Gertrude Stein - © Foto: Getty Images/ Apic

Gertrude Stein: The Making of Sprache

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 75 Jahren, am 27. Juli 1946, starb mit Gertrude Stein eine Schriftstellerin, die zwar kaum gelesen wird, aber viele andere Literatinnen und Literaten des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat.

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Vor 75 Jahren, am 27. Juli 1946, starb mit Gertrude Stein eine Schriftstellerin, die zwar kaum gelesen wird, aber viele andere Literatinnen und Literaten des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat.

„Sie begann mich zu necken und zu sagen ich solle meine Autobiographie schreiben. Denk doch nur, sagte sie dann, wieviel Geld du verdienen würdest. Dann begann sie Titel für meine Autobiographie zu erfinden. Mein Leben mit den Großen, Frauen von Genies neben denen ich saß, Meine fünfundzwanzig Jahre mit Gertrude Stein.“

Gertrude Steins 1933 erschienene „Autobiographie von Alice B. Toklas“ ist äußerst unterhaltsam und unterscheidet sich stilistisch von anderen ihrer Werke, in denen sie formal so viel wagte wie bildende Künstler ihrer Zeit. Dieses Buch aber wurde geschrieben, um gelesen zu werden. Das Vorhaben gelang, die „Autobiographie von Alice B. Toklas“ wurde ein Erfolg, vermutlich auch deshalb, weil sie Klatsch und Tratsch aus der Kunstszene enthielt. Berühmte Maler wie Pablo Picasso gingen in Gertrude Steins Pariser Salon ein und aus – und landeten in diesem Buch.

Stein lässt darin ihre Lebensgefährtin Alice B. Toklas als Ich-Erzählerin auftreten und Sätze wie folgende schreiben: „Ich kann sagen daß ich nur dreimal in meinem Leben einem Genie begegnet bin und jedesmal erklang in mir eine Glocke und ich irrte mich nicht, und ich kann sagen in jedem Fall war es bevor sie allgemein als Genies anerkannt waren. Die drei Genies über die ich sprechen möchte sind Gertrude Stein, Pablo Picasso und Alfred Whitehead.“

Ist das Größenwahn? Oder eine großartige Demontage männlichen Geniekults? „Mit List unterminiert Die Autobiographie von Alice B. Toklas den Nimbus der Unsterblichkeit, mit dem Biographen ihre Helden auszustatten pflegen. Wer der Musik des Textes lauscht, vernimmt einen leisen Unterton der Melancholie. Und wer das Buch als ein Pfeifen im dunklen Wald auffaßt, erahnt etwas von seiner Großartigkeit“, stellt Janet Malcolm in ihrem Buch über die beiden langjährigen Lebensgefährtinnen fest („Zwei Leben: Gertrude und Alice“, Suhrkamp 2008). Darin geht sie auch der Frage nach, wie die beiden amerikanischen Jüdinnen Gertrude Stein und Alice B. Toklas die Jahre des Nationalsozialismus in Frankreich überleben konnten, ohne an die Deutschen ausgeliefert zu werden. Sie spürt auch der Frage nach, inwieweit der Verlust der Mutter (sie starb an Krebs, als Gertrude 14 war) vielleicht doch auf die eine oder andere Weise in den Texten verarbeitet wurde. Etwa in „The Making of Americans“, in dem, so Malcolm, der Tod ein und aus geht.

Sprengt Grenzen

Das Leben von Gertrude Stein sprengt nationale, kulturelle, sprachliche Grenzen: Sie wurde am 3. Februar 1874 als jüngstes von fünf Kindern einer deutsch-jüdischen Familie in Pennsylvania geboren, lebte als Kind in Wien, in Paris, dann wieder in den USA. Stein studierte bei William James, der als Begründer der amerikanischen Psychologie gilt. Dessen Theorie von einem „Bewusstseinsstrom“ wird in ihrem Schreiben ebenso Spuren hinterlassen wie die vielen Sprachen: Deutsch, Französisch. Amerikanisch.

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