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In Kafkas Schatten

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Notizen zum 100. Geburtstag eines Mannes, der die Zukunft beschrieb.

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Notizen zum 100. Geburtstag eines Mannes, der die Zukunft beschrieb.

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Sie kommentieren, symposionieren, diskutieren, biographieren, psychologisieren, philologisieren, theologisieren über Franz Kafka von Süditalien bis Klosterneuburg; nur Goethe wurde in ähnlicher Intensität und Extensität zerredet, zerschrieben, zergermanistisiert.

Und da kam neulich eine Nicht-Germanistin, weil eine niederösterreichische Zeitschrift zu Kafkas Hundertstem sich und sie fragte, wie es denn um Kafka und Niederösterreich stehe (denn er war in seiner letzten Lebenszeit als Patient in Kierling), und begann Recherchen und kam auf vieles, vor allem aber darauf, daß vor lauter Kommentar und Auslegung bisher kein Mensch nach Franz Kafkas letzten Lebens- und Leidenszeiten in Kierling gefragt hatte.

Kafka-Renaissance

Die Kafka-Renaissance ist schier dreißig Jahre alt. Aber nach den Zeugen seiner Agonie hatte niemand gefragt. Jetzt sind natürlich nur noch wenige da, aber immerhin war eine Arbeit entstanden und im Frühjahr 1983 erschienen und erregte großes Aufsehen unter den Kafkanen und Kafkisten, die dreißig Jahre lang das Naheliegende unterlassen hatten. Als am 3. Mai 1983 in der Albertina eine Ausstellung der lebenslangen Bemühung des Graphikers Hans Fronius um das Werk Kafkas eröffnet wurde, appellierte ich an die damalige Frau Bundesminister Hertha Firnberg, sie möge der Nichtgermanistin die Fortsetzung ihrer Arbeit ermöglichen. Und sie sicherte es in ihrer Eröffnungsansprache dankenswerterweise zu.

Aber ich kann es ja verstehen, wenn auch nicht verzeihen, daß die Kafka-Lobby sich mehr an die Texte als an den Menschen Kafka hält. Es ergeht ihnen wohl — unbewußt — so, wie es mir mit ihm geht und wie es dem französischen Pianisten Alfred Cortot mit Mozart ging:

Cortot sagte zu seinen Schülern: Wenn jetzt die Türe aufginge und Beethoven käme zu uns, wäre ich erschrocken und müßte mich sammeln, aber dann würde ich ihm sagen, wie sehr wir ihn bewundern und wie sehr wir uns bemühen, sein Werk getreulich und gewissenhaft zu interpretieren. Wenn aber die Türe aufginge und Mozart käme zu uns: ich würde tot umfallen.

Wenn die Türe aufginge und welcher Autor immer hereinkäme, ich würde erschrecken, verlegen werden und müßte mich sammeln, von Claudius und Lessing bis Nestroy und Schnitzler. Wenn aber Dostojewskij oder Kafka kämen, würde ich tot umfallen.

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