Natur - © Foto: iStock / mantaphoto

Nature Writing: Naturkunde, literarisch

1945 1960 1980 2000 2020

Wie in Zeiten von akuter Bedrohung der Natur über die Natur schreiben? Anmerkungen zu einer zunehmend brisanter werdenden Frage.

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Wie in Zeiten von akuter Bedrohung der Natur über die Natur schreiben? Anmerkungen zu einer zunehmend brisanter werdenden Frage.

Über die Natur schreiben: Während es im angloamerikanischen Raum eine ernstzunehmende literarische Tradition des Nature Writing gibt, wird diese Art des Schreibens im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich wohl wegen ihres hybriden, durchlässigen, keinem Genre zuordenbaren Charakters erst nach und nach zu einem eigens zu benennenden Gegenstand literaturwissenschaftlicher Analyse und feuilletonistischer Auseinandersetzung.

Über die Natur schreiben: Während es im angloamerikanischen Raum eine ernstzunehmende literarische Tradition des Nature Writing gibt, wird diese Art des Schreibens im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich wohl wegen ihres hybriden, durchlässigen, keinem Genre zuordenbaren Charakters erst nach und nach zu einem eigens zu benennenden Gegenstand literaturwissenschaftlicher Analyse und feuilletonistischer Auseinandersetzung.

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Gemeint ist nicht „Naturlyrik“ im herkömmlichen Sinn, bei der die Natur zur Metapher, Projektionsfläche oder zum Sehnsuchtsort für Empfindungen des lyrischen Ichs wird, sondern vielmehr Texte, die die „Natur an sich“ in den Mittelpunkt der sprachlich-literarischen Ausdrucksbemühungen setzen. Dabei kommt der Lyrik aufgrund der Vielzahl ihrer ästhetisch-poetologischen Möglichkeiten und wegen der potenziellen, häufig gezielt gesuchten Unbekümmertheit bei gattungsbezogenen Grenzüberschreitungen eine besondere Bedeutung zu, doch spielen ebenso Essays eine große Rolle und zunehmend auch fiktional durchwirkte Texte.

Vor allem der Matthes & Seitz Verlag aus Berlin besetzt neben seinem exzellenten literarischen Programm den Schwerpunkt zu Natur, Bewegung im Raum und Ökologie prominent mit der Reihe „Naturkunden“ von Judith Schalansky, bringt aber auch Klassiker des Nature Writing der deutschsprachigen Leserschaft in Übersetzung näher (Henry David Thoreau, Jean-Henri Fabre, John Muir). Zudem ist er wesentlich am Deutschen Preis für Nature Writing beteiligt, der gemeinsam mit dem Bundesamt für Naturschutz seit 2017 vergeben wird.

Genaue Naturbilder

Die Schriftstellerin Marion Poschmann, Verfasserin von Romanen und Gedichtbänden, war die erste Preisträgerin. Was in der Juryentscheidung betont wurde: „die außerordentlich genauen Naturbilder und die subtilen poetischen Evokationen einer Durchdringung von eigenmächtiger Natur und menschlicher Kulturtätigkeit in der Lyrik der Autorin sowie die klarsichtigen poetologischen Reflexionen über die ‚Chiffrierung von Natur‘ im Literarischen“, findet sich auch in ihrem Gedichtband „Nimbus“ wieder (Suhrkamp 2020), vor allem aber eine tiefe Reflexion und das Bewusstsein darüber, dass das Zustandekommen eines poetischen Blicks Anteil hat an der Zerstörung des betrachteten Objekts.

Durch vielfältigste poetische Ansätze nähert sie sich der globalen Veränderung und Zerstörung, durchaus auf das literarische Erbe zurückgreifend, wenn sie zum Beispiel einen Sonettenkranz mit dem Titel „Die Große Nordische Expedition“ komponiert. Immer schwingt eine kluge, unaufdringliche Klage über den Zustand der Welt mit, wobei die Ironie auf die menschliche, aber auch die schreibende Spezies eine große Rolle spielt: „Rettung des Weltklimas aus / dem Geist der deutschen Ode – / haben wir uns da nicht etwas / viel vorgenommen?“

Poschmanns Essay „Laubwerk“ (Verbrecher Verlag 2021), für den sie 2020 den Wortmeldungen-Preis der Crespo-Foundation erhielt, zeigt auf paradigmatische Art und Weise, dass das Schreiben über Natur immer ein Schreiben ist, das naturwissenschaftlich benennt, philosophisch und historisch reflektiert und formalästhetisch neue Wege findet, um Literatur und keine naturwissenschaftliche Abhandlung entstehen zu lassen.

