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M*** im Hemd für Gästinnen

Ist es legitim, Sprache als "Kampfmittel“ für eine bessere Welt zu verwenden? Daniela Strigl und Alexander Pollak diskutieren über das Binnen-I, "Neger“ und die Mühsamkeit politischer Korrektheit.

Mit so viel Feedback hatte man beim Normungsinstitut "Austrian Standards“ nicht gerechnet: Exakt 1395 Stellungnahmen wurden bis vergangenen Montag zur ÖNORM A 1080 abgegeben - die allermeisten davon zum Kapitel "geschlechtergerechtes Formulieren“ (vgl.rechts unten). Tatsächlich birgt der Text Sprengstoff: "Das sogenannte, Binnen-I‘ ist durch keine Rechtschreibregelung gerechtfertigt und daher zu vermeiden“, heißt es lapidar. "Generalklauseln“ könnten vielmehr klären, dass sich die verwendete, männliche Form gleichermaßen auf Männer wie Frauen beziehe. Was ist von solchen Empfehlungen zu halten? Wieviel "political correctness“ verträgt die Sprache? Und vor allem: Soll und kann man mit Worten die Wirklichkeit verändern? Die Germanistin Daniela Strigl und der Sprecher von "SOS Mitmensch“, Alexander Pollak, haben darüber auf Einladung der FURCHE diskutiert.

Die Furche: Herr Pollak, ist eine der knapp 1400 Stellungnahmen zur neuen ÖNORM A 1080 von Ihnen?

Alexander Pollak: Nein, aber der Entwurf lässt mich einigermaßen verständnislos zurück. Die Vorsitzende des zuständigen ÖNORM-Komitees (Walburg Ernst, red.) hat sich gegenüber der Wiener Zeitung ja klar geoutet, worum es hier geht, nämlich um eine anti-feministische Agenda. Sie hat gesagt: Die männliche Form ist die richtige Form, und wer nur die weibliche Form durchgesetzt haben möchte, führt einen "Rachefeldzug“.

Die Furche: Frau Strigl, Sie haben den ÖNORM-Entwurf in Ihrer letztwöchigen FURCHE-Kolumne als "grundvernünftig“ bezeichnet. Was ist vernünftig daran?

Daniela Strigl: Vernünftig ist für mich die Klarstellung, dass es eine Sprachform gibt, die sich eingebürgert hat, aber nicht Duden-konform ist. Das heißt ja nicht, dass man diese so genannte "geschlechtergerechte Sprache“ nicht verwenden kann. Aber wenn man grammatikalisch richtig kommunizieren möchte, muss man beide Formen nennen, also "Schülerinnen und Schüler“. Oder aber man verwendet nur den Oberbegriff "Schüler“. Damit wird nur geklärt, was ohnehin klar ist. Was zu dieser ganzen Aufregung führt, ist die symbolische Bedeutung: Das Normungsinstitut will scheinbar die Uhren zurückdrehen und sagt, dass es aus sprachökonomischer Sicht in Ordnung ist, wenn man die weibliche Form nicht extra dazusagt. Das Redundante dieser geschlechtergerechten Sprache widerstrebt ja tatsächlich der Sprachentwicklung, die normalerweise immer zur Verkürzung neigt.

Pollak: Also ich halte es eher für unökonomisch, respektlos zu kommunizieren - und es ist respektlos, wenn ein wesentlicher Teil der Bevölkerung nicht miterwähnt und oft auch nicht mitgedacht wird.

Die Furche: Wie "geschlechtergerecht“ kommunizieren Sie selbst?

Pollak: "SOS Mitmensch“ gibt das "Mo - Magazin für Menschenrechte“ heraus, in dem wir das Binnen-I verwenden. Ich selbst mache mein Sprechen davon abhängig, mit wem und zu welchem Zweck ich spreche.

Strigl: Das "Binnen-I“ an sich ist natürlich ökonomisch - aber mich stört daran zweierlei: Zum einen wird akustisch nicht klar, dass Männer und Frauen gemeint sind. In gewissen Milieus wird das zwar in Kauf genommen. Wenn man an einer Schule etwa "Lehrerinnen“ sagt, denken manche: "Es gibt eh viel mehr Lehrerinnen als Lehrer, insofern ist es schon in Ordnung.“ Aber es gibt auch Zuhörer, die das einfach nicht verstehen. Zum anderen gibt es interessanterweise Begriffe, bei denen man die Frauen nicht so gern erwähnt: "Täter“ oder "Mörder“ zum Beispiel. Aber das wird noch kommen. Es ist ja schon so, dass selbst der Begriff "Mensch“ in Verruf gekommen ist - so wie das männliche Hauptwort "Gast“, das man nicht mehr als für beide Geschlechter zutreffend aushält und deshalb den Begriff "Gästin“ überlegt. Vielleicht muss sich "SOS Mitmensch“ auch irgendwann umbenennen.

