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"Man darf ja träumen"

Die Diplomatische Akademie in Wien begeht Ende Juni ihr 250-Jahr-Jubiläum. Anlass für ein Gespräch mit Direktor ernst sucharipa über Diplomatie heute: Wozu braucht es Botschaften in EU-Partnerländern? Wären prominente Quereinsteiger nicht bessere Diplomaten? Und warum ist der "Bussi-Bussi-Kontakt" (Sucharipa) zwischen Außenministern nicht genug?

Die Furche: Diplomatie hat es gegeben, Diplomatie wird es geben - warum ist das so?

Ernst Sucharipa: Sie stellen da etwas apodiktisch fest, was in der Zunft der Diplomaten durchaus hinterfragt wird. Nicht dass wir unmittelbar Zukunftsängste haben, aber ich sehe es nicht als gegeben an, dass es uns Diplomaten der alten Schule in alle Ewigkeit geben muss.

Die Furche: Was wären denn die Diplomaten der neuen Schule?

Sucharipa: Das Aufgabengebiet von Diplomaten hat sich grundlegend geändert. Die Zeiten, in denen ein Diplomat eigenständig ein schwieriges Abkommen ausverhandeln musste, sind mehr oder minder vorbei - ganz sicher im EU-Rahmen, aber auch in anderen Relationen. Heute sind Diplomaten die Vertretung ihrer Heimat vor der Zivilgesellschaft des Gastlandes in Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft...

Die Furche: Botschaften als Public-Relations-Büros?

Sucharipa: Braucht ein österreichischer Museumsdirektor Kontakte im Ausland, um eine Ausstellung zu organisieren, gehört das heute genauso zur Aufgabe eines Botschafters wie wenn die Wirtschaft Ansprechpartner sucht. Deswegen sind für Diplomaten jetzt ganz andere Fähigkeiten ausschlaggebend. Wie ich angefangen habe, hat man als Diplomat Pressekontakte tunlichst vermieden. Diese latente Ängstlichkeit gegenüber den Medien ist heute fehl am Platz. Gerade im Ausland braucht man Medien, um sein Anliegen rüberzubringen.

Die Furche: Treten damit die politischen Aufgaben für einen Diplomaten in den Hintergrund?

Sucharipa: Da muss man vorsichtig sein. Die Außenminister treffen sich zwar regelmäßig, in der EU bald wöchentlich - und sind nach einiger Zeit recht gut bekannt, per Du und Bussi-Bussi. Aber diese Zwei-Minuten-Kontakte bergen die Gefahr in sich, dahinter liegende echte Probleme zu übersehen. Illusion of familiarity heißt dieses Manko. Solche Kontakte täuschen Vertrautheit vor, obwohl es an der tieferen Kenntnis eines Landes und von dessen Umständen fehlt. Dieses wichtige Plus an Wissen kann nur eine Botschaft vor Ort einbringen.

Die Furche: Gilt das auch für Botschaften innerhalb der EU?

Sucharipa: Das hängt davon ab, wie ich mir den EU-Integrationsprozess weiter vorstelle. Wenn man die volle Länge geht, also EU als politische Union etc., dann werden die Botschaften anderer Mitgliedsländer zu Institutionen, die den Bundesländervertretungen in Wien entsprechen. Das Nachbarhaus der österreichischen Botschaft in Berlin beherbergt die Landesvertretung von Baden-Württemberg - eine Fahne hängt am Haus, und auf den ersten Blick merkt man keinen Unterschied zu einer Botschaft. In diese Richtung gehen wir. Unsere Botschaften in anderen EU-Ländern werden in Zukunft weniger dem politischen Geschäft, sondern mehr der kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Präsenz dienen.

Die Furche: Sollen EU-Länder sich zusammentun und gemeinsam Botschaften im Nicht-EU-Ausland aufmachen?

Sucharipa: Es gibt Delegationsbüros der Kommission, die aus der EU-Entwicklungszusammenarbeit heraus entstanden sind. In der EU-Verfassung ist vorgesehen, dass diese Büros die Außenstellen des EU-Außenministers werden. Beim Zusammenlegen von Vertretungen einzelner EU-Länder muss man sich das Platz für Platz anschauen. Was ist effizienter: aus einem größeren Büro heraus zu operieren oder mühsam eine Mini-Botschaft zu betreiben?

