haderlap - © Foto: Lavant Gesellschaft/APA-Fotoservice/Schedl ; Fotograf/in: Ludwig Sched

Maja Haderlap: „Im Einklang stehn mit jedem Ort“

1945 1960 1980 2000 2020

Demokratie sei das Antimodell zur autoritären Familie, sagte Maja Haderlap 2018 anlässlich 100 Jahre Republik. Am 3. Oktober erhielt sie den Christine Lavant Preis 2021. Auszüge aus der Laudatio.

1945 1960 1980 2000 2020

Demokratie sei das Antimodell zur autoritären Familie, sagte Maja Haderlap 2018 anlässlich 100 Jahre Republik. Am 3. Oktober erhielt sie den Christine Lavant Preis 2021. Auszüge aus der Laudatio.

Wir aber wollen über ­Grenzen sprechen“, heißt es bei Inge­borg Bachmann in dem Gedichtzyklus „Von einem Land, einem Fluss und den Seen“. („Anrufung des Großen Bären“, 1956)

Das Gedicht beginnt mit den Zeilen: „Wer weiß, wann sie dem Land die Grenzen zogen, und um die Kiefern Stacheldrahtverhau?“ Es ist die Rede vom Schlagbaum, auch von sprachlicher Entzweiung. Aber da ist auch eine Stimme zu hören, dass wir nicht fern sind vom Anderen, von drüben, weil „nichts uns trennt“, wir an jedem Ort „im Einklang stehn“. Es heißt auch: „Es spricht sich schöner aus in beiden Sprachen.“
Das Gedicht endet so:
Wir aber wollen über Grenzen sprechen,
und gehn auch Grenzen noch durch jedes Wort:
wir werden sie vor Heimweh
überschreiten
und dann im Einklang stehn
mit jedem Ort.

Mit diesem Text der um 35 Jahre älteren Kollegin sind wir im Zentrum von Maja Haderlaps Poetik: mit zwei Sprachen lebend, deren Grenzen überschreitend. Die ihr immer wieder gestellte Frage nach ihrer Identität – Österreich? Slowenien? – erlebe sie, so sagte die Autorin 2018, als eine „fortdauernde Grenzkontrolle“.

Von einer „Dichtung des Grenzgangs“ sprach Daniela Strigl in ihrer Hommage zum 60. Geburtstag der Autorin. Ihr zutreffendes Resümee: „Die Grenze ist das Markenzeichen dieser Literatur, ist auch ihre Markierung und ihr Mark.“

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„Žalik pesmi“ („Salige Lieder“) heißt der erste Gedichtband von Maja Haderlap, 1983 erschienen, geschrieben in slowenischer Sprache. Die Rede ist hier vom Abschiednehmen, von Selbstentfremdung, von dem „Mädchen mit einem harten Gesicht“, von Zweifel und Ängsten. Andererseits: Auch das Wiederfinden des Glücks, das Schöne ist möglich. Es gibt Szenen einer Heimkehr, wir sehen Kindheitsbilder, vom Geruch des Waldes und der wilden Erdbeeren, von Burschen- und Männer- und Frauenritualen ist die Rede. Zuletzt lesen wir von Sehnsucht und Hoffnung: „Heute trage ich einen weißen Raben, er kam, um mir zu sagen, wo Leben möglich ist.“ Dummerweise fliegt der Rabe aber wieder davon.

Vier Jahre später, 1987, erscheint ein zweiter Band mit Gedichten, „Bajalice“ („Wünschelruten“), wieder in slowenischer Sprache. Zu vernehmen ist der Ton eines neuen Selbstbewusstseins, es geht darum, seinen Platz neu zu finden – und zu den Ursprüngen zurückzukehren.

Elf Jahre später, 1998, wird schließlich der großformatige Band „Gedichte“ veröffentlicht, in drei Sprachen, Deutsch, Slowenisch, Englisch. Darin finden sich die Übersetzungen der beiden ersten Lyrikbände ins Deutsche sowie weitere Gedichte.

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2011 veröffentlicht Maja Haderlap den Roman „Engel des Vergessens“, nun geschrieben in deutscher Sprache. In dem Text „Aus dem Winkel Mitteleuropas“ erklärt die Autorin ihr zentrales Schreibmotiv:
Die privaten Erzählungen und Erinnerungen an die Nazizeit unterschieden sich zu sehr von den offiziellen Geschichten, die den Menschen in Kärnten und im offiziellen Österreich als Geschichtsbild angeboten wurden. Und dieser Widerspruch – wie auch die Widersprüche der slowenischen Geschichte – forderten mich, je tiefer ich die Zusammenhänge zu begreifen begann, heraus.

