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Bachmannpreis: Köpfe aus 45 Jahren

DISKURS
Maja Haderlap - © Foto: Arnold Pöschl

Bachmannpreis: Maja Haderlap - Rückenwind für die Kärntner Slowenen

1945 1960 1980 2000 2020

2011 trat die Kärntner Slowenin Maja Haderlap mit einem Auszug aus ihrem Roman "Engel des Vergessens" auf - und stellte die Kärntner Selbstgewissheit infrage.

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2011 trat die Kärntner Slowenin Maja Haderlap mit einem Auszug aus ihrem Roman "Engel des Vergessens" auf - und stellte die Kärntner Selbstgewissheit infrage.

Es war alles andere als ein Heimspiel, als 2011 Maja Haderlap den Bewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis für sich entscheiden konnte. Als Kärntner Slowenin ­hatte sie nicht unbedingt einen guten Stand in der Kärntner Szene. Es war gerade einmal drei Jahre her, dass Landeshauptmann Jörg Haider tödlich verunglückt war, sein Einfluss unter seinen zerstrittenen Nachfolgern blieb ungebrochen. In deren Geschichtsbild wurden Slowenen marginalisiert und dämonisiert, wenn sie als böse Partisanen aufrechten Landsern heimtückisch nachstellten. Den Streit um zweisprachige Ortstafeln verstand außerhalb von Kärnten sowieso niemand.

Und dann trat Maja Haderlap auf, die mit ­einem Auszug aus ihrem Roman „Engel des Vergessens“ die Kärntner Selbstgewissheit infrage stellte. Die Jury wird kaum begriffen haben, welche Bedeutung dieser Text gerade für einen Ort wie Klagenfurt aufweist. Hildegard Keller sprach vom „unerhört langsamen, gemächlichen Rhythmus“, und Alain ­Claude Sulzer imponierte „ein makelloser, nostalgischer Text“. Nostalgie und Partisanenkampf, wie das zusammengeht, war eines der großen Rätsel, über das sich das Publikum den Kopf zerbrechen durfte. Schon war der Text in der Geschichts­losigkeit verankert. Was es mit dem Stil auf sich hat, wie er historische Zustände zu welchem Zweck bearbeitet, blieb den Schweizern verschlossen.

Zuerst sieht der Text aus wie eine Vater-Enkelin-Geschichte, bis sich herausschält, dass das Verhältnis der beiden ohne die Kriegsvergangenheit nicht zu verstehen ist. Der Großvater hat Schäden davongetragen in einem Krieg, als die Nazis in den Dörfern wüteten, weil alle Slowenen als Kollektivfeinde betrachtet wurden. Zwei Generationen und die Geschichte bedeutet einen unterschiedlichen Zugang. Der eine hat Gewalt hautnah erleben müssen, die andere vermag mit ihrem Kinderblick die von der Gewaltgeschichte aufgerissenen Konfliktlinien, die sich durch die Gesellschaft ziehen, nicht verstehen. Der Text war klüger, als es sich manche in der Jury eingestehen wollten.

Gegen etliche Widerstände vermochte sich Haderlap durchzusetzen. Es brauchte vier Anläufe, bis Klarheit geschaffen war und Steffen Popp, Nina Bußmann und Leif Randt das Nachsehen hatten. Ohne dass es den deutschen und schweizerischen Kritikern bewusst gewesen wäre, war das nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine politische Entscheidung. Der Bachmann-Preis verschaffte Maja Haderlap jenen Rückenwind, dessen sie bedurfte, um slowenischen Angelegenheiten die so lange ausstehende Aufmerksamkeit zuteilwerden zu lassen.

Dass dem Roman nicht der Nimbus der Eintagsfliege anhaftete, stellte sich schnell heraus. Sowohl als Prosaautorin wie auch als Lyrikerin (ihre Gedichte schreibt sie auf Slowenisch, sie werden von anderen ins Deutsche übertragen) leistet Haderlap Besonderes.

Die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises werden von 22. bis 26. Juni 2022 im ORF-Theater im ORF-Landesstudio in Klagenfurt stattfinden und auf 3sat live übertragen. Jury: Mara Delius, Vea Kaiser, Klaus Kastberger, FURCHE-Feuilleton­chefin Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke (Vorsitz).

In dieser Serie stellt Anton Thuswaldner Preisträgerinnen und Preisträger aus 45 Jahren vor.

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