Was sie fordert: „eine neue Romantisierung der Welt“, „eine poetische Naturwahrnehmung“, die der durch den kapitalistischen Raum verengten Welt und deren ungezügeltem Wachstum eine Weitung durch die Kunst entgegensetzt, ist sowohl für die Gesellschaft als auch für die Kunst relevant, zumal die Autorin diese Forderung „als Forderung der Vernunft [versteht], die Fragilität und Einzigartigkeit lebender Wesen wahrzunehmen und ihnen mit Freundlichkeit und Respekt zu begegnen“. Die ethische Dimension ist, jedenfalls bei Poschmann, unabdingbar beim Schreiben über Natur. (Der Text ist abrufbar: www.wortmeldungen.org.)

Geschlossene Systeme, die ihre Geschichten und Mythen ausschließlich um den Menschen konstruieren, aufgeben und sich aufmachen zu neuen Erzählungen: Der Autor Kevin Westermann verfasste für das Festival „Und seitab liegt die Stadt“ des Literarischen Colloquiums Berlin seinen Essay „Landschaft“ (die Broschüre, die auch spannende Texte weiterer Autoren und Autorinnen enthält, ist über das LCB zu beziehen). Er stellt sich darin dem Faktum, demzufolge laut der Geologin Marcia Bjonerud, die Westermann zitiert, „die meisten Menschen […] keine Lust auf Geschichten ohne menschliche Protagonisten [haben] und einfach kein Interesse daran, sich mit Naturgeschichte zu befassen“.

Die Geschichte der Natur, Geschichten von Naturen erzählen, wie ginge das denn überhaupt? Westermann versucht, einen poetologischen Weg zu gehen, bei dem er, immer wieder umblätternd, Skizzen von Dingen, Menschen und Naturen in der Zeit entwirft und so unserer Überheblichkeit und Zeitenthobenheit etwas entgegensetzt. Ein fragmentarisches Herangehen, literarische Blätter, die in die Zeit fallen. Keinen Anspruch auf Vollendung haben, Bruchstücke sammeln, die auf Beobachtung und Imagination beruhen. Die zeitliche Achse, die den Anthropozentrismus relativiert, ist auch wesentliche Orientierungslinie in Westermanns Essayband „Ovibos moschatus“ (Matthes & Seitz 2020).

Keinen Anspruch auf Vollendung haben, Bruchstücke sammeln, die auf Beobachtung und Imagination beruhen.

Das Fragmentarische, das auf engmaschiger, benennender Beobachtung basiert, ist auch im Schreibansatz von Esther Kinsky präsent. Ihr wurde 2020, gemeinsam mit Ulrike Draesner, der Preis für Nature Writing zuerkannt. In ihren Texten „FlussLand Tagliamento“, die mit Birnholzschnitten von Christian Thanhäuser 2020 in der Edition Thanhäuser erschienen sind, schreitet sie schreibend das Gelände ab und benennt dessen Verschiebungen und Versehrungen, wobei sie mit Neologismen arbeitet und das Vokabular aus Geologie, Flora und Fauna mit den eigenen Beobachtungen zu aquarellartig angelegten Skizzen verknüpft. Das Ich ist nur in der Sprache zu finden, mit der es zu benennen sucht; es wird versucht, die Natur und das Sprechen über sie in eine Übereinstimmung zu bringen.

Alles Lebendige

Eine Autorin, die durch ihr hohes theoretisches Bewusstsein besticht sowie durch ihre Fähigkeit, die Sprache in all ihren Klaviaturen handzuhaben und naturwissenschaftliches Wissen mit historischer und poetischer Energie aufzuladen, ist Ulrike Draesner. Sie, die Gedichte von Louise Glück übersetzt hat, bevor diese 2020 den Literaturnobelpreis erhielt, Gedichte, die metamorphisch und hybrid Blumen, Menschen und Mythen sprechen lassen, hat in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen mit dem Titel „Grammatik der Gespenster“ (Reclam 2018) ein eigenes Kapitel dem Nature Writing gewidmet: „Vom zärtlichen Ernst der Welt“ ist eine Radikalisierung des Ansatzes von „Naturschreiben“, dem Schreiben „nach“ der Natur, die als der Kultur entgegensetzte Kraft gilt, aber „die doch alles Lebendige ist, das uns umgibt und einschließt, auch wenn wir sie gern als unser ‚Anderes‘ betrachten“.

Die Schreibende ist also Teil dessen, worüber sie schreibt, und auch wenn sie sich zurücknimmt, ist ihre Wahrnehmung stets in der Bewegung des Schreibens präsent. Die Schreibenden werden „camoufliert“, „in Partikel zerteilt“, so Draesner, und finden sich dergestalt in ihren Texten wieder. Dieser Ansatz geht von einer paradoxen Bewegung aus, derer sich die Schreibenden ständig bewusst sein müssen. Um aus der Dichotomie herauszuschreiben, um neue Wege, auch des Lebens mit und in der Natur zu finden. Denn letzten Endes sei jedes Nature Writing Life Writing, meint Ulrike Draesner, und nicht nur sie.

Die Autorin leitet das Literaturhaus am Inn in Innsbruck.

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