Pollak: Das glaube ich nicht. Und wenn Sie sagen, dass sich viele bei der rein weiblichen Form nicht sicher sind, ob auch Männer mitgemeint sind, dann zeigt das die ganze Widersprüchlichkeit: Denn bei der männlichen Form fällt es den Leuten gar nicht auf, dass man darüber nachdenken könnte: Sind da jetzt auch Frauen mitgemeint?

Strigl: Selbstverständlich fragt man sich das hier nicht, weil es das Übliche ist. Das andere ist das Unübliche. Sprache ist Gedächtnis, Geschichte und es gibt einen Gewöhnungseffekt. Insofern ist das Neue natürlich ein Kampfmittel, um die Leute zu irritieren.

Die Furche: Stört Sie dieser Kampf generell - oder der Umstand, dass die Sprache das Kampfmittel ist?

Strigl: Mich stört, dass man Sprache dazu benützt, um etwas zu suggerieren, das es noch nicht gibt. Es wäre sinnvoller, die Sprachentwicklung abzuwarten und Sprache nicht mit der Brechstange zu bearbeiten, bis sie so ausschaut, wie wir gern die Wirklichkeit hätten. Ich bin auch dagegen, Sprachgeschichte zu verwischen.

Pollak: Aber Sprache hat sehr wohl Einfluss auf die Wirklichkeit! Wenn man Frauen etwa bei Jobausschreibungen miterwähnt, dann beeinflusst das unsere Arbeitswelt. Insofern ist es sinnvoll, mit der Sprache einen Schritt voranzugehen, obwohl die Gesellschaft vielleicht noch hinten nach hinkt.

Strigl: Bei der Inseratenfragen bin ich total dafür, dass man weibliche Formen einsetzt, wo es sie in der deutschen Sprache gibt. Ich bin nur dagegen, dass man wie in der Dichtung Wörter erfindet und so tut, als müsste man sie aus Gründen der Gerechtigkeit oder der Moral verfügen. Wie mich überhaupt der Verfügungscharakter dieser Sprachregelungen stört. Das ist vielleicht ein temperamentmäßiges Grundproblem von mir: Ich lasse mir ungern etwas vorschreiben. Aber hier versucht man päpstlicher zu sein als der Papst und stellt nicht nur Regeln für den grammatikalisch richtigen, sondern auch für den moralisch korrekten Sprachgebrauch auf. Für mich hat diese vom Mainstream verordnete Sprache etwas Autoritäres, Totalitäres. Man darf nicht vergessen, dass jede Diktatur mit dieser Sprachpolizei gearbeitet hat.

Pollak: Ich bin mir nicht sicher, ob sich Ihre Anschuldigungen gegen die ÖNORM richten, bei der es genau um diese Normierung geht - oder gegen den respektvollen Umgang miteinander, den ich mir wünsche. Respekt hat wenig mit Diktatur zu tun. Ich bin auch kein Anhänger davon, irgendwelche Dinge sprachlich zu verschleiern Ich mag nicht einmal den Begriff "politische Korrektheit“, sondern ich mag sachliche und menschliche Korrektheit. Dazu gehört aber, dass man sich Gedanken darüber macht, wie es Menschen empfinden, wenn ich sie so oder so nenne - oder gar ignoriere!

Strigl: Aber bei der so genannten "politisch korrekten Sprache“ werden doch Inhalte verschleiert, beschönigt oder auch nur temporär anders ausgedrückt.

Die Furche: Woran denken Sie konkret?

Strigl: Zum Beispiel an den Begriff "Neger“: Am Beginn war "Nigger“ das Schimpfwort und "Neger“ das korrekte Wort. Das hat sich immer weiter verschoben bis hin zu "Schwarzer“, "Farbiger“, "Schwarzafrikaner“, "Afroamerikaner“. In dem Moment, in dem ein Begriff allgemein anerkannt ist und dann gegen die Gruppe verwendet wird, ist er auch wieder diskreditiert. Wenn ich sage, dass jemand nicht "behindert“ ist, sondern "eine eingeschränkte Mobilität“ hat, dann heißt das ja genau dasselbe, verschleiert aber, dass jemand in seiner geistigen oder körperlichen Entwicklung durch gewisse Faktoren behindert ist.

Pollak: Aber genau hinter den Begriffen, die Sie genannt haben, steckt doch eine Geschichte der Fremdbestimmung! Sie selbst wehren sich mit Händen und Füßen gegen solche Fremdbestimmung, sprechen es aber den betroffenen Menschen ab, sich dagegen zur Wehr zu setzen! Wenn Personengruppen sagen: Nein, ich will so nicht genannt werden, dann ist es für mich eine Frage des Respekts, dass ich sie nicht so nenne.

Die Furche: Andreas Mölzer ist das aktuelle Gegenbeispiel. Herr Pollak, Sie haben im Vorjahr ein Buch über ihn publiziert ("Gut gegen Mölzer. Exkursion ins rechte Eck“, edition a). Hat Sie seine Aussage von der EU als "Negerkonglomerat“ noch schockiert?

Pollak: Bei Herrn Mölzer hat es mich zugegebenermaßen nicht so schockiert. Er hat wohl geglaubt, dass niemand in der breiten Öffentlichkeit wahrnimmt, wenn er in seinen Kreisen mit solchen Begriffen operiert. Wobei es bei seiner Aussage ja nicht nur um die Begrifflichkeit geht, sondern auch um den rassistischen Zusammenhang, weil er das N-Wort herabwürdigend verwendet und als EU-Kritik versteht.

Strigl: Auch mich hat das bei Mölzer nicht überrascht - eher schon, dass er später zu feig war, dazu zu stehen. Insgesamt ist das aber ein schönes Beispiel für die angesprochene begriffliche Verschiebung. Ursprünglich hat "Neger“ ja nichts anderes geheißen als "schwarz“. Wenn aber Mölzer diesen Begriff verwendet und noch dazu ankündigt, er sage jetzt "absichtlich etwas politisch Unkorrektes“, dann ist klar, dass es als Schimpfwort verwendet wird.

Die Furche: Kleine Zwischenfrage: Sollen wir von "Neger“ oder "N-Wort“ sprechen?

Strigl: Also in einem Gespräch über Begriffe diskriminierender Art das betreffende Wort nicht auszusprechen, ist Selbstzensur!

Pollak: Ja natürlich ist es Selbstzensur, ich zensiere mich selbst dabei, respektlose Begriffe zu verwenden.

Strigl: Aber es wissen ja nicht alle Leute, wovon die Rede ist!

Pollak: Die Mölzer-Geschichte ist jedem und jeder bekannt, die oder der nur irgendwie Medien konsumiert.

Die Furche: Kommen wir von der Selbstzensur zu jener in der Literatur: Was halten Sie davon, dass der Thienemann-Verlag seine Neuauflage von Otfried Preußlers Klassiker "Die kleine Hexe“ von veralteten und diskriminierenden Begriffen gesäubert hat?

Pollak: Was vergangene Literatur betrifft, so sehe ich Grenzfälle. Ich würde also nicht sagen: All diese Begriffe müssen raus!

Strigl: Also wenn man die Säuberung der gegenwärtigen Sprache auf die vergangene rückwirkend ausdehnt, verfälscht man damit das, was Sprache und Kunst ist, nämlich ein Gedächtnisreservoir. Es geht ja auch um Werke der Weltliteratur wie etwa "Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. Die Begriffe, die dort vorkommen, werden vollkommen unschuldig verwendet. Das ist im Gegenteil ein Buch, das den schwarzen Anteil äußerst positiv betont. Es wäre die Aufgabe der Schule, klar zu machen, dass sich diese Bewusstseinsgeschichte im Laufe der Zeit verändert hat. Auch bei Pippi Langstrumpf, die ja auf der Seite der Aufklärung steht, müsste man es den Eltern und Lehrern zumuten können, dass sie Worte wie "Negerkönig“ einordnen können. Stattdessen gibt es bei den "Wiener Festwochen“ die Debatte, ob man Jean Genets "Die Neger“ hätte umtaufen sollen (vgl. Kasten). Doch hier geht es um Erwachsene! Das ist für mich reine Bevormundung.

Pollak: Mit diesem konkreten Stück habe ich mich nicht auseinandergesetzt. Aber ein Stück, das "Der Jud“ oder "Der Saujud“ heißt, wäre auch nicht angenehm für die jüdische Bevölkerung. Wenn sich dieses Stück dann kritisch mit Antisemitismus auseinandersetzt, würde ich es natürlich für legitim halten, aber man sollte sich zumindest Gedanken darüber machen, wie das die betroffenen Menschen empfinden.

Strigl: Das ist ein interessanter Unterschied, weil das Wort "Jude“ ja kein Schimpfwort ist. Anders als bei "Neger“ gibt es auch kein Ersatzwort. Das wäre für viele Juden auch eine Verleugnung ihrer Identität.

