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Manufaktur 3.0: Handwerk der Zukunft

1945 1960 1980 2000 2020

Als Konterpart zu Massenproduktion und Wegwerfgesellschaft hat heimisches Handwerk wieder Konjunktur. Moderne Handwerker sind Innovationstreiber mit viel Potenzial, doch es fehlt an guten Ausbildungsmöglichkeiten für die Handwerker-Generation von morgen.

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Als Konterpart zu Massenproduktion und Wegwerfgesellschaft hat heimisches Handwerk wieder Konjunktur. Moderne Handwerker sind Innovationstreiber mit viel Potenzial, doch es fehlt an guten Ausbildungsmöglichkeiten für die Handwerker-Generation von morgen.

Auf der einen Seite eine Matratzenwerkstatt, wo Bausteine aus reinem Naturlatex, latexierter Kokosfaser und biologischer Baumwolle in Handarbeit zu wieder befüllbaren Matratzen "zusammengebaut" werden. Auf der anderen Seite ein französischer Permakultur-Experte, der von einem 93-jährigen Korneuburger Korbflechter die Produktion der Zeitungshalter in den Kaffeehäusern übernommen hat: Die Sparte "Gewerbe und Handwerk" der Wirtschaftskammer Österreich zählt heute 133.856 Unternehmen in 29 Innungen. Schon diese beiden Beispiele von Werkstätten machen klar: Das Handwerk von heute sprengt sämtliche Definitionsversuche.

Mit dem romantisch-nostalgischen Bild vom hemdsärmeligen Handwerker, der in der staubigen Werkstatt seine einsame Arbeit verrichtet, haben diese beiden Werkstätten nichts zu tun. Vielmehr verstehen sie sich als Innovationstreiber, die gesellschaftlich etwas bewegen, weil sie entweder einen sozialen Anspruch haben, besonders ressourcenschonend agieren, digitale Möglichkeiten ausloten oder alte Fertigungstechniken neu interpretieren.

Kulturerbe und Wirtschaftsfaktor

Während das Handwerk in den 70er- und 80er-Jahren ein schlechtes Image hatte, boomen heute Do-it-Yourself, also die Bewegung des Selbermachens, sowie Urban Makers und traditionelle Manufakturen. Ein Trend, den auch die UNESCO aufgegriffen hat: In Kürze erscheint ihre Studie "Traditionelles Handwerk als immaterielles Kulturerbe und als Wirtschaftsfaktor in Österreich" und wird einerseits den Status des Handwerks zeigen, andererseits dessen Innovationsfähigkeit in den Vordergrund rücken.

Die Dach-Plattform ManufakturLab will die innovativen Handwerks-Akteure in Österreich vernetzen und künftig erfolgreicher auf dem Markt positionieren. "Damit das aber geschieht, muss die Lehrlingsausbildung verbessert werden", kritisiert Manufaktur-Lab-Betreiberin Karina Simbürger, "im Moment ist die Ausbildung auf dem Stand von vor 100 Jahren." Der Markt aber brauche hochqualifizierte Leute, die sowohl technologisch als auch handwerklich auf dem neuesten Stand seien -auch um international bestehen zu können. Anforderungen, die das duale Ausbilungssystem im Moment nicht erfüllt, wie kürzlich eine Studie des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) anschaulich vor Augen geführt hat.

Darin wurden 6500 Lehrlinge im letzten Lehrjahr zu ihrer Ausbildung gefragt. Das Ergebnis ist ernüchternd: Jeder und jede Zweite überlegt, die Lehre abzubrechen, weil die verantwortlichen Aus-bildner nie oder nur selten präsent seien oder kaum Rückmeldung geben würden. Problematisch ist auch, dass für 31 Prozent der Befragten ihr jetziger Lehrberuf nur eine alternative Notlösung darstellt, weil sie nichts anderes gefunden haben oder nicht wussten, was sie machen sollten. "Dabei gibt es viel mehr als nur Tischler oder Maurer", weiß Sieglinde Kathrein von "ManufakturLab","leider gehen aber viele Handwerksberufe verloren, weil Lehrberufe zusammengeführt wurden und sich Kleinbetriebe Lehrlinge nicht leisten können."

