Matthias Nawrat - © IMAGO / dts Nachrichtenagentur

Matthias Nawrat und der Versuch, Verhältnisse zu begreifen

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Matthias Nawrat hat zwischen 2013 und 2022 viele Reisen ins postkommunistische Europa unternommen. In seinem Buch „Über allem ein weiter Himmel" reflektiert er das eigene Tun als Schriftsteller.

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Matthias Nawrat hat zwischen 2013 und 2022 viele Reisen ins postkommunistische Europa unternommen. In seinem Buch „Über allem ein weiter Himmel" reflektiert er das eigene Tun als Schriftsteller.

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Matthias Nawrat fährt 2018 auf Einladung einer deutschen Organisation für ein paar Tage nach Tjumen. Diese westlichste Stadt Sibiriens liegt jenseits des Urals, knapp 1700 Kilometer von Moskau entfernt. Zusammen mit seinen Gastgebern besucht der Schriftsteller aus Deutschland Kirchen und Museen, und im Lesesaal des Goethe-Instituts werden, natürlich, Fotos vor Bücherregalen gemacht. Heikle politische Themen wie die Annexion der Krim werden elegant umschifft, doch am letzten Abend gerät der Gast dann doch noch gehörig ins Schwitzen. Er soll vor 80 Leuten aus seinem Polenroman „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ vorlesen.

Als er eine der Organisatorinnen fragt, ob sie die Auszüge, die er gleich vortragen werde, gut finde, erwidert sie, sie habe nur darauf geachtet, ob darin etwas Schlechtes über Russland gesagt wird. Sie wolle ja nicht, dass er Probleme bekomme. Das macht Nawrat nur umso nervöser: Was kann, was soll er vorlesen, wie soll er sich in der anschließenden Diskussion verhalten? Ist er der arrogante Westeuropäer, wenn er auf einstige sowjetische Verbrechen in Polen hinweist? Oder soll er sich ärgern über die Weigerung der Russen, sich kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen? Doch am Ende geht alles gut. „Nach der Lesung kommen viele Leute zu mir und bedanken sich für meinen Vortrag. Wir sind wieder Freunde, ich finde alle wieder sympathisch. Aber die Kluft bleibt. Ich bin ein Fremder, der aufpassen muss, was er sagt. Ich komme von außerhalb, wo anders gedacht, Russland mit zu wenig Respekt behandelt wird.“

Matthias Nawrat auf Reisen

Und in ihm keimt eine noch viel grundlegendere Erkenntnis: „Ich bin an eine Grenze gestoßen, an der man gezwungen ist, sich zu fragen, ob es einen ideologiefreien Blick auf die Wirklichkeit jemals geben kann – oder ob die Menschheit vielleicht wirklich auf ewig dazu verdammt ist, durch unterschiedliche Geschichts- und Gegenwartsnarrative in feindliche Lager getrennt zu bleiben.“ Matthias Nawrat ist viel unterwegs im Osten Europas: Ob in Warschau oder Skopje, in Temeswar oder Ljubljana, in Minsk oder Nowosibirsk – stets ist er dort als Vertreter der jüngeren deutschen Literatur eingeladen, zu lesen und zu diskutieren.

Und zugleich reist er, der 1979 im polnischen Opole geboren wurde, als Zehnjähriger mit seiner Familie nach Bamberg kam und 2012 mit dem Roman „Wir zwei allein“ debütierte, als jemand, dem diese Welten Osteuropas qua Herkunft durchaus vertraut sind und dem vom Literaturbetrieb deshalb auch gerne das Etikett „Migrationsliteratur“ angeheftet wird.

Erfreulicherweise verwahrt sich Nawrat gegen solcherlei Zuschreibungen. Für ihn soll sich Literatur mit der Welt und den Problemen der Menschen befassen und nicht mit schriftstellerischen Identitätsfragen. Diesem Prinzip folgt er auch bei seinen tagebuchartigen Aufzeichnungen von den verschiedensten Reisen, die er zwischen 2013 und 2022 ins postkommunistische Europa unternommen hat.

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