Digital In Arbeit

Masern sind keine harmlose Krankheit"

Wolfgang Maurer, Impfexperte von der Medizinischen Universität Wien, kritisiert die Impfgegner.

Die Furche: Herr Doktor, viele Impfgegner lehnen Impfungen generell ab. Sind Sie ein radikaler Befürworter von Impfungen?

Wolfgang Maurer: Für Medikamente gibt es stets Indikationen und Kontraindikationen. So auch fürs Impfen.

Die Furche: Was wäre ein Beispiel für eine Kontraindikation?

Maurer: Ganz allgemein gesprochen müssen die Vorteile die Risiken überwiegen. Eine junge Mutter etwa, die im Ennstal/Schladming lebt, braucht für ihr Kleinkind nicht unbedingt bereits im zweiten Lebenshalbjahr eine FSME-Impfung zu machen. Denn dort gibt es keine FSME-infizierten Zecken.

Die Furche: Impfgegner haben auch ihre Gründe, nicht zu impfen. Einer lautet, dass das Durchlaufen einer Krankheit das Immunsystem trainiert.

Maurer: Kleine Kinder trainieren genug: Bis zum fünften Lebensjahr durchleben sie 40 harmlosere Infektionen. Und wenn sie ein Gramm Dreck am Spielplatz essen, nehmen sie 38.000 Bakterien auf. Außerdem wird auch durch eine Impfung das Immunsystem gefordert. Mit einem Unterschied zur echten Erkrankung: Das Virus ist abgeschwächt, kann sich also nicht so aggressiv im Körper ausbreiten. So bekommt man etwa durch eine Masern-Impfung keine gefährliche Lungenentzündung. Der Körper baut aber sehr wohl die gleichen Antikörper gegen die Krankheit auf.

Die Furche: Anthroposophische Mediziner argumentieren, dass jede Krankheit auch eine spirituelle Dimension hat …

Maurer: Ist ein Fieberdelirium eine spirituelle Erfahrung? Nein, ich verstehe das nicht. Masern sind keine harmlose Krankheit. 1920 ist daran jeder 33. Europäer gestorben.

Die Furche: Einige Eltern fürchten wohl eher, dass ihr Kind einen Impfschaden erleidet.

Maurer: Statistiken sagen etwas anderes. Bei 100.000 Impfungen gegen Masern gibt es 33 Fieberkrämpfe. Das mag für die Eltern schrecklich mitzuerleben sein, ist aber folgenlos. Zum Vergleich: 100.000 Masernfälle führen zu 7.000 Fieberkrämpfen, 100 bis 200 Entzündungen des Gehirns und 100 Toten.

Die Furche: Ärzten sollten diese Zahlen bekannt sein …

Maurer: Ärzte, die medizinisches Wissen leichtfertig ignorieren, verstoßen gegen die Standards ihres Berufsstandes. Für Wiederholungstäter sollte es ernsthafte Konsequenzen geben - bis hin zu einem Berufsverbot.

Die Furche: Und wenn Eltern ihre Kinder trotz allem nicht impfen lassen wollen?

Maurer: Laut §24 der Kinderrechtskonvention haben Kinder Anspruch auf eine höchstmögliche Gesundheit. Früher wurde eine g'sunde Watschen als gut für die Kinder erachtet; heute ist das nicht mehr so. Ich hoffe, dass irgendwann das Nicht-Impfen als das begriffen wird, was es ist: Eine Form der Kindesmisshandlung.

Reinhard Schwarz, Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Österreichs, über die Haltung der anthroposophischen Medizin.

Die Furche: Herr Doktor, mit dem Masern-Ausbruch an einer Rudolf-Steiner-Schule in Salzburg ist auch die anthroposophische Medizin in Kritik gekommen. Worin unterscheidet sich diese von der Schulmedizin?

Reinhard Schwarz: Die Anthroposophische Medizin beschränkt sich nicht nur auf die naturwissenschaftliche Seite, sondern ist auch für das Seelische und Geistige offen. Sie sieht sich als eine durch geisteswissenschaftliche Tatsachen erweiterte Heilkunst.

Die Furche: Was sind das für geisteswissenschaftliche Tatsachen?

Schwarz: Der Mensch ist etwa während oder nach einer Krankheit empfänglicher für spirituelle Erfahrungen - weil der Körper sich durch die Krankheit verändert.

Die Furche: Das mag stimmen. Aber Krankheiten können auch den Körper schädigen, im schlimmsten Falle zum Tode führen.

Schwarz: Rudolf Steiner hat auch vermerkt, dass wir diese spirituellen Erfahrungen nicht unbedingt durch Kranksein machen müssen. Es ist auch möglich, sie zu kompensieren: Etwa durch eine entsprechende Erziehung.

Die Furche: In der Rudolf-Steiner-Schule entschied man sich wohl eher für das Kranksein als für die Erziehung. Die Schule wurde geschlossen; viele Kinder liegen zurzeit mit hohem Fieber im Bett.

Schwarz: Das renommierte Karolinska Institut in Schweden hat 1999 im angesehenen Fachblatt Lancet eine Studie veröffentlicht, wo Kinder aus Regelschulen und Waldorfschulen verglichen wurden. Der anthroposophische Lebensstil ist natürlich ein anderer: Gewisse Krankheiten werden mit Hausmitteln behandelt, auch werden homöopathische Arzneimittel eingesetzt, Junk Food wird gemieden, viele ernähren sich vegetarisch. Das Ergebnis war: Diese Kinder haben deutlich weniger Allergien und weniger Infekte.

Die Furche: Masern sind aber nicht bloß ein einfacher Infekt. Einer von 1000 Patienten entwickelt eine Entzündung des Gehirns. Irreparable Schäden sind dabei möglich, mitunter verläuft die Krankheit tödlich.

Schwarz: Diese Zahl möchte ich bezweifeln. Ein Schulmediziner hat bereits vor 25 Jahren dazu eine Arbeit veröffentlicht: Die Wahrscheinlichkeit liege eher bei 1:10.000.

Die Furche: Damit schützt Impfen aber immer noch 100-mal besser als Nicht-Impfen.

Schwarz: Man muss auch die reale Praxis berücksichtigen. Bei mir landen viele impfkritische Eltern, die von ärztlichen Kollegen kommen, die sie nicht weiter behandeln wollen. In ausführlichen Gesprächen ist es dann oft möglich, Argumente zur Impfung zu finden, die diese Eltern annehmen können. Nein, mit einer militanten Haltung kommen wir einfach nicht weiter.

Die Gespräche führte Thomas Mündle.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau