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Bachmannpreis: Köpfe aus 45 Jahren

DISKURS
TddL2022_Plenzdorf - © dpa / Daniel Karmann

Bachmannpreis: Ulrich Plenzdorf - auch eine politische Entscheidung

1945 1960 1980 2000 2020

1978 erhielt Ulrich Plenzdorf den Bachmann-Preis. Teil 2 einer Serie mit Preisträger(innen)-Porträts anlässlich der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur, die im Juni 2022 stattfinden werden.

1945 1960 1980 2000 2020

1978 erhielt Ulrich Plenzdorf den Bachmann-Preis. Teil 2 einer Serie mit Preisträger(innen)-Porträts anlässlich der 46. Tage der deutschsprachigen Literatur, die im Juni 2022 stattfinden werden.

Als Ulrich Plenzdorf 1978 nach Klagenfurt eingeladen wurde, um sich dem Bewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis zu stellen, war er kein Unbekannter mehr. Das ist nicht selbstverständlich für einen, der aus der DDR kam. Sein Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ war 1976, vier Jahre nach der Veröffentlichung im Osten, bei Suhrkamp erschienen und traf den Nerv einer jungen Generation, die drauf und dran war, sich von Bevormundungen zu befreien. Das leuchtete auch jungen Lesern im Westen ein, sodass das Buch zum Bestseller avancierte. Der Film „Die ­Legende von Paul und Paula“ nach dem Drehbuch von Plenzdorf wurde schon 1975, einen Monat nach der Ausstrahlung in der DDR, in der ARD gezeigt.

Fand die erste Veranstaltung im Jahr 1977 ohne ostdeutsche Beteiligung statt, vertraten ein Jahr später Plenzdorf und Helga Schütz die DDR. Goethe muss zu der Zeit hoch im Kurs gestanden sein. Schrieb Plenzdorf seine Geschichte des System­aussteiges Edgar Wibeau unter Anlehnung an Goethes Werther-Roman, verfasste Schütz 1976 das Drehbuch zu „Die Leiden des jungen Werthers“. Bis es die ersten Juroren aus der DDR nach Klagenfurt schafften, sollte es noch einige Jahre dauern. 1987 traten der Germanist Werner Liersch und die Autorin Helga Schütz in Erscheinung.

Für seinen Text „kein runter kein fern“ wurde Ulrich Plenzdorf 1978 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Es gibt keine Beistriche, durchgehend wird Kleinschreibung beibehalten, das entspricht der Form des inneren Monologs. Ein Hilfsschüler vergegenwärtigt sich so seine bedrängende Situation, in der seine Mutter sich in den Westen abgesetzt hat. Die Strafe ereilt ihn, und darauf bezieht sich der Titel: Er darf weder runter auf die Straße, noch ist es ihm erlaubt, fernzusehen. Also reißt er aus, gerät in einen Demonstrationszug, und weil Plenzdorf für Harmloses nicht zu haben ist, geht die Geschichte nicht gut aus.

Einen vergleichbaren Erfolg wie mit „Die neuen Leiden des jungen W.“ konnte Plenzdorf nicht mehr einfahren. Er arbeitete viel für das Fernsehen, so verfasste er die vierte Staffel der Serie „Liebling Kreuzberg“, in der Manfred Krug die Rolle eines eigenwilligen Anwalts übernahm. Das war ihm recht, weil er sowieso viel lieber für den Film arbeitete, als Bücher zu schreiben. „‚Die neuen Leiden des jungen W.‘ und andere Projekte sind nur in Buchform gekommen, weil sie als Film nicht durchsetzbar waren, sonst hätte ich nie im Leben daran gedacht, was zwischen zwei Buchdeckel zu bringen“, bekannte er in einem Interview. Ein Edgar Wibeau gemäßes Leben führte er selbst, der sich zur Anpassung gezwungen sah, nicht. Überwacht wurde er dennoch und als nicht regelkonform eingestuft. Die Preisverleihung war nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine politische Entscheidung.

