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Liturgiereform ist Kirchenreform

1945 1960 1980 2000 2020

Der Wiener Weihbischof beleuchtet - ausgehend vom Konzil - was ihm in der Kirche fehlt: Ein Exklusiv-Auszug aus seinem neuen Buch.

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Der Wiener Weihbischof beleuchtet - ausgehend vom Konzil - was ihm in der Kirche fehlt: Ein Exklusiv-Auszug aus seinem neuen Buch.

Für viele Menschen hat das II. Vatikanische Konzil vor allem eine Liturgiereform gebracht. Auf die Frage, woran das zu merken sei, erhielt ich oft die Antwort: Am Volksaltar. Man hat den Altar "umgedreht". Damit war gemeint, der Priester feiere nun die Messe zum Volk gewendet und nicht mehr wie früher mit dem Rücken zur Gemeinde.

So verkürzt und äußerlich das klingen mag, die Liturgiereform ist tatsächlich das Herzstück des Konzils. Liturgie wurde als "Höhepunkt und Quelle des kirchlichen Lebens" erkannt. Sie ist Ausdruck des Glaubens der Kirche, Zentrum ihrer Verkündigung, Selbstdarstellung ihres Lebens und Dienens inmitten dieser Welt und zugleich Verweis auf das Ziel, auf das die Kirche pilgernd zugeht, nämlich das Reich Gottes am Ende der Zeiten.

War die vorkonziliare Liturgie tatsächlich "mystischer"?

Es gehört heute in vielen Kirchenkreisen fast schon zum guten Ton, die Nüchternheit der erneuerten Liturgie zu beklagen und von der "Mystik" der vorkonziliaren Liturgie zu schwärmen. Wie "mystisch" war sie wirklich?

Ich habe von Kindheit an die Liturgie immer sehr geliebt und bin wohl auch ihretwegen Priester geworden. Dennoch wundere ich mich heute, wie früher Liturgie gefeiert worden ist. Die Messe hat der Priester immer ganz lateinisch "gelesen", auch die Verkündigungsteile. Ich war stolz, wenn ich in meinem Schott-Meßbuch jeweils die deutsche Übersetzung fand. Später war ich Vorbeter und Lektor in der deutschen Betsingmesse und las gleichsam wie ein Dolmetsch der Gemeinde vor, was der Priester inzwischen lateinisch "mit Gott redete", und wohl nur ihm zu verkünden hatte. Bei einer "stillen Messe" lasen die liturgisch bewegten Teilnehmer in ihrem "Schott" mit, andere beteten den Rosenkranz oder sonstige Gebete, die mit der Messe unmittelbar nichts zu tun hatten.

Was der Priester am Altar tat, konnte man kaum sehen, er stand gleichsam als "Ikonostase" vor dem "heiligen Geschehen". Es ist ein grobes Mißverständnis, wenn man ein "Beiwohnen" bei der Messe, ohne etwas verstehen oder sehen zu können, als mystisch bezeichnet. Ich wundere mich daher, daß Bischöfe rückblickend die vorkonziliare Liturgie als ein Kunstwerk bezeichnen und sagen: "Sie war schön durch ihre Sinnenhaftigkeit in Farbe, Musik, durch Weihrauch und auch durch die nur wenigen verständliche und daher als numinos empfundene lateinische Sprache."

Bevor ich zum Priester geweiht wurde, lernte ich in vielen "Hausstunden" im Priesterseminar die "Kunst" des Zelebrierens. Hauptaugenmerk wurde auf die peinliche Einhaltung aller Rubriken, der liturgischen Vorschriften, gelegt, etwa wie hoch die Hände beim Gebet zu halten seien, mit welchen Fingern man die Hostie berühren dürfe, wie wir Kelch und Patene nach der Kommunion zu reinigen hätten und ähnliches mehr. In der Moraltheologie hatten wir schon vorher gelernt, welche Vorschriften unter läßlicher oder gar schwerer Sünde verpflichten. Das betraf sogar die "Requisiten" für die Meßfeier. Wer etwa ohne brennende Kerzen zelebriert, sündigt schwer, so lernten wir; wenn nur eine Kerze brennt, sei das läßliche Sünde.

Ich erwähne das nicht, um frühere Denkhaltungen lächerlich zu machen, wohl aber um zu zeigen, was für den rechten und gültigen Vollzug der Messe offenbar wichtig erschien. Ich erinnere mich nicht, mit ähnlichem Nachdruck etwas gehört oder gelernt zu haben, wie dem "anwesenden" Volk das Heilige, die Nähe Gottes zu vermitteln wäre.

Das Konzil entdeckt die Liturgie in ganz neuer Weise Die erstrebte Reform der Liturgie ist in das Gesamtprogramm des Konzils hineingestellt. Das Ziel ist also eine innere Reform der katholischen Kirche, ein Beitrag zur Ökumene und eine Einladung an die Welt. Und um das zu erreichen, hält es das Konzil für seine Pflicht, "sich um Erneuerung und Pflege der Liturgie zu sorgen". Nimmt man diese Worte ernst, dann haben also die Konzilsväter nicht nur eine oberflächliche Anpassung mancher Riten beabsichtigt, sondern eine tiefgreifende Erneuerung.