Der Roman erzählt im ersten Teil die Geschichte eines heranwachsenden Mädchens auf einem Kärntner Bergbauernhof, an der Grenze. Es kann die tragischen Koordinaten der Familie nicht verstehen. Die Großmutter, die von Kärntner Nazis verraten, mit vielen anderen Slowenen in das KZ Ravensbrück deportiert wird, dort überleben kann, wird zur wichtigsten Bezugsperson der Enkelin.

Eine erschütternde Familiengeschichte, die zugleich auch die Schande des offiziellen Österreich erzählt: Denn dieses hat die Bestimmungen des Staatsvertrages gegenüber der Minderheit mit Füßen getreten. Daniela Strigl bringt es auf den Punkt, wenn sie von der „Passionsgeschichte ihrer Familie“ spricht – die „zugleich die ihres Volkes“ ist.

„Engel des Vergessens“ ist eines der bedeutendsten Bücher der zeitgenössischen österreichischen Literatur. Aber das nicht nur wegen des bereits vielfach gewürdigten slowenischen Vermächtnisses, sondern wegen der Eindringlichkeit von Szenen und Episoden, der genauen Beschreibung des bäuerlichen Kosmos, der differenzierten Charakterisierung von Figuren. Robert Walser hat einmal gesagt: „Ich halte Genauigkeit für poetisch.“ Das bewahrheitet sich hier. Vor allem beeindruckt das Buch auch durch das Psychogramm dieses Mädchens.

Kein Wunder, dass der Roman eine internationale Karriere machte, in neun Sprachen übersetzt wurde, und das, obwohl er keine wohlfeile Österreich-Selbstgeißelung enthält und keine redundanten Tiraden über die katholisch-faschistoide Väterwelt Kärntens.

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2014 erschien der Gedichtband „Langer Transit“. Der Titel spielt erneut an auf das Überschreiten einer Grenze. Von der Identität in der Sprache ist die Rede, der Schwierigkeit, von einer Sprache in die andere zu wechseln – überhaupt ein großes Thema in Maja Haderlaps Werk. Zu erleben sind hier auch Grenzüberschreitungen in die heimatliche Welt der Nachbarschaft: Stimmungsbilder aus Piran, aus dem Karst, der Woch­ein, von Triest und Grado. Der Band enthält auch einen balladenhaften Zyklus über das mythische Reich „Karantanien“, ein Kärntner ­Fürstentum im siebten Jahrhundert.

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Maja Haderlap entwirft in ihrem Werk die Vision eines anderen Österreich. Wir erkennen diese Gegenwelt in den Gedichten, in der Geschichte eines Mädchens, als Utopie, dass das Zusammenleben der Menschen in unserem Land ganz anders verlaufen könnte. Dass nicht das sozial Abgrenzende, das Ausgrenzende bestimmend ist, sondern eben die Grenzüberschreitung, das Solidarische.

Ein Schriftsteller/eine Schriftstellerin existiert ja nicht nur durch das literarische Œuvre, sondern auch in der Rolle, die er/sie in der Öffentlichkeit einnimmt, Haltung zeigt. Und das hat Maja Haderlap in den letzten Jahren wiederholt und imponierend getan.

Etwa mit ihrer vielbeachteten Rede „Im langen Atem der Geschichte“, gehalten am 12. November 2018 beim Festakt „100 Jahre Gründung der Republik Österreich“ in der Wiener Staatsoper. Hier heißt es unmissverständlich: „Demokratie ist […] das Antimodell zur autoritären Familie.“
Der autoritäre Staat [dagegen] schikaniert den Schwächeren, den Anderen, unterbindet die Möglichkeit des Widerspruchs, des freien Willens, der politischen Teilhabe, der
Machtkontrolle, der Veränderung.

Wenn die Politik substanzlos wird, vor allem auf Machterweiterung und Selbstinszenierung abzielt, sich zum Beispiel nicht darum kümmert, Feindbilder in der Gesellschaft zu analysieren und aufzulösen, sondern diese forciert, und eine Gesinnungslosigkeit zur fröhlichen Staatsräson erklärt wird, dann bedarf es einer „humanen Haltung, eines gesellschaftskritischen Blicks“ – das sind zwei Kriterien in den Statuten für den Christine Lavant Preis. Das dritte lautet: „ein hoher ästhetischer Anspruch“.

Dies alles trifft bei Maja Haderlap auf schönste Weise zu – in diesem Sinne ist diese Preisverleihung ein Fest: Literatur als ­Widerstand gegen die asoziale Niedertracht unserer Tage.

Der Autor ist Literaturwissenschafter und Schriftsteller.

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