Materie Mensch als Medikament

Die EU-Kommission will die Forschung an Embryonen, die vor dem 27. Juni 2002 gezeugt wurden, erlauben und gibt damit grünes Licht für ihre Vernichtung.

Das Befürchtete ist eingetreten: Mittwoch vergangener Woche hat die EU-Kommission in Brüssel entschieden, das Ende 2003 auslaufende Moratorium zur gemeinsamen Förderung der Forschung mit Embryonen und embryonalen Stammzellen nicht verlängern zu wollen. Schließen sich EU-Ministerrat und EU-Parlament im Herbst dieser Meinung an, wird ab 1. Jänner 2004 die verbrauchende Embryonenforschung aus den rund zwei Milliarden Euro des sechsten EU-Forschungsrahmenprogramms finanziert. Damit wird eine Forschung gefördert, die systematisch embryonales Menschenleben zerstört, verzweckt und total instrumentalisiert. Dies ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar und daher nach österreichischem und deutschem Recht verboten. In Deutschland wird diese Forschung an menschlichen Embryonen sogar mit Gefängnis bestraft.

Da das sechste Forschungsrahmenprogramm aber eine gemeinsame Forschungsförderung aller EU-Mitgliedstaaten darstellt und die Rechtslage in anderen Ländern eine derartige Forschung zulässt, werden Österreich und Deutschland zur Zahlung dieser Forschungsgelder aus Steuermitteln verpflichtet. Deutschland zahlt 20 Prozent des Gesamtbudgets, aber seine Forscher dürfen wegen der deutschen Rechtslage an der Forschung nicht nur nicht teilnehmen, sondern werden auch kriminalisiert. Für deutsche Forscher gilt dies auch im Ausland.

Embryonen - nicht "Zellen"

Auf den ersten Blick ähnelt der Beschluss der EU-Kommission jener Regelung, die der deutsche Bundestag zum Import von embryonalen Stammzellen beschlossen hat. Der Import dieser Zellen ist demnach in Deutschland straffrei gestellt, wenn die Stammzellen bzw. Stammzelllinien bis zu einem bestimmten Stichtag - dem 1. Januar 2002 - im Ausland hergestellt wurden. (In Österreich ist ein Import von Stammzellen und Stammzelllinien nach geltender Rechtslage nicht explizit ausgeschlossen.)

Auch der Beschluss der EU-Kommission sieht eine Stichtagsregelung vor (27. Juni 2002). Doch der Teufel steckt im Detail: Während es in der deutschen Regelung um einen Stichtag geht, der sich auf bereits hergestellte Stammzelllinien bezieht, betrifft die geplante EU-Norm die Embryonen selbst. Dieses Faktum wird aber in der Öffentlichkeit nicht explizit wahrgenommen. Brüssel scheint hier bewusst mit Verschleierungspolitik zu arbeiten. Selbst aus dem Hause Busquin, das diese Entscheidung wesentlich mit beeinflusst hat, kommen unklare Angaben zum "Gegenstand" der Forschung: Es handle sich um "Zellen", um "Zelllinien", um "embryonale Zelllinien" und vieles mehr. Wenn dann die Tagespresse unklar von Stammzelllinien spricht, mag das nicht nur an der Uninformiertheit der Journalisten liegen, sondern möglicherweise Folge einer gezielten Des- oder Halbinformation sein. Denn es handelt sich bei diesen Zellen gerade nicht um Stammzelllinien, sondern um die Embryonen selbst - und dies will man scheinbar nicht offen aussprechen.

Gezielte Täuschung?

Der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Bioethik der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Peter Liese, kommentierte diese Entscheidung deshalb wie folgt: "Der Vorschlag der EU-Kommission, einen Stichtag für Embryonen festzulegen, ist eine Täuschung und kein Zugeständnis an die Kritiker der Forschung mit embryonalen Stammzellen." Auch andere Politiker sprachen von Täuschung durch die EU-Kommission. Peter Liese weiter: "Jedes Beispiel hinkt, aber man kann die Position der Europäischen Kommission damit vergleichen, dass man entscheidet, Menschen, die vor einem bestimmten Stichtag geboren wurden, zum Zwecke der Gewinnung von Organen zu töten, Menschen die nach diesem Stichtag geboren wurden, jedoch nicht."

Mit dieser Entscheidung ist ein weiterer Quantensprung in der Medizingeschichte vollzogen: Wurden bisher Medikamente aus Pflanzen und aus chemischen Stoffen hergestellt, wird jetzt menschliches Leben hergestellt und als Material verwendet, um Arzneimittel herzustellen. Therapien für unheilbare Krankheiten zu entwickeln ist gut und richtig. Aber als Mittel die Vernichtung menschlichen Lebens einzusetzen und dies mit europäischen Steuergeldern zu finanzieren, bedeutet die Überschreitung einer ethischen Schwelle. Zumal es Alternativen mit adulten Stammzellen gibt und möglicherweise auch mit Zellen aus dem Fruchtwasser, die - wie der Wiener Genetiker Markus Hengstschläger kürzlich veröffentlichte - ähnliche Eigenschaften wie embryonale Stammzellen aufweisen.

Mit der Entscheidung der EU-Kommission ist jedoch der verbrauchenden Embryonenforschung Tür und Tor geöffnet. Alle bis zum 27. Juni 2002 hergestellten und tiefgefrorenen Embryonen - nach Schätzungen geht ihre Zahl in Europa in die Millionen - können nun aufgetaut und für die Forschung verwendet werden - wenn die Eltern zugestimmt haben. Diese Embryonen oder die aus ihnen gewonnenen Stammzellen sollen nach einem Arbeitspapier eines inter-institutionellen Seminars der EU am 24. April dieses Jahres hauptsächlich auch zu Giftigkeits-Prüfungen von anderen Arzneimitteln herangezogen werden. So sollen Tierversuche verringert und durch Versuche an menschlichen Embryonen ersetzt werden. Die Herstellung von Embryonen sowie die damit verbundene Verzweckung menschlichen Lebens sind die neue Zielrichtung der Medizin mit nur vagen Hoffnungen auf gelingende Therapien.

Der reduzierte Mensch

Gerade bei der Therapie muss aber genauer nachgefragt werden: "Der Mensch als Materie" zu therapeutischen Zwecken ist die eine Seite, "der Mensch als materielles Objekt", dessen Teile ausgetauscht und dessen Materie repariert wird, die andere. Es stellt sich die Frage, ob das materielle Bild vom Menschen, das ihn weithin auf seine physikalischen Parameter reduziert, noch ausreicht, um den gegenwärtigen Herausforderungen gewachsen zu sein. In den westlichen Gesellschaften haben sich zunehmend chronische Krankheiten etabliert, die auch mit den Lebensgewohnheiten und den inneren Ausrichtungen der Menschen zu tun haben. Zur Behandlung chronischer Krankheiten reicht der eindimensionale Zugang der naturwissenschaftlichen Medizin nicht mehr aus. Über einen naturwissenschaftlichen und psychosomatischen Ansatz hinaus muss die geistige Dimension des Menschen gesehen werden, die ihn als ein Wesen auszeichnet, dessen Horizont über seine gegenwärtige Welt auf den Gesamthorizont des Seins hinausweist. Diese Blickerweiterung hätte Auswirkungen auf die Interpretation von Krankheiten und deren Therapie. Da die Medizin diese Horizonterweiterung aber nicht leistet (nicht leisten will?), sucht man bei Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Multiple Sklerose, Diabetes, Krebs, Herzerkrankungen das Heil weiterhin in der Materie - jetzt in der Verwendung embryonaler Stammzellen. Materielle Therapie von außen mit der Materie Mensch für die Materie Mensch. Das aber reicht nicht!

Materialistische Medizin

Einseitigkeiten führen in Sackgassen. Die Geistesgeschichte musste schon einmal die Folgen solcher Einseitigkeiten durchleben, als der deutsche Idealismus (Hegel, Fichte, Schelling) sich vornehmlich mit dem Phänomen des Geistes befasste und später Karl Marx meinte, "Hegel auf die Füße stellen" zu müssen. Er entwickelte seinen "dialektischen Materialismus" mit allen Folgen der Unterdrückung von Menschen, die bekannt sind. Könnte ein "dialektischer Materialismus der Medizin" mit all seinen Einseitigkeiten auch beginnen, Menschen zu verzwecken, obwohl alles nach Heilung, Therapie und menschenwürdigem Sterben (Euthanasie) aussieht? Es ist höchste Zeit, genau hinzusehen, bevor es zu spät ist.

Im Herbst müssen EU-Ministerrat und EU-Parlament über den Beschluss der Kommission ent- scheiden. Die deutsche Bundesregierung will die geplante Forschungsförderung verhindern und mit den Regierungen von Österreich, Irland, Italien, möglicherweise auch Spanien und Portugal, einen Gegenvorschlag einbringen. Noch ist Zeit, nutzen wir sie!

Der Autor ist Mediziner, Pharmazeut, Theologe, Philosoph und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien.

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