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Malerisch-musikalischer Import aus Australien

Nach Krzysztof Penderecki, Heinz Holliger, Tan Dun, Cristóbal Halffter, HK Gruber und James MacMillan ist Brett Dean Composer in Residence in Grafenegg.

Was man mit einer Person, die man kennt, verbindet, merkt man sich besonders lang und eindringlich. Dieser Idee ist der Composer in Residence geschuldet. Nichts anderes als die Einladung an einen lebenden Komponisten, sich im Rahmen einer Personale zu präsentieren, wozu sich meist der Auftrag für ein neues Werk hinzugesellt. Wie seit Beginn beim Grafenegg Festival. Auch diesen Sommer wird diese von "Nali“ Gruber angeregte Tradition fortgeführt. Wiederum mit einem prominenten Namen, der zu den führenden Vertretern seiner Zunft gehört, auch wenn er in Österreich noch nicht so bekannt ist wie im angelsächsischen Raum oder in Deutschland, was biographisch zu erklären ist. Der 1961 im australischen Brisbane geborene Brett Dean war fünfzehn Jahre, von 1985 bis 2000, Bratschist der Berliner Philharmoniker.

Violine studiert, dann komponiert

Begonnen hat er seine musikalische Laufbahn im heimatlichen Australien, wo er heute wieder lebt. Sein Violine- und Bratschenstudium am Queensland Conservatory of Music in Brisbane schloss er 1982 als "Student of the Year“ ab. Anschließend wirkte er als Konzertmeister bei australischen Orchestern und tourte als Solist durch Australien und Asien. 1984 ermöglichte ihm ein Stipendium des Australia Council seine Studien in Berlin fortzusetzen, wo er bald von den dortigen Philharmonikern engagiert wurde. In der Folge musizierte er auch in einer ihrer Kammermusikformationen, dem Scharoun Ensemble, und arbeitete regelmäßig mit australischen Rockmusikern zusammen.

Anfang der 1990er Jahre begann er seine kompositorischen Aktivitäten zu intensivieren, erhielt rasch zahlreiche Kompositionsaufträge - beispielsweise des Ensemble Modern oder des Choreographen Jirˇí Kylián für das Nederlands Dans Theater - und bekam für sein Schaffen zahlreiche internationale Preise sowie Einladungen als Composer in Residence beim Melbourne Symphony Orchestra oder dem britischen Cheltenham Festival. 2010 wurde in Sydney seine erste Oper, "Bliss“, uraufgeführt.

Seine Kompositionstechnik vergleicht Dean, der nie Komposition studiert hat, mit der Arbeit eines Malers, der verschiedene Farbschichten auf eine Leinwand aufträgt, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Sein Œuvre besticht durch exzellente Orchestrierung und ist durch unterschiedliche Anregungen geprägt.

So ist sein populärstes Werk, "Carlo“, durch das Leben und die Musik Gesualdos inspiriert, "Testament“ durch Beethovens "Heiligenstädter Testament“, das Orchesteropus "Beggars and Angels“ durch Bilder von Deans Gattin Heather Betts und Skulpturen von Trax Windisch. "Ariel’s Music“ für Klarinette und Orchester verdankt seinen Titel dem Vornamen eines Aids-Opfers. In "Pastoral Symphony“ reflektiert Dean unberührte und zerstörte Natur in Queensland, sein Orchesterwerk "Ceremonial“ sieht er als Einspruch gegen den Irak-Krieg.

Dean als Solist in Grafenegg

Die Grafenegger Dean-Personale konfrontiert zur Festival-Eröffnung mit der österreichischen Erstaufführung der Orchesterszene "Amphitheater“ durch die Tonkünstler unter Andrés Orozco-Estrada. Die zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker musizieren "Twelve Angry Men“, Dean bringt als Solist mit den Tonkünstlern unter Kazushi Ono sein Viola-Konzert zur Aufführung, und das Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck engagiert sich für "Komarov’s Fall“. Håkan Hardenberger wird Deans im Auftrag von Grafenegg, dem City of Birmingham Symphony Orchestra, dem Danish Symphony Orchestra und dem Gewandhausorchester Leipzig komponiertes Trompetenkonzert uraufführen.

Darüber hinaus gibt es Brett Deans Wolf-Lieder sowie mit dem Philharmonia Orchestra London unter Esa-Pekka Salonen das Beethoven-Stück "Testament“ zu hören. Und wer wissen will, wie sehr Brett Dean mit seinem Stil Studenten beeinflusst, kann dies in einer Matinee am 18. August miterleben. Hier präsentiert er die Teilnehmer seines Grafenegg-Workshops mit ihren dabei entstandenen Werken.

Zu den weiteren Höhepunkten des Grafenegg Festivals zählen Konzerte der Wiener Philharmoniker unter Lorin Maazel, des Royal Philharmonic Orchestra und des NHK Symphony Orchestra unter Charles Dutoit, des London Symphony Orchestra mit Frank Peter Zimmermann, des Mariinsky-Orchesters unter Valery Gergiev, des Concertgebouw Orkest unter Daniele Gatti und der Münchner Philharmoniker unter Semyon Bychkov. Festivalchef Rudolf Buchbinder ist mehrmals als Solist und Kammermusiker zu hören.

Grafenegg Festival 2013

16. August bis 8. September

www.grafenegg.com

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