Gemeinsam mit öffentlichen Institutionen will "ManufakturLab" Lösungen erarbeiten, auch für den zweiten Bildungsweg. Denn wenn etwa eine ausgebildete Architektin mit 50 Jahren ungewollt aus ihrem Beruf fällt und dann Schuhmacherin werden will, gibt es für sie kein geeignetes Angebot -sie müsste wieder mit den 16-Jährigen die Schulbank drücken. Hier kurze Wege zu schaffen, die Praxis zu erlernen, würde viele Ressourcen für den Arbeitsmarkt freisetzen.

Das Abwenden vom schnellen Massenkonsum- sowie Wegwerf-Denken und vermehrte Setzen auf Qualität, Individualierung sowie Entschleunigung spielen auch Peter Bucher in die Arme. Man müsse das Rad nicht immer neu erfinden, sondern das Alte richtig nützen, ist er überzeugt. In seiner Dachplatten-Manufaktur greift der experimentierfreudige Tiroler auf jahrhundertealtes Materialwissen zurück. So hat er nicht nur Dachplatten für den Salzburger Hauptbahnhof wie im 19. Jahrhundert hergestellt, sondern für eine Mauer am Innsbrucker Hauptbahnhof das seit 1930 nicht mehr verwendete Material Romanzement reproduziert.

Bewusstsein für Langlebigkeit

"Nach vielen Tests ist das Produkt letztlich gelungen, weil ich mich in die ursprünglichen Herstellungsmöglichkeiten anno 1870 hineinversetzt habe", erzählt Bucher. Das Meistern des Spagats zwischen Alt und Neu hat Bucher nicht nur eine Vorreiterschaft im Denkmalschutz eingebracht. Auch Architekten moderner Gebäude arbeiten verstärkt mit ihm zusammen: "Seit fünf Jahren achtet man wieder auf die Langlebigkeit der Produkte", weiß Bucher, dessen Dachplatten im Vergleich zu herkömmlichen Eternit-Platten bis zu 120 Jahre länger halten. "Man ist sich der Verantwortung gegenüber den Nachkommen bewusst, weil die Ressourcen zu Ende gehen."

Neben der On-wie Offline-Vernetzung zukunftsträchtiger Unternehmen untereinander sowie mit Regional-Netzwerken wittern die neuen Handwerker Chancen in der Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, wie der Kreativwirtschaft. So sollen neue Märkte und Konsumentenschichten erschlossen werden. "Bisher war die Produktion vor allem in der Stadt die stille Schwester für die Kreativwirtschaft", weiß Elisabeth Noever-Ginthör, Leiterin von "Departure", dem Kreativzentrum der Wirtschaftsagentur Wien, "jetzt gilt es eine Augenhöhe zwischen den beiden Disziplinen herzustellen." So könne man voneinander lernen, neue Produkte und Vertriebswege kreieren und sich Infrastruktur, Arbeitsmethoden sowie Ressourcen teilen.

"Wir teilen uns die großen Maschinen, die Kunden und auch den Gewinn mit anderen Tischlereien und Kreativen", lautet das Business-Modell der Werkstatt "Handgedacht" für Innenarchitektur. Neben hochwertigem Design war den Nachwuchs-Tischlern die Einbeziehung eines vernünftigen Reparaturservices wichtig. Um effizient und ressourcenschonend zu agieren, lag die Idee zur Kooperation nahe. Schließlich gibt es Tischlereibetriebe, deren Maschinen nicht ausgelastet sind und an die man Arbeitsschritte abgeben kann.

So kann sich das "Handgedacht"-Team auf das fokussieren, was es am liebsten tut: "Wir konzentrieren uns auf unsere Kunden und liefern maßgeschneiderte Sonderlösungen", beschreibt der studierte Tischler Martin Aigner den Prozess, in den auch ein Architekten-Team eingebunden ist. Eine Übung, die ihm und seinen Kollegen entgegenkommt -machen sie doch Dinge gerne anders als die anderen: So bieten sie ihr Werkzeug zur Miete feil, und es kann vorkommen, dass sich ein Kunde in der Werkstatt die zugeschnittenen Teile selbst zusammenbaut oder ein Nachbar vorbeischaut, um ein Stuhlbein anzuleimen. An Ideen soll es einer Manufaktur 3.0 schließlich nicht mangeln.

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