Pollak: Natürlich. Aber es macht einen Unterschied, ob ich "Jude“ sage oder das gehässige Wort "Jud“…

Strigl: Auch "Jude“ kann man als Schimpfwort verwenden.

Pollak: Man kann alles als Schimpfwort verwenden, wenn man es in einen schimpfenden Kontext stellt. Aber es gibt Wörter, die für sich schon despektierlich sind. Genauso wie ich niemals zu einem behinderten Menschen "Krüppel“ sagen würde.

Strigl: Das ist auch interessant: "Krüppel“ war zwar immer abwertend, wurde aber auch sachlich verwendet. Dann kam diese Verschiebungs-Kette bis zur "eingeschränkten Mobilität“. Ich habe den Verdacht, dass die komplizierten Umschreibungen dazu dienen, dass sie sich einfach schlechter fürs Schimpfen eigenen.

Pollak: Was ja an sich etwas Gutes ist … Und das, was Sie "kompliziert“ nennen, spiegelt einfach die Erfahrungsrealität der betroffenen Menschen wider. Die Betroffenen haben sich darüber Gedanken gemacht: Was bedeutet Behinderung eigentlich für mich? Und es bedeutet eingeschränkte Mobilität oder Lernfähigkeit.

Strigl: Ich bezweifle, dass sich hier immer die Betroffenen Gedanken machen. Die in Deutschland erfundene Beschreibung "Menschen mit Migrationshintergrund“ für Zuwanderer kommt mir nicht selbst entwickelt vor. Sie ist auch ungenau, weil die Leute ja keinen Hintergrund haben, sondern sie haben eine Geschichte, Wurzeln. Eigentlich ist das ein Unwort!

Pollak: Da treffen wir uns zu hundert Prozent! Auch wir kritisieren diesen Begriff scharf, gerade weil er unklar ist und Menschen mit unterschiedlichsten Biografien umfasst. Es gibt eben Menschen mit Migrationserfahrung, Diskriminierungserfahrung, mit nichtdeutscher Umgangssprache et cetera …

Furche: Apropos nichtdeutsch: Täuscht der Eindruck, dass die sprachliche political correctness im deutschsprachigen Bereich besonders verkrampft vorangetrieben wird? In Frankreich wären solche Umformungen undenkbar …

Pollak: In Frankreich gab es sehr wohl Umformungen. Hier wurden auch diskriminierende Bezeichnungen längst von den Speisekarten gestrichen, während in Österreich verbissen darum gekämpft wird.

Furche: Meinen Sie den "Mohr im Hemd“?

Pollak: Ja, das "M*** im Hemd“ muss unbedingt drauf bleiben, heißt es. Wobei inzwischen schon einige Lokale oder Handelsketten diese Speise umbenannt haben.

Strigl: Also diese Verkrampftheit ist - wie die politische Korrektheit insgesamt - aus Amerika importiert. Und punkto "Mohr im Hemd“ bin ich eindeutig dafür, das so zu belassen. Der Begriff "Mohr“ war und ist kein Schimpfwort, sondern ein neutraler, veralteter Begriff. Andreas Mölzer würde nie sagen: "Die EU ist eine Mohrenrepublik“. Es gibt sogar ein afrikanisches Lokal in Wien, wo die Biersorte "Mohrenbräu“ ausgeschenkt wird. Die haben die Selbstironie, sich darüber lustig zu machen - und damit auch über die Verbissenheit der Diskussion. Ich würde mir wünschen, dass man einen Teil der Energie, die man in die Zurichtung der Sprache steckt, in die Verbesserung der Zustände steckt. Es gibt wirklich genug rassistische Übergriffe in Österreich.

Pollak: Das eine schließt das andere nicht aus. Und diese selbstironischen Zugänge gibt es natürlich. Es gibt auch die "Tschuschen-Kapelle“- trotzdem fände ich es respektlos, das Wort "Tschusch“ zu verwenden. Und "Mohr“ ist ein Wort, hinter dem eine Geschichte der Fremdbestimmung und der Sklaverei steckt. Der so genannte Hofmohr Soliman wurde nach seinem Tod ausgestopft und zehn Jahre lang aus-gestellt. Begriffe sind ersetzbar, die Menschenwürde nicht. Man kann ja statt "M*** im Hemd“ "warmer Schokokuchen mit Schlag“ sagen.

Strigl: Die Geschichte des Soliman am kaiserlichen Hof wird doch nicht weniger grausam, wenn ich auf der Speisekarte keinen "Mohr im Hemd“ mehr habe!

Pollak: Aber ich kann die heutige Atmosphäre verbessern, wenn ich auf solche Begriffe verzichte. Der Alltag in unserer Gesellschaft ist sowieso noch rassistisch und frauenfeindlich genug.

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