Der Rand der Gesellschaft": das ist so ein Stempel, der aufgedruckt wird. Ich war sehr erstaunt über die Reaktionen auf "Der Platz des Hundes", dass die Menschen darin als Rand der Gesellschaft bezeichnet wurden. Sie sind ja eigentlich die Mitte der Gesellschaft. Ganz normale alltägliche Leben, die einem überall auf der Straße begegnen. Ja, wie schreibt man das? Ich glaube, dass Abstand wichtig ist. Für mich ist Schreiben, als ob man jemanden filme, als ob man jemanden ganz nahe heranzoome, aber gleichzeitig die Distanz zu der Person auch noch habe. Wenn man über jemand anderen schreibt mit anderem Alter, Geschlecht, einer anderen Lebensrealität, könnte es schnell anmaßend werden. Darum finde ich es wichtig, Abstand zu haben und diese Distanz beim Erzählen zu haben und aufzuzeigen.

DIE FURCHE: Die Erzählungen in "Der Platz des Hundes" sind miteinander verbunden durch die Figuren, die einmal da auftauchen, dann dort. Dieses formale Konstrukt führt mitten in eine Gesellschaft hinein.

Weidenholzer: Es ist ein Streifen von Leben, wenn man sich kurz wo begegnet, es gibt immer einen ganz kleinen Anknüpfungspunkt zwischen den Figuren. Sie sind alle miteinander ganz lose verbunden. Man könnte es sich wie ein Hochhaus vorstellen, wo gegenüber die Lichter angehen und man sieht die verschiedenen Etagen und wie Leben parallel zueinander verlaufen. Irgendwie sind sie zusammen, weil sie alle in diesem Haus sind, aber dann auch wieder nicht. In diesem Text sind sie in keinem Haus, aber in einer Kleinstadt, wo sie sich zufällig begegnen.

DIE FURCHE: Es gibt den Wunsch nach Kommunikation, er wird aber nicht erfüllt. Wie kam es zu diesem Debüt?

Weidenholzer: Ich habe immer geschrieben, wusste aber lange Zeit nicht, was mein Thema ist. Ich habe während und nach dem Studium als Journalistin gearbeitet, in der Chronikredaktion, und dort mein Thema gefunden. Der Alltag, die Begegnungen, die man hat. 2008/2009 habe ich die Leondinger Akademie für Literatur besucht und das Ausprobieren war für mich sehr gut: Was kann man erzählen, wie kann man erzählen? Im ersten Jahr ist dann die Erzählung "Der Platz des Hundes" entstanden. Ich wusste noch nicht, wie ich ein Buch schreiben soll. Dann kam diese Idee, Erzählungen zu verknüpfen, einerseits so etwas wie einen Miniminiroman zu haben, andererseits die Möglichkeit offen zu lassen, wie sehr man die Verknüpfung liest, ob man die Texte einzeln liest, ob man den ganzen Kreis liest und wie er sich schließt.

Ich war sehr erstaunt über die Reaktionen auf ‚Der Platz des Hundes‘, dass die Menschen darin als Rand der Gesellschaft bezeichnet wurden. Sie sind ja eigentlich die Mitte der Gesellschaft.

DIE FURCHE: Dadurch entsteht eine Miniminigesellschaft. Bei allen Ihren Büchern ist Gesellschaft im Fokus.

Weidenholzer: Ja, die Frage in meinem Schreiben ist: Wie leben wir, wie funktioniert unsere Gesellschaft?

DIE FURCHE: Was kann die Literatur zu dieser Frage beitragen?

Weidenholzer: Sie kann so etwas wie Empathie mitgeben. Ich lasse mich auf eine Figur ein oder begleite wen ein kleines Stück von seinem, ihrem Weg. Es ist vielleicht auch der Blick auf die Details, auf die Leerstellen. Was Literatur erzählt, während sie nicht erzählt. Was drunterliegt, welche Ebene da noch mitschwingt. Was ins Schwingen kommt beim Schreiben oder Lesen.

DIE FURCHE: In "Der Winter tut den Fischen gut" begleiten wir die arbeitslose Maria. Sie erzählen ihr Leben rückwärts. Warum?