Die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises werden von 22. bis 26. Juni 2022 im ORF-Theater im ORF-Landesstudio in Klagenfurt stattfinden und auf 3sat live übertragen. Jury: Mara Delius, Vea Kaiser, Klaus Kastberger, Furche-Feuilleton­chefin Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke (Vorsitz).

In dieser Serie stellt Anton Thuswaldner Preisträgerinnen und Preisträger aus 45 Jahren vor.

Als Ulrich Plenzdorf 1978 nach Klagenfurt eingeladen wurde, um sich dem Bewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis zu stellen, war er kein Unbekannter mehr. Das ist nicht selbstverständlich für einen, der aus der DDR kam. Sein Roman „Die neuen Leiden des jungen W.“ war 1976, vier Jahre nach der Veröffentlichung im Osten, bei Suhrkamp erschienen und traf den Nerv einer jungen Generation, die drauf und dran war, sich von Bevormundungen zu befreien. Das leuchtete auch jungen Lesern im Westen ein, sodass das Buch zum Bestseller avancierte. Der Film „Die ­Legende von Paul und Paula“ nach dem Drehbuch von Plenzdorf wurde schon 1975, einen Monat nach der Ausstrahlung in der DDR, in der ARD gezeigt.

Fand die erste Veranstaltung im Jahr 1977 ohne ostdeutsche Beteiligung statt, vertraten ein Jahr später Plenzdorf und Helga Schütz die DDR. Goethe muss zu der Zeit hoch im Kurs gestanden sein. Schrieb Plenzdorf seine Geschichte des System­aussteiges Edgar Wibeau unter Anlehnung an Goethes Werther-Roman, verfasste Schütz 1976 das Drehbuch zu „Die Leiden des jungen Werthers“. Bis es die ersten Juroren aus der DDR nach Klagenfurt schafften, sollte es noch einige Jahre dauern. 1987 traten der Germanist Werner Liersch und die Autorin Helga Schütz in Erscheinung.

Für seinen Text „kein runter kein fern“ wurde Ulrich Plenzdorf 1978 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Es gibt keine Beistriche, durchgehend wird Kleinschreibung beibehalten, das entspricht der Form des inneren Monologs. Ein Hilfsschüler vergegenwärtigt sich so seine bedrängende Situation, in der seine Mutter sich in den Westen abgesetzt hat. Die Strafe ereilt ihn, und darauf bezieht sich der Titel: Er darf weder runter auf die Straße, noch ist es ihm erlaubt, fernzusehen. Also reißt er aus, gerät in einen Demonstrationszug, und weil Plenzdorf für Harmloses nicht zu haben ist, geht die Geschichte nicht gut aus.

Einen vergleichbaren Erfolg wie mit „Die neuen Leiden des jungen W.“ konnte Plenzdorf nicht mehr einfahren. Er arbeitete viel für das Fernsehen, so verfasste er die vierte Staffel der Serie „Liebling Kreuzberg“, in der Manfred Krug die Rolle eines eigenwilligen Anwalts übernahm. Das war ihm recht, weil er sowieso viel lieber für den Film arbeitete, als Bücher zu schreiben. „‚Die neuen Leiden des jungen W.‘ und andere Projekte sind nur in Buchform gekommen, weil sie als Film nicht durchsetzbar waren, sonst hätte ich nie im Leben daran gedacht, was zwischen zwei Buchdeckel zu bringen“, bekannte er in einem Interview. Ein Edgar Wibeau gemäßes Leben führte er selbst, der sich zur Anpassung gezwungen sah, nicht. Überwacht wurde er dennoch und als nicht regelkonform eingestuft. Die Preisverleihung war nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine politische Entscheidung.

Die 46. Tage der deutschsprachigen Literatur mit der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises werden von 22. bis 26. Juni 2022 im ORF-Theater im ORF-Landesstudio in Klagenfurt stattfinden und auf 3sat live übertragen. Jury: Mara Delius, Vea Kaiser, Klaus Kastberger, Furche-Feuilleton­chefin Brigitte Schwens-Harrant, Philipp Tingler, Michael Wiederstein, Insa Wilke (Vorsitz).

In dieser Serie stellt Anton Thuswaldner Preisträgerinnen und Preisträger aus 45 Jahren vor.

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