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Medien im Drogenkrieg

Seit der Konflikt zwischen den mexikanischen Drogenkartellen und der Regierung eskaliert, ist das Land gefangen in einem Teufelskreis der Gewalt, aus dem es keinen Ausweg findet. Immer wieder geraten die Medien zwischen die Fronten.

Mexiko ist seit geraumer Zeit für Journalisten eines der gefährlichsten Länder der Welt. Ende Juni wurde in Mexiko ein Journalistenehepaar ermordet, einige Wochen später wurde die Leiche eines Hörfunkreporters gefunden, kurz darauf wurden vier Journalisten verschleppt – vermutlich vom mächtigen Sinaloa-Kartell. Die Reporter überlebten nur, weil sich ihr Auftraggeber auf die Bedingungen der Entführer einließ: Sie forderten, dass Fernsehsender Videos ausstrahlten, auf denen rivalisierende Banden der Korruption der lokalen Polizei beschuldigt wurden.

244 Übergriffe auf Journalisten

Sie hätten nur ihre Arbeit machen wollen, sagte einer der entführten Journalisten nach seiner Freilassung vergangene Woche (siehe Bild oben). Doch wenn die Arbeit darin besteht, das aufzudecken, was die Drogenkartelle lieber verschlossen halten wollen, oder Meinungen zu vertreten, die den Bossen übel aufstoßen, dann bringen sich Journalisten in Mexiko schnell in Gefahr. 244 Übergriffe auf Medienschaffende zählte die Menschenrechtsorganisation „Artículo 19“ im vergangenen Jahr. Innerhalb von zehn Jahren wurden nach Angaben von „Reporter ohne Grenzen“ 67 Journalisten ermordet. Mexiko ist damit für Medienschaffende eines der gefährlichsten Länder der Welt. Vor allem in der Provinz, in den kleinen Tageszeitungsredaktionen, den Stadtradios und örtlichen Fernsehsendern spüren Journalisten die Macht der Drogenbanden. Immer öfter trifft es aber auch die großen Medienunternehmen: Redakteure halten Informationen zurück, schreiben Nachrichten um oder ziehen sich komplett aus der Berichterstattung über den Drogenhandel zurück. Manche suchen sich eine ungefährlichere Arbeit oder fliehen aus ihren Heimatorten – einige bis in die USA oder nach Europa.

„Mexiko entwickle sich erschreckend ähnlich wie Kolumbien”, sagt der Journalist Klaus Ehringfeld. Seit neun Jahren schreibt Ehringfeld als Korrespondent für deutsche Medien aus Mexiko-Stadt. Tag für Tag beobachtet er, unter welchem Druck seine mexikanischen Kollegen arbeiten, hört, wie bewaffnete Banden versuchen, sie einzuschüchtern und ihre Arbeit behindern. Kolumbien ist für seine einflussreichen Drogenkartelle und ihre brutalen Verteilungskämpfe weltweit bekannt. Dass die mexikanischen Mafiabanden mittlerweile als weit mächtiger gelten, manche Bundesstaaten nahe der US-Grenze einem Schlachtfeld ähneln, steht dagegen nur selten in der Zeitung. Der Grund: Selbst ausländische Korrespondenten können sich dort nur eingeschränkt bewegen und recherchieren. „Man muss extrem aufpassen, mit wem man spricht und was man schreibt”, erklärt Ehringfeld.

Eine Stadt ist über die Grenzen Mexikos hinaus bekannt: In Ciudad Juárez starben vergangenes Jahr 2500 Menschen bei Auseinandersetzungen. Der Terror der Kartelle zeigt Wirkung: Die Hinrichtungen auf offener Straße, die Folter und die brutalen Misshandlungen vor den Augen der Öffentlichkeit seien eine gezielte Strategie der bewaffneten Banden, um Angst zu verbreiten, sagt die Journalistin María Idalia Gómez. Niemand soll sich sicher fühlen. Gómez, 39, wohnt in Mexiko-Stadt, regelmäßig recherchiert sie aber an der US-mexikanischen Grenze und in den Drogenanbaugebieten im Nordwesten des Landes. Seit die Gewalt zugenommen hat, ist sie vorsichtiger geworden: Die Journalistin reist nicht mehr alleine, informiert sich genau, wohin sie geht, und versucht immer Vertrauensleute zu treffen.

Krieg auf offener Straße

Auf ihrem Mobiltelefon sind für Notfälle auch die Nummern von Polizisten und Bekannten in der Regierung eingespeichert. Über die Jahre habe sich die Lage immer weiter verschlechtert, sagt sie. Und es wird immer schwieriger, einen Ausweg aus der Gewalt zu finden.

Mexikos Präsident Calderón begann 2006, das Militär gegen die Kartelle einzusetzen – seither sind mehr als 28.000 Menschen getötet worden. Hinzu kommen weitere Morde, die jedoch nie an die Öffentlichkeit gelangen, weil die mexikanische Presse nicht mehr frei recherchieren und berichten kann. In vielen Fällen halten sich Journalisten an die Veröffentlichungen von Polizei und Justiz. Doch auch die ist in die illegalen Geschäfte eingebunden. Heute wissen die Journalisten ganz genau, dass sie nicht zu den Behörden kommen brauchen, wenn sie sich nicht einem Risiko aussetzen wollen, sagt Balbina Flores von der Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“.

Die Journalisten schweigen oder sterben – aus Angst vor Übergriffen zensieren sie sich vor allem selbst. Die Zeitungen und Nachrichtensendungen in Mexiko sind zwar voll mit den blutigen Bildern des Konflikts, nur selten recherchieren Reporter aber im Milieu der Kartelle. Die Folge: Niemand weiß mehr genau, was eigentlich passiert. Das Ausmaß des Drogenhandels wird immer schwerer zu fassen. Das Land verliert seine Journalisten, seine Augen und Ohren. Mexiko droht den Bezug zur Realität zu verlieren.

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