Weidenholzer: Ich habe Interviews geführt mit langzeitsarbeitslosen Frauen, alle im Alter von Maria, meiner Protagonistin. Ich wollte es so nachzeichnen, dass man am Anfang etwas weiß über eine Person oder glaubt zu wissen - Name, Alter - und dann immer mehr entdeckt. Der zweite Grund war, dass es mir zu trostlos vorgekommen wäre, wenn ich begonnen hätte mit ihrer Kindheit, dann Erwerbsbiografie und Leben und dann endet der Text mit Langzeitarbeitslosigkeit. Das wollte ich nicht. So aber ist es offen.

DIE FURCHE: In den Text eingeflossen ist auch Ratgeberliteratur, die in apodiktisch-dogmatischem Ton suggeriert, ein Arbeitsloser, der alles befolgt, hätte zum Beispiel nach 90 Tagen wieder einen Job. Aber wenn man das nicht schafft, fühlt man sich doch dann auch noch selbst schuld. Machen Sie solche Texte wütend?

Weidenholzer: Ja! "In 90 Tagen aus der Arbeitslosigkeit" heißt ein Titel und das ist zynisch. Das ist eine Anleitung, wie man aus der Arbeitslosigkeit hinauskommt, mit Tabellen und Stundenplan. Das geht bis Tag 90, Tag 91 heißt dann "Endzeit", was natürlich ein Wahnsinn ist, wenn man in dieser Situation ist und so etwas liest. Für mich war das sehr schockierend. Ich war Ende zwanzig, ich bekam mit, du bist zu jung für einen Job, musst vielleicht noch ein unbezahltes Praktikum machen, aber ab 45 gilt man dann als schwer vermittelbar.

DIE FURCHE: Der Roman "Warum die Herren Seesterne tragen" greift die Idee des Fragebogens zum Bruttonationalglück auf, der in Bhutan verwendet wird. Der Protagonist Karl fährt an einen fremden Ort, wo er Befragungen durchführt. Aber nicht nur Glück ist Thema. Es heißt an einer Stelle: "vielmehr beschäftigt uns die Frage, woher diese Angst kommt, die in unsere Gesellschaft dringt".

Weidenholzer: Ja, die Angst spielt eine große Rolle. Sie ist auch der Grund, warum dieser Karl aufbricht. Er ist einerseits frisch pensioniert und hat viel Zeit und vielleicht auch ein bisschen ein Pensionsloch, aber andererseits ist es auch diese Frage: Er merkt, dass da eine Art Angstrauschen ist in den Menschen um ihn herum, in der Gesellschaft, er sieht die Plakate. Das ist der Anstoß für ihn, aufzubrechen und herauszufinden: Wie leben die Menschen eigentlich, wie kann man das festhalten, woher kommt diese Angst? Ich glaube, dass er viel herausfindet über die Angst und auch darüber, wie man über die Angst etwas herausfinden oder sich Menschen annähern kann. Er sagt einmal: Wir müssen Fragen stellen und wir müssen viele sein. Allein kann er dieses Vorhaben nicht schaffen, die Gesellschaft zu vermessen.

DIE FURCHE: "Wer eine gesellschaftliche Situation verstehen will, muss die Erfahrungen der Menschen zum Sprechen bringen", heißt es einmal, und das bildet, scheint mir, eine Klammer um Ihre Bücher.

Weidenholzer: Ja, der Versuch miteinander zu sprechen. Zuzuhören und sich auf verschiedene Situationen einzulassen. Karl begegnet unterschiedlichen Menschen und möchte alle per Zufallsprinzip auswählen. Es gelingt einmal besser, einmal schlechter. Er versucht als Außenstehender, Forscher, Beobachter an einen Ort zu fahren, wird aber immer mehr Teil des Ortes. Das sind so die Themen: das Abgrenzen vom Anderen: wie es gelingt - und ob es überhaupt gelingt.

Nächste WERK.GÄNGE: Doron Rabinovici
Österreichische Gesellschaft für Literatur 1010 Wien,
5. Dezember, 19 Uhr
www.ogl.at

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