Joseph Zoderer - © Foto: APA / Haymon Verlag / Max Lautenschläger

Erinnern an einen, der schrieb: in memoriam Joseph Zoderer

1945 1960 1980 2000 2020

Die Auflehnung gegen begrenzende Ordnungen und die Darstellung der Erfahrung von Grenzen und Entfremdungen waren Konstanten seiner Poetik: ein Nachruf auf den Südtiroler Schriftsteller Joseph Zoderer.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Auflehnung gegen begrenzende Ordnungen und die Darstellung der Erfahrung von Grenzen und Entfremdungen waren Konstanten seiner Poetik: ein Nachruf auf den Südtiroler Schriftsteller Joseph Zoderer.

„Den Tod feiern … nein, das Erinnern an ein Leben …“, das fordert der über siebzigjähri­ge Protagonist in Joseph Zoderers zuletzt erschienenem Roman „Der Irrtum des Glücks“ (2019). Noch einmal bekennt sich Alexander zur ekstatischen Liebe trotz aller Selbstzweifel und der Angst vor dem Scheitern seines erlebten oder imaginierten Liebesglücks mit einer jüngeren Frau. Kompromisslos spielt er die Liebe als Existenzform gegen „Gewöhnung“ und Gewöhnlichkeit, gegen Alter und Tod aus. Sein obsessiver Monolog – Liebesfeier und selbstoffenbarende Liebesklage in einem – lotet bilderreich die Sprache der Liebe aus und geht bis an ihre Grenzen.

Auch in diesem Roman treffen wir auf Konstanten in der Poetik des Südtiroler Autors: wie die Auflehnung gegen begrenzende Ordnungen, die Darstellung von Grenz- und Entfremdungserfahrungen sowie die Evokation der Sehnsucht nach deren Aufhebung. Die Grenze – so Zoderer im Essay „Die Grenze als Metapher“ (1997) – sei für ihn nicht geografisch, sondern ausschließlich als „Existenzmetapher“, als Bild der conditio humana des modernen Menschen von Bedeutung, als „eine Art Signallinie des Andersseins“, als „Nahtlinie zum Fremden, die neugierig macht“, die aber auch „das Gefühl der Ausgeschlossenheit“ einschließt.

Am 1. Juni ist Joseph Zoderer in Bruneck, Südtirol, 86-jährig verstorben. Er hinterlässt ein reiches Œuvre, das in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Romane, Erzählungen, Lyrik, Essays, einen Theatertext. Zwei Romane – „Das Glück beim Händewaschen“ (1976) und „Die Walsche“ (1982) – wurden von Werner Masten unter Mitarbeit Zoderers für das Fernsehen verfilmt.

Seine schriftstellerischen Anfänge fallen in die späten 1950er und frühen 1960er Jahre, eine Zeit des literarischen und politischen Umbruchs. Die Südtiroler Aufbruchgeneration sah in dem um einiges älteren, selbstsicher auftretenden und schon länger in Wien lebenden Autor einen Vertreter der eingeforderten neuen Literatur.

Seit dem von der Südtiroler Hochschülerschaft im September 1969 organisierten „Literarischem Kolloquium“ in Bozen, auf dem Zoderer das Eröffnungsreferat mit dem zeittypischen Titel „Wozu schreiben?“ hielt, war er ein wichtiger „Wortführer“ der Südtiroler Literaturrevolution. Immerhin hatte er neben kleineren Publikationen auch umfangreichere Arbeiten vorzuweisen – so eine Kurzprosasammlung und zwei Romane –, die allerdings erst ab 1993 im Verlag Raetia veröffentlicht werden konnten.

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