Karl Lauterbach - © Foto: picturedesk.com / Action Press / Frederic Kern

Corona-Berichterstattung: "Einseitig? Unkritisch? Parteiisch?"

1945 1960 1980 2000 2020

Zu Beginn der Pandemie waren Journalistinnen und Journalisten mit einem völlig neuen Ereignis konfrontiert. Dieses hat aber auch gezeigt, dass es im deutschsprachigen Raum stark an Wissenschaftsjournalisten fehlt. Über Corona und die Medien. Ein Gastkommentar. 

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Zu Beginn der Pandemie waren Journalistinnen und Journalisten mit einem völlig neuen Ereignis konfrontiert. Dieses hat aber auch gezeigt, dass es im deutschsprachigen Raum stark an Wissenschaftsjournalisten fehlt. Über Corona und die Medien. Ein Gastkommentar. 

War die Corona-Berichterstattung im deutschen Sprachraum zu einseitig, zu unkritisch und zu regierungsnah? Haben die Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender parteilich und oberflächlich oder ausgewogen und informativ informiert?

Zwei Studien, die von der Rudolf Augstein-Stiftung finanziert und kürzlich in Berlin vorgestellt wurden, liefern für Deutschland erste Befunde. Marcus Maurer und Simon Kruschinski (Universität Mainz) sowie Carsten Reinemann (Universität München) haben dazu in elf Leitmedien bis Ende April 2021 die Corona-Berichterstattung analysiert.

In puncto „Relevanz“ halten sie fest, zwischen der Intensität der Medienberichterstattung und des Infektionsgeschehens habe „ein eher loser Zusammenhang bestanden“. Das ist eine sehr wohlwollende und vorsichtige Beschreibung des Berichterstattungs-Overkills, mit dem uns die Medien ab März 2020 rund um die Uhr über Wochen und Monate hinweg in Angst und Schrecken versetzt und die Politik in Zugzwang gebracht haben, obschon weder die Journalisten noch die Wissenschaftler über das Virus viel wussten.

Jonglieren mit Zahlen

Die Medien hätten zu Beginn der Pandemie mit einer „völlig neuen, rasch eskalierenden Situation“ und einem erheblichen Maß an Unsicherheit umgehen müssen, so die Forscher. Solchen Krisensituationen werde „oftmals durch eine Orientierung an offiziellen und etablierten Quellen“, sowie durch eine „intensive Koorientierung“ begegnet – was nichts anderes heißt, als dass die Journalisten sich gegenseitig über die Schultern gucken und bestätigen.

Die Wissenschaftler sehen hier die Gefahr, „dass sich eine medienübergreifende Konsonanz der Berichterstattung entwickelt, also ein Gleichklang, der weniger auf eine unstrittige quasi-objektive Bewertung von Geschehnissen gründet, als vielmehr das Ergebnis gegenseitiger Bestärkung innerhalb des Mediensystems ist.“ Hinzu kam, dass auch in den Talkshows weit mehr Politiker als Experten aus dem Gesundheitssystem zu Wort kamen – so haben Thorsten Faas (FU Berlin) und Mona Krewel (Victoria University of Wellington) in ihrer Studie „Corona-Sprechstunde“ herausgefunden, die sich den einschlägigen Sendungen von Maybritt Illner, Anne Will und Frank Plasberg widmet.

Obendrein seien in den Talkshows die Regierungsparteien stark überrepräsentiert gewesen. Die Wissenschaftler bewerten 95 Prozent der Diskussionsbeiträge als „sachlich“ und nur fünf Prozent als „emotional“. In welche Richtung diese „Sachlichkeit“ angesichts der starken Präsenz von Vertretern der Regierungsparteien – allein Karl Lauterbach hatte 22 Auftritte in den drei Talksendungen – ausschlug, ist allerdings kaum verwunderlich: 68 Prozent der Statements unterstützten die Regierungsmaßnahmen, nur 22 Prozent waren negativ und zehn Prozent ambivalent.

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