Die Furche: Scheitern solche Zusammenlegungen nicht daran, dass nationale Interessen sehr oft Wirtschaftsinteressen sind?

Sucharipa: Bei Wirtschaftsinteressen hört die Freundschaft auf. Daran sind gemeinsame EU-Büros ja auch bisher gescheitert. In den wenigen Fällen, wo das gelungen ist, geht es über den gemeinsamen Portier nicht hinaus. Trotzdem muss man sich das mehr und mehr überlegen.

Die Furche: Soll die EU-Integration in einen gemeinsamen europäischen Sitz im UN-Sicherheitsrat münden?

Sucharipa: Das ist auf absehbare Zeit eine Illusion, aber eine, die man anstreben soll. Österreich denkt schon seit Jahren in Richtung einer einheitlichen EU-Vertretung im Sicherheitsrat. Noch sind wir von einer gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU weit entfernt. Am besten sieht man das im Sicherheitsrat, wo Frankreich und Großbritannien eifersüchtig auf ihre letzten Reste der Vorrangstellung als ehemalige Kolonialmächte und Atommächte pochen. Es ist eine Illusion, dass sich diese Staaten aus eigenem Antrieb heraus beschneiden lassen. Aber man darf ja träumen. Und es gibt Anzeichen, dass die jeweilige EU-Präsidentschaft versucht, im Sicherheitsrat für die EU als Ganzes zu sprechen. Ein schöner Erfolg ist es dann, wenn die anderen Mitgliedsländer nach der Wortmeldung der Präsidentschaft nicht mehr einzeln ihre Meinung kundtun.

Die Furche: Was halten Sie von Quereinsteigern ins diplomatische Geschäft? Könnten Prominente nicht vielleicht die besseren Botschafter Österreichs sein?

Sucharipa: Bei den Amerikanern funktioniert das. Rund ein Drittel der Botschafter wird vom Präsidenten nominiert. Aber eine US-Botschaft hat zwischen 40 und 60 Mitarbeitern. Da gibt es den Botschafter und seinen Stellvertreter, der eigentlich das ganze Werkl in Schwung hält. Die durchschnittliche österreichische Botschaft besteht aus drei, vier Leuten. In der Konstellation ist es undenkbar, einen Promi von außen zu holen, der sich ja auch mit dem täglichen Verwaltungskram herumschlagen muss.

Das Gespräch führten Wolfgang Machreich und Rudolf Mitlöhner.

"Positiv im Ausland wirken"

"Zu uns kommen Menschen mit einem sehr ausgeprägten und positiven Österreich-Bewusstsein; Menschen, die sich kritisch mit den Verhältnissen im eigenen Land auseinander setzen und die positiv im Ausland wirken wollen": So beschreibt Ernst Sucharipa, Direktor der Diplomatischen Akademie, die Studierenden seines Hauses. Vor 250 Jahren, 1754, wurde es als Orientalische Akademie von Maria-Theresia gegründet, weltweit die erste Institution dieser Art; die Schüler wurden damals "Sprachknaben" genannt. Orientalische Sprachen seien in der sich herausbildenden Diplomatie enorm relevant gewesen, so Sucharipa, da habe es einen Nachholbedarf gegeben. Die Ausbildung sei dann "rasch breiter" geworden, im Hinblick auf "die vielen Konsularposten, die die Monarchie in der Levante, im Osmanischen Reich, aber auch in arabischen Ländern zu vergeben hatte". Aus der Orientalischen Akademie ging 1898 die Konsularakademie hervor, in deren direkter Nachfolge wurde 1964 - vor 40 Jahren, auch das also ein Jubiläum - schließlich die Diplomatische Akademie Wien eingerichtet. Heute bietet das Haus ein vielfältiges Studienprogramm, das junge Akademiker auf internationale Karrieren in Politik, Wirtschaft und Kultur vorbereitet. Der 1947 in Wien geborene Ernst Sucharipa ist seit 1999 Direktor, einer breiteren Öffentlichkeit wurde er im Jahr 2000 als Sonderbotschafter der Bundesregierung für Restitutionsangelegenheiten bekannt. Mitte der 80er Jahre war Sucharipa Kabinettschef von Außenminister Leopold Gratz, von 1993 an fungierte er als österreichischer UN-Botschafter in New York.

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