Literaturstar und Sozialkritiker

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 200 Jahren, am 7. Februar 1812, wurde Charles Dickens geboren, bekannt durch seine langlebigen Figuren und sozialkritischen Werke. Dickens selbst wusste sich bestens zu vermarkten.

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Vor 200 Jahren, am 7. Februar 1812, wurde Charles Dickens geboren, bekannt durch seine langlebigen Figuren und sozialkritischen Werke. Dickens selbst wusste sich bestens zu vermarkten.

Das ist kein neues Phänomen des Literaturbetriebs: Autoren, die wissen, wie sie ihre Werke zu Gold spinnen, und die ihre Texte bzw. sich selbst so inszenieren, dass ihnen die Nachfrage ihrer Fans sicher ist. Schon Charles Dickens, vor 200 Jahren geboren, beherrschte im viktorianischen Zeitalter diese Kunst. Er war ein Starautor und schaffte es, dass Hunderttausende seiner Leser ungeduldig auf seine Zeilen warteten. So erreichte etwa 1865 die Weihnachtsnummer seiner Zeitschrift in der ersten Woche die ungeheure Auflage von 250.000.

Charles Dickens war geschäftstüchtig: Er schrieb an mehreren Fortsetzungsromanen gleichzeitig, er wusste, dass es notwendig war, beinhart mit den Verlegern seine Verträge zu verhandeln (auch um damit seine Familie absichern zu können), er las vor Tausenden Zuhörern, kommerzialisierte seine Lesungen (der Schwarzmarkt für Eintrittskarten blühte), er probte die Inszenierungen seiner Lesungen stundenlang, strich vor den Lesetouren enorme Voraushonorare ein, wurde vor seiner zweiten Amerikareise in London mit Staatsbankett verabschiedet und in Boston mit Feuerwerk empfangen - und er hinterließ nach seinem Tod am 9. Juni 1870 ein Vermögen, das -auf heutige Werte umgerechnet -einen zweistelligen Millionenbetrag ergäbe.

Keine Spende allerdings hinterließ Dickens einem Armenhaus oder einer jener Stiftungen, für die er sich einsetzte. Und das ist doch erstaunlich angesichts der sozialkritischen Themen, denen sich Charles Dickens Zeit seines Lebens verschrieb. Denn ebenso fantastisch (mit diesen unvergesslichen, skurrilen, satirisch zugespitzten Dickens' schen Figuren) wie auch realistisch erzählte Dickens in seinen Romanen und Erzählungen das soziale und ökonomische Elend seiner Zeit. Während andere Literaten in ihren Geschichten dem Landadel frönten, suchte er die dunklen Flecken der Stadt auf. Sie waren seinen Lesern vertraut, und dazu gehörten Armut, Ausbeutung, Kinderarbeit und kalte Herzen. Jedenfalls Schicksale, die es nicht gut mit einem meinten und denen zu entkommen bedeutete, einen anstrengenden Weg zu gehen.

Empörung gegen soziale Umstände

Dickens schrieb für eine immer breiter werdende obere Arbeiter-und untere Mittelschicht, die in seinen Werken ihr eigenes Leben wiederfinden konnte. Er empörte sich in seiner Literatur durchaus über konkreten politischen Zeitgeist, etwa über die Armengesetze des viktorianischen Englands. Der 1834 beschlossene "Poor Law Amendment Act" bot nur noch alten und gebrechlichen Arbeitslosen Hilfe, alle anderen waren gezwungen, in Arbeitshäusern für ihren Unterhalt zu sorgen. Auch dem verlotterten Zustand der englischen Rechtsprechung widmete Dickens einen Roman und bei seiner ersten Amerikareise 1842 machte er sich bei den freiheitsliebenden Amerikanern unbeliebt, weil er sich lautstark für das Copyright der Autoren einsetzte.

Der Autor als beinharter Geschäftsmann und der Autor als moralisierender Sozialkritiker -wie passt beides zusammen? Biograf Hans-Dieter Gelfert (C. H. Beck, 2011) führt einiges auf das große Trauma des Autors zurück: Während Dickens' Vater samt der Familie (außer der älteren Schwester) im Schuldgefängnis saß, musste der zwölfjährige Charles Lohnarbeit in einer Schuhcremefabrik leisten, ein Ereignis, das bewirkte, wie er in einem autobiografischen Fragment schrieb, dass "alle Hoffnungen, einmal ein gelehrter und angesehener Mann zu werden, in meiner Brust erstickt waren". In "David Copperfield" (1849) wird es Davids Kindheitstrauma sein und aus der Schuhcremefabrik wird eine Weinhandlung, in der David Etiketten auf Flaschen klebt. Es ist wohl diese Episode seines Lebens, die Dickens einerseits zeitlebens den Blick nicht nur auf das Thema Kinderarbeit richten ließ, sondern auf soziale Schräglagen insgesamt, die ihn aber andererseits auch so sehr um Geld und Anerkennung kämpfen ließ, um dieses Leben als Gentleman für sich und seine Familie zu verdienen und nicht zu verlieren. Die Furcht, eines Tages nicht mehr von Literatur leben zu können und die Gunst seines Publikums zu verlieren, trieb ihn sogar dazu, Jus zu studieren. Nur zur Sicherheit. Er benötigte es nie, denn er blieb als Schriftsteller erfolgreich.

"Dickens brachte das Kunststück fertig, der viktorianischen Gesellschaft ihre Mängel um die Ohren zu hauen und sich gleichzeitig mit ihr vollständig zu identifizieren", bringt Biograf Gelfert die eigenartige Position Dickens' auf den Punkt. Auch die Seelenkälte, gegen die Dickens mit seinen Charakteren anschrieb, war ihm offensichtlich selbst nicht fremd: Rechte der Frauen waren seine Sache nicht und nachdem ihm seine Ehefrau zehn Kinder geboren hatte, trennte er sich höchst unfein von ihr. Eine langjährige, zeitlebens freilich geheimgehaltene Liaison mit einer Schauspielerin folgte.

Langlebende Figuren

Der Schriftsteller hingegen hat seine Leser reich beschenkt. Dickens' Figuren sind solche, die Barbara Frischmuth einmal als "Langexistierende" bezeichnet hat. Sie bevölkern die Köpfe selbst jener, die seine Texte nie gelesen haben. Man kennt David Copperfield und Oliver Twist, man fröstelt beim Gedanken an die Kälte des alten Scrooge in "A Christmas Carol" und auch bei Kafka hat Dickens Spuren hinterlassen, bezeichnet doch Kafka selbst in seinem Tagebuch sein Fragment "Der Verschollene" als "glatte Dickensnachahmung".

Dickens-Leser lebten mit Dickens-Figuren mit, sie bangten um die Fortsetzungen und um das Leben der Romanfiguren, flehten in Leserbriefen, Figuren nicht sterben zu lassen. Dieser Erfolg begann mit den "Pickwickiern" (1837/38): Das Cervantes' "Don Quijote" aufgreifende Herr-Diener-Paar wurde plagiiert und parodiert und der Handel mit "Merchandisingprodukten" blühte. Hätte Dickens geahnt, dass man als Autor auch mit Stock und Hut gute Geschäfte machen kann, hätte er es wohl gleich selbst getan.

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