Aber wieso ist Liturgie so wichtig? In ihr, besonders in der Eucharistie, vollzieht sich das Werk unserer Erlösung. Sie trägt in höchstem Maß dazu bei, daß das Leben der Gläubigen Ausdruck und Offenbarung des Mysteriums Christi und des eigentlichen Wesens der wahren Kirche wird. Christus ist auf vielgestaltige Weise in der Liturgie, vor allem in der Messe gegenwärtig: im Dienst des Priesters, in den eucharistischen Gestalten, in Gottes Wort, das verkündet wird, schließlich in der Gemeinde selbst, die vor Gott versammelt betet und singt.

Eine Erneuerung, also Veränderung der äußeren Vollzüge ist notwendig, damit sie "das Heilige, dem sie als Zeichen dienen, deutlicher zum Ausdruck bringen, so, daß das christliche Volk sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann". Damit ist ein Hauptakzent der Erneuerung der Liturgie genannt, daß sie nämlich nicht mehr länger nur eine Gott dargebrachte "Priesterliturgie" sein soll, der das gläubige Volk "teilnahmslos" anwohnt, sondern daß in Wahrheit die Gemeinde das Subjekt der liturgischen Feier ist, eine Gemeinde, in der der geweihte Priester nur eine, wenn auch unersetzliche Rolle spielt. Das Konzil wird nicht müde, die Gläubigen immer wieder zu einer "bewußten, tätigen, gemeinschaftlichen" Teilnahme aufzurufen.

Die hl. Liturgie hat ein doppeltes Ziel: Anbetung der göttlichen Majestät und Belehrung für das gläubige Volk. "Denn in der Liturgie spricht Gott zu seinem Volk; in ihr verkündet Christus noch immer die Frohe Botschaft." Und die Gebete, die der Priester spricht, richtet er im Namen des ganzen Volkes an Gott. Das verlangt aber danach, die Riten "der Fassungskraft der Gläubigen anzupassen", sodaß sie nicht vieler Erklärung bedürfen. Daher sei der Muttersprache ein "weiter Raum" zuzubilligen. Der Gebrauch der Muttersprache war von Anfang an am meisten umstritten. Sie dennoch für manche Bereiche der Liturgie zuzulassen, gelang nur unter dem Kompromiß, daß die lateinische Sprache in den Riten an sich erhalten bleibe.

Die Konzilsväter wußten, daß mit ihren Beschlüssen die Erneuerung der Liturgie nicht abgeschlossen sein könne, sondern dafür nur eine Richtung angegeben. Wer also heute klagt, die nachkonziliare Erneuerung sei über das vom Konzil Beschlossene hinausgegangen, scheint den Text der Beschlüsse nicht zu kennen. Freilich haben sich nach dem Konzil auch Erneuerungen ergeben, die man nicht vorausgesehen hatte. Selbst die fortschrittlichsten Liturgieexperten hatten nicht angenommen, daß die Muttersprache schließlich für alle Teile der Messe gestattet werden würde, sogar für den Einsetzungsbericht, also die "Wandlungsworte". Auch die "Handkommunion" war am Konzil selbst noch nicht diskutiert worden. Beides wurde aber von den zuständigen Autoritäten genehmigt, ist also ganz legitim und zeigt nur, wie nach dem Konzil weitergedacht worden ist.

Auf der Suche nach der "Ars celebrandi" Allen Gegenbewegungen zum Trotz hat die liturgische Erneuerung doch reiche Früchte gerade in der Basis getragen. In lebendigen Pfarreien ist das Gottesvolk nun tatsächlich vielfach beteiligt, die liturgischen Rollen werden verteilt ausgeübt, die Wortverkündigung nimmt einen reichen Platz ein, die vorgesehenen Räume für spontane Gestaltung werden genützt, Schriftauslegung und vor allem die Fürbitten versuchen Bezüge zu den aktuellen Problemen der Gemeinde und der Welt(kirche) herzustellen und verbinden das heilige Geschehen mit dem Leben. Doch auch da wird Kritik laut, ob man nun nicht das Profane in das Sakrale hineinziehe, eine vollkommene "Inkulturation" der Liturgie in die moderne Welt zu Unrecht anstrebe, daß die Sprache um der besseren Verständlichkeit willen "platt" werde, ob es nicht zu einer Banalisierung gekommen sei und so die Ehrfurcht vor dem Heiligen zutiefst leide. In dieser Auseinandersetzung wird versucht, den Priestern wieder zu einer besseren "Kunst des Zelebrierens" (ars celebrandi) zu verhelfen.

