Schutting - © Foto: APA / Helmut Fohringer

Julian Schutting: „Ich habe Gott sei Dank keine Phantasie“

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Der von der Stadt Wien seit 2004 biennal vergebene H. C. Artmann-Preis wurde am 5. September an Julian Schutting verliehen, der im Oktober seinen 85. Geburtstag feiert. Auszug aus der Laudatio.

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Der von der Stadt Wien seit 2004 biennal vergebene H. C. Artmann-Preis wurde am 5. September an Julian Schutting verliehen, der im Oktober seinen 85. Geburtstag feiert. Auszug aus der Laudatio.

„Ich habe Gott sei Dank keine Phantasie. Ich bin Rationalist durch und durch.“ Dieses Zitat mag irritieren, denn immerhin stammt es von einem der wichtigsten und produktivsten Dichter der österreichischen Gegenwartsliteratur – von Julian Schutting. Ein Dichter ohne Phantasie – wie kann das gehen? Nun, es geht offensichtlich ganz ausgezeichnet, und die Aussage bringt auch gleich mehreres auf den Punkt: Zum einen, dass Julian Schutting immer für eine Überraschung sorgen kann – und zwar ohne jeden Anflug von Koketterie –, zum anderen, dass er zur Dichtung ein klar umrissenes Verhältnis hat. Ronald Pohl definiert in einem Gespräch mit dem Autor Schuttings Sätze als „metrisch exakte Präzisionsaufzeichnungen“ – und diese Betrachtung darf als Raster über sämtliche Genres des Schutting’schen Œuvres gelegt werden. Der Dichter ist immer anwesend – auch in der Prosa, im dramatischen Text – auch im Bild, das sich als Foto dazustellt – nicht den Text illustrierend, aber einem speziellen, aufmerksamen Blick verpflichtet, der neben dem Offensichtlichen, das nicht gleich ins Auge Fallende aufzuspüren imstande ist, der das Poetische im vorgeblich Banalen erkennt. Da benehmen sich beispielsweise schlicht nebeneinander stehende Bäume plötzlich einander erotisch zugetan, da entstehen auf rissigem Asphalt, der mit Teer geflickt wurde, nicht nur Muster, da bilden sich Landkarten unbekannter Welten ab – um nur zwei Beispiele zu nennen, die in einer vor Jahren im Literaturhaus NÖ installierten kleinen Fotoausstellung mit Arbeiten von Julian Schutting das Publikum in Staunen versetzten.

Fordernd und auffordernd

Selbstverständlich muss sich der Betrachter genau wie die Leserin einlassen auf das, was Schutting in seinem vielfältigen Schaffen anbietet. Da ist es nicht getan mit flüchtiger Beschäftigung, einem Drüberschauen, Drüberlesen. Hier legt einer Werke vor, die fordern und auffordern.

Völlig logisch also, dass ein poetisches Konzept dieses Dichters – unabhängig davon, welchen Topos er behandelt – kompromisslos jede Art von Wortgeklingel und Schwurbelei nicht nur ablehnt, sondern geradezu verabscheut. Und der Ziseleur der Sprache, der wieder und wieder den Meißel ansetzt, bis das Werkstück seinem hohen Anspruch genügt, wird von Ronald Pohl 2012 wie folgt zitiert: „Die Lyrik ist mittlerweile die Domäne der Dummen. In der Lyrik wird heute so beschränkt geschrieben wie auf keinem anderen Gebiet. Wann das begonnen hat, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nach der Bachmann.“

Leider muss man dieser Einschätzung auch zehn Jahre später nach wie vor recht geben – jedenfalls in weiten Teilen. Beschäftigt man sich mit dem aktuellen Feld der Lyrik, kommt man zur traurigen Binsenweisheit, dass vielfach die Meinung vorherrscht, man kann Gedicht“ – allerdings ohne sich je ernsthaft mit dieser Königsdisziplin auseinandergesetzt zu haben – was unter anderem auch bedeuten würde, Lyrik zu lesen.

Offensichtlich also, warum einem Gegengewicht zur Dummheit, das Julian Schutting so elegant und souverän anbringt, jede erdenkliche Ehre anzutun ist. Und neben der Ehre ist auch der Dank dafür angebracht, dass der Meister in seinen Schreibklassen jene ermutigt, ermutigt hat, die sich als gute Schüler erweisen – und so möchte ich Christoph W. Bauer zitieren, der in einem Text anlässlich des 80. Geburtstags von Julian Schutting schreibt: „[…] und ich laufe zurück in den Jahren, komme an im November 1996, ein Wetter, wie es sich gemeinplatzträchtig in Büchern tummelt, mulmig ist mir, habe mich überredet an einer Schreibwerkstatt teilzunehmen, und schon geht es in die Klassen, trotte ich hinter den anderen Teilnehmern her, bin der jüngste, ein Trumpf, denke ich, wenn es hart auf hart kommt, lässt sich die Unzulänglichkeit meiner Texte begründen, dabei habe ich gut zehn Jahre Schreiberfahrung. Schreiberfahrung, dass ich nicht lach, schaue scheu zum Referenten, der mich mit ruhigen Blicken misst, das ist das Erste, was ich von ihm lerne: Hinsehen.“

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