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Mattes "Wiener Blut"

1945 1960 1980 2000 2020

Bunte Johann-Strauß-Operette im Theater an der Wien.

1945 1960 1980 2000 2020

Bunte Johann-Strauß-Operette im Theater an der Wien.

Werner Schneyders Inszenierung von "Wiener Blut" im Theater an der Wien ist eine gediegen gesungene, bunte Strauß-Operette, ohne Furcht vor Klischee und Kitsch.

"Wiener Blut, eig'ner Saft, voller Kraft, voller Glut!" Allein das Thema strotzt von Pathos und Idealisierung. Mit der Verruchtheit eines Casanova haben die Affären des Grafen Zedlau freilich nichts zu tun. Als zugereister Gesandter von Reuß-Schleiz-Greiz bewegt er sich zwischen abwesender Frau und Geliebter ziemlich hilflos umher. Ohne seinen Kammerdiener Josef, der die Herrschaft tapfer verleugnet, würde der Graf (Gunnar Gudbjörnsson) auf dem berühmt- berüchtigten Wiener Parkett wohl nur noch schlittern.

Die vielbeschworene "Glut" des Wiener Blutes ist absolut jugendfrei, ziemlich matt, und am ehesten noch bei Karussellbesitzer Kagler, dem Vater der gräflichen Geliebten, zu finden. Mit Wolfgang Böck ist er großartig besetzt, allein der dialektreiche Zungenschlag macht Freude. Von ihm kommen auch die wenigen kritischen Bemerkungen, beispielsweise zu Hundeliebe, Asylantenfeindlichkeit oder Neutralität. Der vom Verwirrung stiftenden Premierminister Fürst Ypsheim-Gindelbach (Christoph Homberger) nie verstandene Slang läuft als running gag durch die Inszenierung. Patrioten wird diese musikalische Hommage an charmante Wiener Kavaliersdelikte immer begeistern. Alle anderen könnten sich in dieser Inszenierung über ein vor allem nach dem steifen ersten Bild mit vielen Spiegeln und einer Treppe variantenreiches Bühnenbild von Benedikt Herforth freuen.

Birgid Steinberger ist eine herausragende Geliebte, beweglich, immer verständlich, mit einer klaren Stimme. Gabriela Bone als herzensbrechende, aber durchaus emanzipiert ruppige Probiermamsell Pepi überzeugt vor allem durch lebendiges Spiel, ihr Freund, der Kammerdiener Josef (Marko Kathol), ragt unter den männlichen Darstellern heraus.

Die opulent farbenfrohen Kostüme von Monika von Zallinger sorgen auf der operettenhaften Bühne immerhin für einen Augenschmaus. Insgesamt ein entschlacktes, braves Stück Operette mit einem mißratenen Schluß, aber nicht mehr.

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