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Manieren für Bornierte

Wer heute in der Hitze der Stadt unterwegs ist, der wünscht sich schon manchmal, es gäbe noch einen altmodisch unbestrittenen Begriff von gutem Benehmen. Schön also, dass trend-Herausgeber Helmut A. Gansterer unter dem Titel Darf man per E-Mail kondolieren? einen Knigge des 21. Jahrhunderts geschrieben hat. Gegen das Drängen und Vordrängen hat er freilich nichts. Kalte Buffets sind für ihn "freies Kriegsgebiet". Und wer im Urlaub am Pool in den Wettbewerb um die besten Plätze gerät, ist selber schuld: "Billigkämpfe" für Billigreisende. Die Frage, ob man an der Budel ältere Damen vorlassen müsse, verblüfft ihn, heißt das doch, dass es "üblich ist, sich beim Einkauf von Lebensmitteln anzustellen (was für mich interessant und neu war, da ich nie einkaufe)". Dass er an Rücksichten keine Zeit zu verlieren hat, ist einer der Gründe, warum Herr Gansterer nur solche Produkte einkauft, "für die man mit dem Verkäufer präzise Termine als Einzelkunde ausmacht, also Maßschuhe, Maßanzüge, Uhren vom Hübner oder seltene Cabriolets".

Kann man so was ernst nehmen? Man muss. Denn der Autor hat schließlich "viele der Weltbesten kennen gelernt, beispielsweise die Herren Kaku, Gates, Scully, Young, Morita, Kishimoto, Yamamoto, Pischetsrieder, Levy, de Benedetti, Shih, Rams". Und die Weltbesten trifft man nicht beim Billa.

Wer in Einzelterminen seltene Cabriolets kauft, der stellt sich auch die nicht direkt zur Alttagsetikette gehörende Frage, ob man noch "Autos mit starken Motoren" fahren dürfe, "die mehr schlucken als der selige Juhnke"? Die Antwort überrascht nicht: Ja. Denn "große starke Autos kommen billig, schonen die Ressourcen, verschönern die Gegenwart und verlängern die Zukunft. Streng genommen sind sie höflicher als je ein Mensch sein könnte." So ist es halt, das 21. Jahrhundert.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin in Wien.

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