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Feuilleton

Loreley und Liberté

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Die politische Kritik Heinrich Heines als Dichter und Denker.

Der Dichter ist der Mittelpunkt der Welt." Dieses radikale Bekenntnis zum Subjektivismus charakterisiert das facettenreiche Werk des Schriftstellers Heinrich Heine. Seine Gedichtsammlungen erwiesen sich als Verkaufsschlager; besonders bekannt ist seine "Loreley". Der lyrische "Heine-Ton" - eine Mischung aus spöttischen, ironischen, oft sarkastischen Versen - machte sich über die zeitgenössischen Philister lustig. Bemerkenswert ist die Musikalität der Gedichte, die Komponisten wie Robert Schumann, Franz Schubert oder Felix Mendelssohn-Bartholdy zu Vertonungen anregte.

Die Reaktion des deutschsprachigen Publikums auf Heine war ambivalent: Einerseits begeisterte es sich für die Lyrik, andererseits verfemte es die politischen und gesellschaftskritischen Werke. Heines Intention war jedoch, sein Werk als Gesamtheit zu sehen: "Bemerken muss ich jedoch" - so schrieb er - "daß meine poetischen wie meine politischen, theologischen und philosophischen Schriften, einem und demselben Gedanken entsprossen sind." Dieser Gedanke war die Emanzipation. Darunter verstand Heine nicht nur die Verwirklichung politischer Ziele, sondern auch die Befreiung der Sinnlichkeit und der Gefühlswelt.

Die Wunde Heine

In späteren Gedichten besang er - im Widerstand gegen den puritanischen Zeitgeist - die Intensität sinnlicher Genüsse. Für ihn versüßten "Ambrosia, Purpurmäntel, kostbare Wohlgerüche, Wollust und Pracht, lachender Nymphentanz, Musik und Komödien" das Leben im "ganz Falschen" der sich anbahnenden Industriegesellschaft.

Heine wurde zum politischen Ärgernis, zur "Wunde Heine" (Adorno) - weil er die soziale Ungleichheit und die politische Unterdrückung anprangerte. Er verstand sich als "freier Geist", der mit kecker, spitzer Zunge die sozialen und politischen Missstände bekämpfte. Die Keckheit setzte die Tradition des Kynikers Diogenes fort, der mit seiner "frechen Rede" die Herrschenden seiner Zeit verhöhnte.

Heine litt unter der geistigen Enge Deutschlands, die von den Zensurmaßnahmen der Regierung hervorgerufen wurde. 1831 verließ er Deutschland und reiste nach Paris, um dort "endlich frische Luft zu schöpfen". Paris war für ihn "die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts", wo sich revolutionäres Handeln mit einer blühenden Kultur verband. Heine hatte sich auf seinen Paris-Aufenthalt gut vorbereitet; er war mit den sozialen und kulturellen Verhältnissen gut vertraut und kannte die revolutionären Theorien von Étienne Cabet oder Auguste Blanqui; besonders faszinierten ihn die Schriften des Adeligen Henri de Saint-Simon. Dessen Lehre wurde zum "neuen Evangelium", zum "Dritten Testament"; es forderte eine "Aufhebung aller Vorrechte durch Geburt" und "die moralische, intellektuelle und physische Verbesserung der zahlreichsten und ärmsten Klasse".

Emanzipierte Sinnlichkeit ...

Den Gegensatz zwischen einer herrschenden Klasse und dem Elend des Proletariats hatte Heine bereits während einer Englandreise erlebt. Seine Eindrücke nehmen den Bericht über "die Lage der arbeitenden Klasse in England" von Friedrich Engels vorweg. "England ist eine große Tretmühle", heißt es da, "wo das Volk Tag und Nacht arbeiten muss, um seine Gläubiger zu füttern und wo die Gesetze nichts anderes sind als eine andere Art von Zähnen, womit die aristokratische Brut ihre Beute erhascht."

Neben Saint-Simons Sozialkritik interessierte Heine dessen Programm einer "Emanzipation des Fleisches". Ähnlich wie der deutsche Philosoph Ludwig Feuerbach plädierte Saint-Simon für ein Ausleben der Sinnlichkeit, für eine freie Sexualität. Die christliche "Jenseitsreligion", die den Leib als Diener des Geistigen betrachtete, sollte durch eine "Diesseitsreligion" ersetzt werden. In den "Neuen Gedichten" verarbeitete Heine die Lehre Saint-Simons: "Vernichtet ist das Zweierlei / Das uns so lang betöret / Die dumme Leiberquälerei / Hat endlich aufgehöret."

Seinen Lebensunterhalt in Paris verdiente Heine mit den Reportagen der "französischen" Zustände, die er in angesehenen deutschen Zeitungen publizierte. Heine berichtete über politische Ereignisse, verfasste Sozialreportagen und veröffentlichte Schilderungen aktueller Kunstausstellungen oder Kritiken französischer Theaterstücke. Heines Hauptanliegen bestand in der Vermittlertätigkeit: Der deutsche Leser sollte nähere Kenntnis von seinem Nachbarland erhalten; das französische Publikum die deutsche Philosophie besser kennen lernen. Um seinem zweiten Anliegen nachzukommen, schrieb er die einführende Schrift "Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland".

... und freies Denken

Hier realisierte Heine sein geschichtsphilosophisches Projekt der Emanzipation, das er als Wesen seines gesamten Werkes programmatisch formuliert hatte. Als erste bedeutende Gestalt betrat Martin Luther die Bühne, "der träumerische Mystiker und Mann der Tat", der die Fesseln des katholischen Dogmatismus löste und "der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt hat, die Bibel zu erklären". Luther gilt als der Begründer der Denkfreiheit in Deutschland, die dann Gotthold Ephraim Lessing fortsetzte. In Lessing sah Heine "die lebendige Kritik seiner Zeit", die sich polemisch äußerte. Immanuel Kant war dann der Analytiker der Vernunft, der ihre Grenzen festlegte. Die Existenz Gottes kam dabei freilich schlecht weg; sie konnte durch Vernunftgründe nicht mehr bewiesen werden. In diesen Denkschritten vollzog sich eine Entwicklung, die weit weg vom Dogmatismus des Katholizismus führte. Den Höhepunkt dieser Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit sah Heine im Denken Georg Wilhelm Friedrich Hegels, der die Geschichte als einen fortschreitenden Emanzipationsprozess betrachtete. "Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit", notierte Hegel in den "Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie", "den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben."

Die Emanzipation des Denkens und der Sinnlichkeit - das hatte Heine von Hegel und Saint-Simon gelernt, sind die Voraussetzungen für ein menschliches Dasein, das sich der Entfremdung und der Ausbeutung entzieht. Es ist jenes Leben, von dem bereits der frühe Karl Marx träumte und das Heine so schilderte: "Ja, Zuckererbsen für jedermann / Sobald die Schoten platzen! / Den Himmel überlassen wir / Den Engeln und den Spatzen".

Der Autor ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion im orf-Hörfunk.