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Bachmannpreis: Köpfe aus 45 Jahren

DISKURS
Özdamar - © Foto: Imago / gezett (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Bachmannpreis: Emine Sevgi Özdamar - in die deutsche Sprache eingewandert

1945 1960 1980 2000 2020

1991 erhielt Emine Sevgi Özdamar den Bachmann-Preis. Teil 5 einer Serie mit Preisträger(innen)-Porträts anlässlich der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur, die im Juni 2022 stattfinden werden.

1945 1960 1980 2000 2020

1991 erhielt Emine Sevgi Özdamar den Bachmann-Preis. Teil 5 einer Serie mit Preisträger(innen)-Porträts anlässlich der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur, die im Juni 2022 stattfinden werden.

Das Jahr 1991 war ein hartes für den Bewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Slowenien hatte sich gerade für unabhängig erklärt, was zu einem zehntägigen Krieg der jugoslawischen Volksarmee gegen die slowenische Territorialverteidigung führte.

In Klagenfurt sollte zeitgenössische Literatur gelesen und bewertet werden, doch vielen war mulmig angesichts der Gewalt im Nachbarland, zumal man sich bereits vorstellen konnte, dass, was als regionaler Konflikt begonnen hatte, sich zu einem Flächenbrand auswachsen könnte. Und dann las auch noch der Schweizer Urs Allemann den Text „Babyficker“, der sich sofort zum Skandal auswuchs. Es war schon hart, wie sich der Verfasser in den Kopf eines Pädophilen einschlich und dessen monströse Fantasien in eine Sprachlitanei übersetzte. Allemann wurde dafür zwar nicht mit dem Hauptpreis, aber dem sehr gut dotierten Preis des Landes Kärnten ausgezeichnet. Das steigerte die Empörung konservativer Kreise entschieden. Hellmuth Karasek, damals als Juror tätig, gestand, dass er den Text als den künstlerisch avanciertesten für Bachmann-Preis-würdig gehalten habe. Hätte es einen literarisch vergleichbar kühnen Text „über ein junges Paar bei der Trauung in einer Wallfahrtskirche“ gegeben, hätte er dafür gestimmt.

Sechs Preise wurden vergeben, überraschend, wie viele feste Größen von heute leer ausgingen: Durs Grünbein, Judith Kuckart, Matthias Politycki, Said. Bei all dem Wirbel kam das Gespräch über Emine Sevgi Özdamar etwas gar kurz. Sie gewann mit einem Auszug aus ihrem Roman „Das Leben ist eine Karawanserei“. Dabei war bemerkenswert, dass im 15. Jahr zum ersten Mal eine Autorin den Bachmann-Preis erhielt, die aus einem anderen Kulturkreis stammt, aber auf Deutsch schreibt. Das bedeutet, dass sie die Literatur um neue Themen und eine neue Sprache bereichert.

Sie ist eine umtriebige Gestalt. Sie kam als Gastarbeiterin nach Deutschland, arbeitete am Theater, ging zurück nach Istanbul, geriet dort politisch unter Druck, zog wieder nach Deutschland. Ruhe ist nichts, was Özdamar sucht. Das schlägt sich in ihrer Literatur durch, die von orientalischer Erzähllust und einer bilderreichen Sprache ebenso angetrieben ist wie vom Bedürfnis, zu verstehen, was mit Menschen geschieht, die zwischen den Kulturen wandern. Deshalb das Motiv der Tür, das so prägend ist für ihr Denken: „Deutschland ist nur eine Tür“, sagte sie einmal, „aus der man herausgeht und durch die man wieder zurückkommt. Wie man sich dabei ändert, wie die Sprache und die Ästhetik sich ändern, auch im eigenen Land, hat mich immer beschäftigt.“ Özdamar schreibt das Gegenteil von Heimat­literatur, weil ihre Figuren wie die Verfasserin selbst Suchende sind und Sesshaftigkeit keinen Wert darstellt.

Die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises werden von 22. bis 26. Juni 2022 im ORF-Theater im ORF-Landesstudio in Klagenfurt stattfinden und auf 3sat live übertragen. Jury: Mara Delius, Vea Kaiser, Klaus Kastberger, Furche-Feuilleton­chefin Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke (Vorsitz).

In dieser Serie stellt Anton Thuswaldner Preisträgerinnen und Preisträger aus 45 Jahren vor.

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