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Macbeth in New Mexico

Ist es eine Bildungslücke, wenn man US-Serien wie "Six Feet Under", "The Sopranos", "The Wire" oder "Breaking Bad" nicht kennt? Ich behaupte: ja. Kollegen, die als Literaturwissenschaftler ihr persönliches Lektüredefizit nicht auch noch durch ein Serienkonsumdefizit erweitern wollen, wehren sich begreiflicherweise dagegen, Fernsehproduktionen als maßgebliche Kunst unserer Zeit gelten zu lassen.

Nun, da im ORF die allerletzte der 62 Folgen gelaufen ist, führt indes kein Weg am Resümee vorbei: "Breaking Bad", Vince Gilligans Epos über den krebskranken Chemielehrer Walter White, der als Methamphetamin-Koch Heisenberg in Albuquerque zur mythischen Unterweltgröße aufsteigt, ist wohl die beste Fernsehserie, die je produziert wurde: ein Gesamtkunstwerk. Nicht nur, was die Wucht der Geschichte angeht, die Intelligenz und den düsteren Witz des Drehbuchs, die Brillanz der Schauspieler um Bryan Cranston und Aaron Paul, sondern auch in der visuellen Umsetzung, dem raffinierten Suspense, der symbolischen Textur und der Rasanz der Bilder im Wechsel mit stupend langsamen Großaufnahmen. Die Serie führt vor, in welch kleinen Schritten sich die Grenzüberschreitung zum Schurken (alles "für die Familie"!) vollzieht und was skrupellos wirklich heißt.

Mein Serienkonsum war ganz old school: zur Geisterstunde im ORF, zunächst wöchentlich zweimal, dann viermal, was, in gewisser Solidarität mit dem Helden, an der Substanz zehrte. Gegen den Katzenjammer nach dem Ende hilft die internetgestützte Exegese der Anspielungen von Shakespeare bis Walt Whitman. "Ozymandias" heißt eine Folge, und Cranston liest Shelleys Sonett über den gefallenen "king of kings" gänsehauterregend.

Was "breaking bad" bedeutet, wissen übrigens nur Südstaatler: cool vom Pfad der Tugend abweichen, ausrasten, abstürzen, böse enden.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin

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