Ich habe mir Gedanken gemacht, was nun wirklich die "Kunst" des Zelebrierens ausmache. Ich hörte von einem jungen Priester, der in einem Heim für schwerstbehinderte Kinder mit diesen Eucharistie feiert und ihnen, deren Fassungsvermögen so begrenzt ist, etwas von der Nähe Gottes in der Messe so vermittelt, daß sie voll Freude vor Gott zu jubeln beginnen. Ein Krankenhausseelsorger erzählte mir, wie es ihm kürzlich bei der Messe in einem Saal gelang, den Kranken ihre existentielle Nähe zum leidenden Christus tröstlich bewußt zu machen. Und kürzlich feierte ich mit Obdachlosen und Strafentlassenen Eucharistie, bei der diese ganz in ihrer Sprache im Bußritus und in den Fürbitten ihre Nöte und die Probleme ihrer "Kumpeln" einbrachten und sich beim Friedensgruß auf die Schultern klopfend umarmten.

Freilich geht bei solchen Messen nicht alles streng nach "Rubriken" zu, und die Ästhetik kommt zu kurz. Aber entspricht solches der Intention einer Liturgieerneuerung nach dem Konzil nicht viel mehr, als wenn wiederum starre Formen aus der "alten Liturgie" rückgewonnen würden, oder vor allem das ästhetische Empfinden oberste Normen schafft? Wo bleibt der Mut, Liturgie tatsächlich in die so unterschiedlichen Kulturkreise der verschiedenen Kontinente zu "inkulturieren", aber auch in die so unterschiedliche Erlebniswelt hier bei uns, je nach Anlaß der Messe, nach Art der feiernden Gruppe, nach Gestaltungsmöglichkeit und dem jeweiligen Verständnishorizont der Mitfeiernden? Freilich wird dies nicht durch eine redaktionelle Revision des Meßbuches gelingen, aber auch nicht durch äußerliche, noch so ästhetische "Regie". Um dem modernen Menschen das Geheimnis näherzubringen, wird man ihm wieder das Verständnis für Zeichen und Symbole öffnen müssen. Aber nicht nur für äußerliche heilige Zeichen, sondern auch für die Symbolhaftigkeit menschlichen Zusammenlebens, für die Symbolhaftigkeit der Welt als ganzer. Und welche Art von "communio", also Gemeinschaft, Eucharistie im Wesen ist, kann nur begreifen, wer die Eucharistiegemeinde als Ort erfährt, "an dem er sich mit seiner Individualität einbringen und von dem her er sich beschenken lassen kann für seinen Alltag". Das setzt aber voraus, daß in den einzelnen Gemeinden, und zwar am Orte selbst überhaupt noch Eucharistie gefeiert werden kann.

Gemeinden ohne Eucharistie - Ende der (Kirchen-)Liturgieform?

"Eucharistie wirkt Kirche - Kirche wirkt Eucharistie", darauf hat Henri de Lubac schon lange vor dem Konzil hingewiesen. Und die Liturgiekonstitution hat im gleichen Sinn von der Eucharistie gesprochen als dem "Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt". Volles Gemeindeleben ist ohne Eucharistie nicht denkbar. Erneuerung der Kirche von innen, nicht nur äußerlich in einigen Strukturen, kommt letztlich aus der Eucharistie. Kirchenreform und Eucharistiereform gehören untrennbar zusammen. Nun aber gibt es immer mehr Pfarrgemeinden, in denen wegen des steigenden Priestermangels nicht mehr regelmäßig Eucharistie gefeiert werden kann. Zeigt das ein Scheitern der Reform an, oder ist es vielleicht ein neuer Antrieb, sie erst recht zu beginnen?

Vor Jahren habe ich einen Zeitungsartikel von einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich geschrieben, die "einen Priester sucht", weil sie sonst oft keine Sonntagsmesse mehr feiern kann. Ich habe damals angemahnt, man könne einer Gemeinde, soll sie Vollgestalt annehmen, die Eucharistie nicht vorenthalten, weil diese ja "Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens ist". "Noch suchen Gemeinden selbst nach einem Priester", schrieb ich. "Müßten das aber nicht die Hirten kraft ihrer Verantwortung schon für sie tun?" Und ich schlug vor, die geltenden Zulassungsbestimmungen zum Priesteramt zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern, weil, was "rein kirchlichen Rechtes ist, geändert werden müßte, wenn höhere Werte auf dem Spiele stehen".

Die Konzilsväter haben ihre Arbeit mit der Einleitung einer Erneuerung der Liturgie begonnen. Sie wußten, daß in der Liturgie das Wesen und Leben der Kirche zum Ausdruck kommt, und sie sich von dort her ständig Kraft holt. Alle Bemühungen um eine Kirchenerneuerung und in deren Folge um eine Neuevangelisierung können nur dann erfolgreich sein, "wenn und insofern der ,Ecclesia reformanda' eine ,Liturgia reformanda' korrespondiert". So ist die Erneuerung der Liturgie wahrhaft Maßstab nachkonziliarer Erneuerung.

Buchtip: Im Sprung gehemmt. Was mir nach dem Konzil noch alles fehlt.

Von Helmut Krätzl. Verlag St. Gabriel, Mödling 1998. 216 Seiten, kart., öS 198,

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