Elfriede Gerstl - © Foto: Imago / gezett (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)

Sabine Scholl über Elfriede Gerstl: Flüchtig, vorläufig, schwer zu fassen

1945 1960 1980 2000 2020

„Autorinnen feiern Autorinnen“: Anlässlich des 90. Geburtstages von Elfriede Gerstl nähert sich die Schriftstellerin Sabine Scholl der 2009 verstorbenen Dichterin. Auszug aus der Festrede.

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„Autorinnen feiern Autorinnen“: Anlässlich des 90. Geburtstages von Elfriede Gerstl nähert sich die Schriftstellerin Sabine Scholl der 2009 verstorbenen Dichterin. Auszug aus der Festrede.

Am 16. Juni 2022 wäre Elfriede Gerstl 90 Jahre alt geworden. Oft wird die Autorin, die Kleinschreibung bevorzugte, als Meisterin der Untertreibung oder Verkleinerungsspezialistin bezeichnet. 1963 bereits schreibt Heimito von Doderer in einer Rezension von Stürmen „nicht im Wasserglas, sondern im Wassertropfen“.

Beeindruckt baut der renommierte Schriftsteller Gerstl unter leicht verändertem Namen in den Roman „Die Merowinger“ ein, wo sie Erzählungen vorträgt, „die mit meisterlichem Geschick und einer an’s Höllische grenzenden Bosheit einzelne Fäden aus dem Geweb des Lebens zupften, die Fräulein Krestel dann zu teuflischen Knödelchen zu rollen verstand, solchen, wie man sie im Magen tollwütiger Hunde findet“. Auch ihr Nachname kann als Verkleinerung der Getreidesorte Gerste gelesen werden. „Gerstl“ wird außerdem häufig für Geld gesetzt, wie im Spruch „das Gerstl zusammenhalten“. Bedingt durch den Gebrauch von Ausdrücken des Wienerischen taucht zudem das Diminutiv vielfach in ihren Texten, zum Beispiel im Kalauer „my home is my kistl“, auf. Die kleine Form ist der Rastlosigkeit geschuldet und folgt einem anderen Zeitmaß als der Roman. Das Kleine verbleibt damit oft außerhalb gängiger Gattungen. Auch die Verlage, in denen die Autorin Texte veröffentlichte, waren – mit einer Ausnahme – kleine Editionen, wie neue texte, Splitter, Literaturverlag Droschl.

Auf Zetteln festgehalten

Als weiteres Merkmal ist das Flüchtige, Vorläufige, schwer zu Fassende für Gerstls Lebensweise und sprachliches Verfahren bedeutend. Da sich ihre Aufenthaltsorte oft ändern, schreibt sie viel unterwegs: Gedichte entstehen auf Reisen, in Zwischenräumen und Zufluchten, basierend auf Notizen, in aller Eile auf Zetteln festgehalten. Im Unterwegssein erweist sich das Kleine als praktisch. Es lässt sich besser in die Tasche stecken und transportieren. Papier ist wertvoll. Gerstl kritzelt Einfälle und Erinnerungen auf Schmierzettel, Rechnungen, Briefkuverts. Später erst wird das Beiläufige festgehalten, mit Schreibmaschine getippt.

Flüchtigkeit ist dabei stets der Flucht verbunden, einem Grundwort Gerstls, sobald es sich um Orte, Kleider, Sprache handelt. Bewegung lässt sich an Titeln wie „Kleiderflug“ oder auch „Spielräume“ ablesen. Der Spielraum ist ein Platz, an dem sich nichts befindet, der aber freigehalten wird, damit sich etwas hin-, aber auch wieder wegbewegen kann. Ein Möglichkeitsort. Flüchtigkeit wird auch den Moden in saisonal wechselnden Ausformungen zugeschrieben. Wo Räume wie Kleider gewechselt werden, können sich weibliche Rollenvorstellungen nicht verfestigen. Elfriede Jelinek erwähnt in ihrer Laudatio zum Erich-Fried-Preis für Gerstl etwa: „Nein, nicht das Bleibende wollen wir, und die Mode will es auch nicht. Das Flüchtigste wollen wir.“ Selbst die sprachliche Materie wird in Bewegung gehalten, Fremdtexte, Worthülsen werden aufgegriffen und umgewandelt.

Das Flüchtige lässt sich jedoch nicht leicht in einen Kanon fügen. Gerstl bleibt Außenseiterin des Literaturbetriebs in Berlin zum Beispiel, wohin sie als junge Dichterin aufgebrochen ist.

Doch ihre Identität als Frau, Mutter, Gattin, Wienerin, Jüdin, aus einem kleinen Land kommend, das Orale, Dialektale in ihre Texte einfügend, Gattungsgrenzen unterlaufend, Alltagsthemen aufgreifend, passt nicht zum Kreis der Berliner Nachkriegsliteraten. Empfand Gerstl schon ihren Wiener Mentor Hans Hakel, der sich ironiefrei „Meister“ titulieren ließ, als schrecklich patriarchal, so fühlt sie sich in Berlin von den deutschen Kollegen ebenfalls nicht verstanden. Von Günter Grass war sie sogar öffentlich „z’ammg’staucht“, also kleingemacht worden, wie sie später erzählte. Dass einige dieser Autoren eine verhüllte nationalsozialistische Vergangenheit hatten, wie erst später bekannt wurde, mag zu beiderseitigem Missmut unbewusst beigetragen haben.

Doch nie machte Gerstl ihr Aufwachsen unter den Vorzeichen des Nazi-Regimes geltend, wollte sich nicht als Opfer beschreiben und beschrieben sehen, zog es vor, ihre Lebenserzählung selbst zu bestimmen. Dennoch scheinen die Jahre, die sie versteckt verbrachte, prägend. Dort lernt sie stillzuhalten, stumm zu sein, vertreibt sich die Zeit mit Lesen, kommuniziert mit Texten statt mit Menschen. Von der Mutter lernt sie, dass Geschichten erzählen, sich tot stellen, krank spielen hilft zu überleben. Sie lernt den Mangel, die genaue Beobachtung, das Feiern von Kleinigkeiten, wie etwa dem Lichtstrahl, der durch die Fensterverdunklung dringt und dem sie später einen Text widmet. Da das Mädchen zum Verschwinden vorgesehen ist, zählt noch jede winzigste Regung als Triumph.

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